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J. Dagen, A.-S. Barrovecchio (Hg.):Voltaire et le Grand Siècle (Volker Steinkamp)

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Voltaire et le Grand Siècle, sous la dir. de Jean Dagen et Anne-Sophie Barrovecchio

Francia-Recensio 2008/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Voltaire et le Grand Siècle, sous la dir. de Jean Dagen et Anne-Sophie Barrovecchio, Oxford (Voltaire Foundation) 2006, XXII–441 S., ISBN 0-7294-0884-1, GBP 70,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Volker Steinkamp Duisburg/Essen

Schon Paul Valéry hat – in einem Vortrag im Jahre 1945 wenige Wochen vor seinem Tod – in Voltaires historiographischer Schrift »Siècle de Louis XIV« den eigentlichen Ursprung der Kanonisierung des ludovizianischen Zeitalters gesehen, das von nun an als eine unerreichte Glanzzeit, als Grand Siècle Eingang in das französische Nationalbewusstsein finden sollte. Voltaires »peinture d’un siècle admirable«, wie er selbst sein Werk genannt hat, kommt aber auch aus methodologischer Hinsicht eine besondere Bedeutung zu, ist sie doch – zusammen mit dem umfangreichen »Essai sur les mœurs« – zugleich der Versuch einer neuen Form von Geschichtsschreibung, die sich nicht mehr auf die politische und militärische Ereignisgeschichte beschränken will, sondern sich vor allem als »histoire de l’esprit humain« versteht. Ob Voltaire dieses anspruchsvolle Programm einer sich selbst als philosophisch deklarierenden »Kulturgeschichtsschreibung« selber bereits in die Tat umgesetzt hat, kann dabei weiterhin als ebenso umstritten gelten wie die Bedeutung des großen Aufklärers als Historiker überhaupt.

Diese und andere Fragen waren Gegenstand eines international und mit ausgewiesenen Voltaire-Kennern besetzten Kolloquiums, das 2001, also genau 250 Jahre nach der Erstveröffentlichung des »Siècle de Louis XIV« im Jahre 1751 (in Berlin), an der Pariser Sorbonne statttgefunden hat. Dessen Akten liegen nunmehr in einem umfangreichen, mit einer reichhaltigen Bibliographie sowie detailliertem Index sehr sorgfältig ausgestatteten und zudem mit einer gehaltvollen Einführung des Herausgebers Jean Dagen versehenen Band aus der Reihe der Oxforder »Studies on Voltaire and the Eighteenth Century« vor.

Die insgesamt 29 Aufsätze des Bandes, auf die hier aus Platzgründen nicht näher einzeln eingegangen werden kann, sind dabei in vier thematisch nicht immer klar voneinander abzugrenzende Kapitel unterteilt. Die Beiträge des ersten Kapitels »Écrire l’histoire« handeln vor allem von der Methode des Historikers Voltaire, ihren expliziten oder impliziten Voraussetzungen und gehen der noch immer aktuellen Frage nach, inwieweit die Schrift »marque une date dans l’histoire de l’historiographie« (Dagen, S. X). Das Fehlen und die ausdrückliche Ablehnung einer wie auch immer gearteten Geschichtsphilosophie im eigentlichen Sinne stehen dabei, wie vor allem Diego Venturino zeigt, einer »philosophischen« Betrachtung der Geschichte, verstanden als zunehmende, wenngleich immer auch gefährdete Ausbreitung der aufklärerischen Vernunft, nicht im Wege, scheinen vielmehr erst das differenzierte »clair-obscur« der Voltaireschen Geschichtsschreibung zu ermöglichen.

Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels »Quelle histoire? « steht so – neben erneut eher methodologisch ausgerichteten Betrachtungen zum Verhältnis von Geschichtsschreibung und Roman (Iotti) – die Frage, welche Bedeutung dem ludovizianischen Zeitalter im Rahmen der Voltaireschen Zivilisationsgeschichte als Ende des barbarischen Zeitalters und eigentlichem Beginn des »siècle de la raison« zuzuerkennen ist. Auch hier scheint ein differenzierter Blick auf Voltaires zwischen »progrès« und »décadence« schwankendes Geschichtsbild angebracht (Dunyach). Auch ist sein Bild des Sonnenkönigs bei aller Panegyrik keineswegs frei von Kritik, was sich sowohl im Vergleich mit Saint-Simons »Mémoires« (De Weerdt-Pilorge), als auch bereits anhand der zeitgenössischen Rezeptionsgeschichte des »Siècle de Louis XIV« nachvollziehen lässt (Moureaux, Bessire).

Die Beiträge des dritten Kapitels »Modèles et contre-modèles« nehmen dagegen die Rezeption des literarischen 17. Jahrhunderts in den Blick. Voltaire lässt zwar das Zeitalter Ludwigs XIV. mit der Gründung der Académie française 1635 beginnen, misst ihr aber ansonsten ebenso wie den anderen literarischen Institutionen eher wenig Bedeutung zu (Viala). Als wichtiger zumal für die eigene literarische Produktion des Klassizisten und Tragödiendichters Voltaire erscheint dagegen seine Auseinandersetzung mit einzelnen Autoren wie Boileau (Ferret) und Bossuet (Lee), vor allem aber auch mit der klassischen Tragödie (Barbafieri) und – auf den ersten Blick vielleicht überraschend – mit der Oper des 17. Jhs. (Guyon-Lecoq). Eine Sonderstellung gebührt dabei zweifelsohne dem Verhältnis zu La Fontaine, dem großen Außenseiter des Grand Siècle, dem Voltaire bezeichnenderweise stets mit großer Distanz begegnet ist (Cronk).

Das vierte und letzte Kapitel »Enjeux« widmet sich – nach einem eher politisch ausgerichteten Beitrag über Voltaires Beziehung zum Pariser Parlament (Campbell) – vor allem der Rolle des Religiösen und der Glaubensgemeinschaften im »Siècle de Louis XIV«. Voltaires Kritik der Hugenotten als »séditieux« (Lauriol), ihrerseits heftig umstritten, weil nur schwerlich mit seinem aufklärerischen Einsatz für die Toleranz – man denke nur an die Affaire Calas – in Einklang zu bringen, wird ebenso behandelt wie sein komplexes Verhältnis zu Pascal (McKenna, Michon) sowie zu den Jansenisten und zum Jansenismus insgesamt (Force, Cottret).

Man muss Condorcets enthusiastisches Urteil, wonach Voltaire »une révolution dans la manière d’écrire l’histoire« bewirkt habe, nicht uneingeschränkt übernehmen, um auch 250 Jahre nach Erscheinen des »Siècle de Louis XIV« seine enorme Bedeutung und Nachwirkung als eine der zentralen Schriften des siècle des Lumières anzuerkennen. Gerade in der hier nur angedeuteten Vielfalt seiner durchweg anspruchsvollen Beiträge leistet der vorliegende Band dazu mehr als nur eine bloße Bestandsaufnahme, liefert er doch der zukünftigen Voltaire- und der Aufklärungsforschung insgesamt wertvolle Inspirationen.

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J. Dagen, A.-S. Barrovecchio (Hg.):Voltaire et le Grand Siècle (Volker Steinkamp)
In: Francia-Recensio, 2008-4, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-4/FN/dagen_steinkamp
Dokument zuletzt verändert am: Feb 23, 2012 03:15 PM
Zugriff vom: May 24, 2012