H. Bost: Pierre Bayle (Thomas Nicklas)
Hubert
Bost, Pierre Bayle, Paris (Fayard) 2006, 684 S. (Biographies), ISBN
2-213-62592-1, EUR 27,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Thomas
Nicklas, Reims
Wenn sich die Kultur Europas gegen ihre Verächter behaupten will, so wird sie gut daran tun, sich zu verstehen als eine Kultur der Toleranz, des erlaubten Zweifels und der statthaften Ironie. Diese Grundzüge lassen sich mit einigem Recht auf Pierre Bayle zurückführen, den unbekannten Denker des 17. Jhs., den wir dank der sehr gründlichen Biographie von Hubert Bost besser kennenlernen können. Für Bayle ergab sich die Forderung nach allgemeiner Toleranz in seinem berüchtigt intoleranten Jahrhundert zwingend aus der Tatsache, dass sich Theologen und Philosophen nicht auf letztgültige Wahrheiten zu verständigen vermochten. Voltaire, der anders als der zurückgezogen lebende Pierre Bayle ein Mann der Öffentlichkeit war, hat sich diese Argumente gründlich angeeignet und ihnen mit lautstarken Kampagnen zu einer vorläufigen Durchsetzung verholfen. Es ist auch heute wichtig, sich am Philosophieren Bayles die Ursprünge der Aufklärung vor Augen zu führen. Dabei zeigt sich aber auch, wie sehr Bayle ein Nachfolger der skeptischen Denker des 16. Jahrhunderts vom Schlag Montaignes gewesen ist. Er stellt somit eine wahrhaftige Schlüsselfigur für die Geistes-, Ideen- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit dar.
Dabei war Bayle selbst, in einer dreifachen contradictio in adiecto, eine Art calvinistischer Heiliger und Libertin. Weder Geld noch Macht übten irgendeinen Reiz auf ihn aus, Autoritätsansprüche konnte er mit seiner relativistischen Weltsicht nur schwer vereinbaren. Sein einziges Vergnügen war die Forschung. Als man ihn 1682 in Holland mit einer ansehnlichen jungen Dame aus gutem Haus verheiraten wollte, lehnte er dankend ab unter Hinweis auf seine Neigung zum ruhigen Gelehrtenleben, das keine Störung durch familiäre Unruhe verkraften konnte. Der leidenschaftliche Wunsch, sich über alles zu unterrichten, hat den 1647 im Ariège geborenen Sohn eines reformierten Predigers von Anfang an beherrscht. Der Drang nach unbegrenzter Bildung trieb den jungen Calvinisten sogar 1669 zu den Jesuiten nach Toulouse, die seine Konversion erwirkten. Ein Jahr später kehrte er jedoch bereits wieder zum Protestantismus des Vaters zurück. In den Jahren vor Aufhebung des Edikts von Nantes führte er das unsichere Leben eines Hauslehrers an wechselnden Orten. Erst als Akademieprofessor in Sedan und später in Rotterdam fand Bayle Ruhe für seine Studien und ein bescheidenes Auskommen, das für seine schwachen Bedürfnisse aber völlig ausreichte. Nachdem er sich dauerhaft in Holland niedergelassen hatte, begannen für Bayle aber schwierige Jahre voller Kontroversen über theologisch-philosophische Probleme, die ihn mit seiner Französisch-Reformierten Kirche und mit einigen alten Weggefährten entzweiten. Die Angriffe aus allen Lagern beirrten ihn jedoch kaum.
Wie wenige andere Menschen zum Lesen und Schreiben geboren, schreckte er auch nicht vor der harten Fronarbeit zurück, die er sich mit seinem »Dictionnaire historique et critique« selbst auferlegte. Das Hauptwerk Bayles konnte 1697 nach Überwindung vieler Schwierigkeiten erscheinen. Ursprünglich als Replik auf Abbé Moreris »Dictionnaire« von 1674 entworfen, wuchs es sich zum komplexen und raffinierten Magnum Opus aus, das es kämpferisch mit allen Orthodoxen und Konformisten aufnahm. Der unscheinbare und ein wenig weltscheue calvinistische Gelehrte in Rotterdam erregte in ganz Europa Aufsehen als einer, der feststehende Gewissheiten unnachsichtig zu zertrümmern versuchte. Statt dem Hochmut der Wissenden fand man bei ihm die Demut des Zweifels. Das machte ihn zur unbeliebten Randfigur und trug ihm Feindschaften ein. Am Ende seines Lebens stand Bayle bei vielen Zeitgenossen im schlechten Ruf. Sein einstiger Freund Pierre Jurieu klagte ihn nun in Den Haag und London als vermeintlichen Agenten Ludwigs XIV. an, der mit dem Absolutismus römisch-französischer Prägung liebäugelte und die Einheit der protestantischen Mächte zerstören wollte.
Diesen unumgänglichen Vordenker der Moderne ruft Hubert Bost in Erinnerung. Seine lebendige Darstellung tritt gleichwertig neben die zweibändige Biographie, die von der Bayle-Forscherin Élisabeth Labrousse 1963/1964 vorgelegt worden war. Bost dynamisiert die zur Sprödigkeit neigende Gelehrtenbiographie durch ausführliche Zitate aus den Schriften Bayles, der selbst das klug gebrauchte Zitat als Methode kritischer Strategie zum Einsatz zu bringen wusste. Da die Werke Pierre Bayles immer noch ein wenig erschlossenes Dickicht darstellen, folgt man dem Biographen sehr gern, der Schneisen in die kritischen Wälder des Philosophen legt und seinen Stil, seine »Musik«, erklingen lässt. Werk und Person werden damit im Wortsinn zugänglich gemacht, sie hören auf zu verunsichern. Pierre Bayle, bisher häufig als beunruhigender menschlicher Mechanismus zum beständigen Lesen und Schreiben wahrgenommen, erhält seine humanen Dimensionen zurück. Das lebende Paradoxon des »calvinistischen Libertins« tritt aus der bloßen Widersprüchlichkeit heraus. Zum Glück wird uns aber kein weichgespülter Ireniker vor Augen gestellt. Pierre Bayle bleibt bei Bost sehr kenntlich als Provokateur mit unheimlichem Erkenntnisdrang: »Bayle est un penseur de la confrontation, un explorateur d’apories, un esprit qui démonte les rouages pour comprendre le fonctionnement des mécanismes. Il est un historien des idées […] auquel son immense culture permet de procéder à des sauts acrobatiques et d’établir des liaisons déconcertantes. Pour se livrer à cet exercice, il a besoin de la liberté de plume qu’offre la Hollande, et de l’audace dont le philosophe seul dispose« (S. 461). Auch wenn wir heute andere Probleme haben als im Jahrhundert Bayles, so können wir doch diese Philosophenkühnheit nach wie vor nicht entbehren.
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