G. Butterini, C. Nubola, A. Valerio (Hg.): Maria Arcangela Biondini (1641-1712) e il monastero delle Serve de Maria di Arco (Christine Schneider)
Maria Arcangela Biondini
(1641–1712)
e il monastero delle Serve di Maria di Arco. Una
fondatrice e un archivio, a cura di Giorgio Butterini, Cecilia
Nubola, Adriana Valerio, Bologna (Società editrice il Mulino) 2007
(Istituto trentino di cultura. Annali dell’Istituto storico
italo-germanico in Trento Quaderni, 70) ISBN 978-88-15-11444-0, EUR
24,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Christine Schneider, Wien
Klosterfrauen sind seit langem ein wesentliches Interessensgebiet italienscher HistorikerInnen1. Im Gegensatz zu vielen anderen Nonnen aus dem Barock ist das Leben und Wirken der Maria Arcangela Biondini aus ihren zahlreichen Schriften, insbesondere ihrer »Autobiografia« und der »Storia della fondazione«, gut zu rekonstruieren. Maria Arcangela Biondini wurde 1641 als Tochter des venezianischen Vizegouverneurs auf Korfu geboren. 1655 trat sie in das Kloster der Servitinnen von Burano ein. Im Alter von 36 Jahren wurde sie zur Oberin gewählt und versuchte eine Reform ihres Klosters, scheiterte jedoch am Widerstand ihrer Mitschwestern. Mit der finanziellen Unterstützung durch Kaiser Leopold I. gründete Maria Arcangela ein Reformkloster in Arco am Gardasee, wo sie 1712, im Alter von 71 Jahren, im Ruf der Heiligkeit, starb. Der von Giorgio Butterini, Cecilia Nubola und Adriana Valerio herausgegebene Sammelband nimmt das geistliche und zeitliche Leben der Maria Arcangela Biondini, wie es sich in ihren umfangreichen Schriften darstellt, in den Blick. Zentrale Themen sind ihre Rolle als Reformatorin und Stifterin (Giuliana Boccadamo), als maestra spirituale (Remo Crosatti) und Schriftstellerin (Rosa Casapullo), sowie ihre Spiritualität (Adriana Valerio).
Maria Arcangela Biondini strebte eine Rückkehr zu der Spiritualität und Observanz der Ordensgründer des Servitenordens an. Für ihr Reformkloster in Arco entwarf sie eigene Konstitutionen, die 1699 von Papst Innozenz XII. approbiert wurden. Maria Arcangelo genoss die Wertschätzung des Kaisers, mit dem sie einen geistlichen Briefwechsel pflegte, sowie die Unterstützung des lokalen Adels. Bei der Realisierung ihres Klosterprojekts stieß sie jedoch auf zahlreiche Hindernisse. Die Stadt Arco richtete Petitionen an den Kaiser, um die Errichtung eines weiteren Klosters zu verhindern, ebenso feindlich verhielten sich die schon ansässigen Orden. Maria Arcangelas jahrelange Versuche, auch den männlichen Zweig des Servitenordens in Arco zu etablieren, scheiterten. Ihre Klostergründung in der Grafschaft Arco war auf institutioneller Ebene Teil der Expansionsbestrebungen des Servitenordens in den habsburgischen Erblanden, wo im 17. und 18. Jh. drei Ordensprovinzen errichtet wurden.
Maria Arcangela Biondini versammelte schon als junge Nonne in Burano einen Kreis von Gläubigen, die sich um spirituelle Leitung an sie wandten, um sich. Teile ihrer geistlichen Briefe gelangten ohne ihr Wissen in Druck und erregten den Argwohn des Bischofs von Torcello und schließlich des Sant’Uffizio. Als Ergebnis einer theologischen Untersuchung wurde Maria Arcangela mit einem Rede- und Schreibverbot belegt, das aber aufgrund der Intervention ihrer geistlichen und adeligen Anhänger nicht von langer Dauer gewesen sein dürfte. In ihrer Funktion als Oberin verfasste Maria Arcangela Biondini sowohl geistliche Traktate als auch praktische Schriften zur klösterlichen Organisation. Ihr Einfluss als madre spirituale erstreckte sich jedoch weit über die Grenzen der Klausur ihres Klosters hinaus. Maria Arcangelas Briefwechsel mit dem jungen Priester Carlo Mazzucchi und mit dem Musiker Paris Francesco Alghisi sind Beispiele einer für das Barockzeitalter typischen – weiblichen - Seelenführung nach dem Vorbild einer Caterina von Siena oder Teresa von Avila. Wie viele frommen Frauen ihrer Zeit verstand Maria Arcangela Biondini das Schreiben auch als Gehorsamsübung gegenüber ihrem Beichtvater. Ihre persönliche Geschichte und die Ereignisse ihres Lebens begreift sie als Teil eines göttlichen Plans, dem zufolge ihre geistliche Berufung untrennbar mit ihrer von Gott bestimmten Lebensaufgabe, der Errichtung eines Reformklosters, verknüpft ist. In ihren geistlichen Schriften stilisiert sich Maria Arcangela bevorzugt als passives und unzulängliches Werkzeug in den Händen Gottes. Beim Aufbau ihres Reformklosters zeigte sie jedoch bemerkenswerte diplomatische Fähigkeiten sowie Zielstrebigkeit in der Verfolgung ihrer Ziele und Verfechtung ihrer Rechte als Oberin. In der »Storia della fondazione« und in ihrer »Autobiografia«, die sie als reife Frau verfasste, identifiziert sich Maria Arcangela mit dem Archetyp der starken frühchristlichen Jungfrau und Nonne. Sie distanziert sich damit, zumindest für ihre eigene Person, von den gängigen Weiblichkeitsmodellen ihrer Zeit. Insbesondere den Beichtvätern ihres Klosters stand sie kritisch gegenüber und gestattete ihnen als Oberin keine Einmischung in Konventangelegenheiten. Erst in ihren späteren Lebensjahren fand Maria Arcangela in Monsignore Fragiorgi, dem Erzpriester von Arco, auf dessen Wunsch hin sie ihre »Autobiografia« verfasste, und in ihrem letzten Beichtvater, dem Servitenpater Angelo Maria Zanetti, wirkliche Seelenführer und Vertraute. Beide Priester animierten Maria Arcangela nicht nur zum Schreiben, sondern sorgten auch für die Veröffentlichung und Verbreitung ihrer spirituellen Schriften.
Eigenständig zeigte sich Maria Arcangela Biondini nicht nur als Reformatorin, Stifterin und maestra spirituale, sondern auch in ihrer Spiritualität. In ihren geistlichen Schriften und Briefen finden sich zahlreiche Visionen und Prophezeiungen, jedoch lehnt sie alle übersteigerten Ausdrucksformen von Frömmigkeit und Heiligkeit ab. Für Maria Arcangela sind extreme physische Kasteiungen und Bußübungen kein Synonym für wahre Tugend, sondern entspringen eher einer phantasierenden Leidenschaft und Überspanntheit. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen MystikerInnen ihrer Zeit repräsentiert Maria Arcangela ein modernes Heiligkeitsmodell, das durch die Abwertung und Repression außergewöhnlicher mystischer Manifestationen zu Gunsten einer regulierten Frömmigkeit charakterisiert ist2. Sie nimmt damit die maßvolle und klare Spiritualität einer Maria Celeste Crostarosa (1696–1755) und eines hl. Alfons von Liguori (1696–1787) vorweg.
Die Schriften von Klosterfrauen aus der Frühen Neuzeit stellen eine wertvolle, aber sowohl von der Religions- als auch von der Frauen- und Geschlechtergeschichte bislang zu wenig beachtete Quellengattung dar3. Die Autoren des vorliegenden Sammelbandes analysieren ausführlich die Persönlichkeit und Spiritualität der Maria Arcangela Biondini. Ihre Rolle als maestra spirituale und die daraus resultierenden weitreichenden Kontakte zu geistlichen und weltlichen Persönlichkeiten ihrer Zeit werden ebenfalls ausführlich thematisiert. Dem gegenüber tritt ihr (alltägliches) Leben als Klosterfrau in den Hintergrund. Das umfangreiche Werk der Maria Arcangela Biondini befindet sich im Wesentlichen unediert in dem von ihr gegründeten Kloster der Servitinnen in Arco. Der vorliegende Sammelband endet mit einem Verzeichnis ihrer ungedruckten und gedruckten Schriften, die auch auf sieben CD-Roms einzusehen sind.
1 Vgl. z.B. die umfangreiche Bibliographie von Gabriella Zarri, zuletzt: I monasteri femminili come centri di cultura fra Rinascimento e Barocco, a cura di Gianna Pomata e Gabriella Zarri (Rom 2005).
2 Vgl. auch Peter Burschel, Der Himmel und die Disziplin. Die nachtridentinische Heiligengesellschaft und ihre Lebensmodelle in modernisierungstheoretischer Perspektive, in: Hartmut Lehmann, Anne-Charlott Trepp (Hg.), Im Zeichen der Krise. Religiosität im Europa des 17. Jahrhunderts, Göttingen 1999 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 152, Göttingen 1999), S. 575–595.
3 Wissenschaftliche Untersuchungen beschäftigen sich zumeist mit prominenten Nonnen. Vgl. z.B. Elissa B. Weaver (Hg.), Arcangela Tarabotti. A Literary Nun in Baroque Venice, Ravenna 2006.
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