K. Blaschke, D. Döring (Hg.): Universitäten und Wissenschaften im mitteldeutschen Raum in der Frühen Neuzeit (Bernhard Mundt)
Universitäten und Wissenschaften im
mitteldeutschen Raum in der Frühen Neuzeit, hg. von Karlheinz
Blaschke und Detlef Döring, Stuttgart (Franz Steiner) 2006, 329 S.
(Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte, 26), ISBN
3-515-08593-9, EUR 75,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Bernhard
Mundt, Ludwigshafen/Rh.-Oppau
Der vorliegende Band vereint Beiträge, die auf einem anlässlich des 80. Geburtstages von Günter Mühlpfordt gemeinsam von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und der Martin- Luther- Universität Halle- Wittenberg veranstaltetem Kolloquium vorgetragen wurden. Den Schwerpunkt der wissenschaftlichen Tätigkeit des Jubilars aufgreifend kreisen die Referate um das Thema Kultur, genauer Wissenschaft und Wissenschaftsorganisation, im mitteldeutschen Raum in der Zeit zwischen der Reformation und dem Ende des Alten Reiches 1806.
Nach der aus Anlass der Übergabe der Diamantenen Doktorurkunde von Thomas Bremer gehaltenen kurzen Laudatio stellt Karlheinz Blaschke in seinem Essay »Günter Mühlpfordt – ein Historiker in seiner Landschaft« nicht nur die Person des Geehrten näher vor, insbesondere seine schwierige Situation nach dem 1962 von den Autoritäten der DDR verhängten Berufsverbot, die aus seiner kompromisslosen Haltung gegenüber einer ideologiegesteuerten Geschichtsbetrachtung resultierte. Er versucht auch, sich Mühlpfordt, dessen Arbeiten insbesondere dem Zeitalter der Aufklärung im mitteldeutschen Raum, verstanden als ein weniger mit geographischen Grenzen, sondern eher als Kulturraum zu erfassendes Phänomen, gewidmet waren, aus seiner Verortung in der Kulturlandschaft Mitteldeutschland heraus zu nähern.
Thomas Töpfers Vortrag »Landesherrschaft – fürstliche Autorität – korporative Universitätsautonomie. Die Anfänge der Universität Wittenberg 1502–1525« deutet die Gründung der heute, mit Halle vereinten, den Namen des Reformators Martin Luther tragenden Institution in Absetzung von älteren Ansätzen weniger als Akt des Staates, sondern mehr als spätmittelalterlichen Vorstellungen verpflichtete Stiftung des Kurfürsten Friedrichs des Weisen von Sachsen. So stünde der Entschluss, die Universität in Wittenberg zu begründen, »in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Ausbau Wittenbergs zur Residenz Friedrichs des Weisen« (S. 32) und könne »nicht ausschließlich in ihrer Funktion als Instrument kurfürstlicher Territorialherrschaft« (S. 31) begriffen werden.
Töpfer muss zwar in den folgenden Ausführungen zugeben, dass die Ausarbeitung der Verfassung der Universität, deren Gründung auf alleinige Initiative Friedrichs und seines »Beraterkreises« (S. 34) zurückgehe, im Auftrag des Kurfürsten erfolgte, und dass der Fürst, nicht nur über die finanzielle Abhängigkeit der Universität vom Landesherren, über einen großen Einflussspielraum auch auf interne Angelegenheiten seiner Gründung verfügte, die er, zumal in Personalfragen, auch wahrzunehmen gewillt war, ferner dass es im Gremium der »vier Reformatoren« eine staatlicherseits bestellte Aufsichtsinstanz gab, Wittenberg also faktisch eine Universität neuen Typs mit geringer Autonomie und faktischer Kontrolle durch den in der Person des Landesherrn repräsentierten Staat darstellt. Jedoch wertet der Autor dies alles lediglich als Wahrnehmung »zweifellos recht umfassender Patronatsrechte« (S. 49) seitens des Gründers und bemerkt: »Die Entscheidung Friedrichs des Weisen zur Stiftung einer Universität war die Entscheidung eines vom Humanismus beeinflussten, Repräsentation seiner Herrschaft anstrebenden Fürsten, nicht diejenige des Staates« (S. 35). Erst die Neugründung 1536 bedeutete dann eine »gesteigerte Abhängigkeit vom Landesherrn« (S. 47).
Sodann stellt Ulmann Weiss »Beobachtungen zum Bildungsstreben Langensalzaer Bürger im 15. und 16. Jahrhundert« an, verknüpft »Mit einem Exkurs zur Megdleinschule«. Zunächst das Schulwesen in Langensalza betrachtend, bemerkt Weiss, dass die Vereinigung der beiden älteren, an den Kirchen St. Bonifatii und, seit 1472, St. Stephan bestehenden städtischen Schulen zur im aufgelassenen Kloster der Augustiner- Eremiten ihre Heimstatt findenden Lateinschule 1539 nicht nur ein stärkeres Gewicht des Rates der Stadt bedeutete, der erst ab diesem Zeitpunkt ein Aufsichtsrecht besaß und den Lehrkörper zunehmend als städtische Bedienstete ansah, sondern den Unterricht in Vorbereitung auf ein Studium an der Universität bzw. einer der drei »Fürstenschulen« des Landes auch einer neuen Funktion zuführte. Im zweiten Teil seiner Ausführungen untersucht der Autor die von Langensalzaer Studenten bevorzugten Universitäten und stellt einen aufgrund der nach der Reformation veränderten konfessionellen Verhältnisse einsetzenden Wandel weg vom ursprünglich bevorzugten Erfurt hin zu Leipzig, aber auch Wittenberg fest. Die Megdleinschule schließlich wird als Beispiel der Übernahme einer vom Landesherrn gegründeten, aber eingegangenen Institution durch den Rat angeführt.
Nachdem Ulrich Rasche »Die Jenaer Rektoratsrechnung von Caspar Sagittarius aus dem Sommersemester 1683«, unter Verweis auf den seiner Meinung nach nicht nur für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, sondern auch für kulturhistorische Fragestellungen hohen, bislang aber unterschätzten Quellenwert nicht nur näher vorstellt, sondern – ebenfalls mit Bemerkungen zum seiner Ansicht nach leider derzeit recht geringen Ansehen von Editionen unterfüttert – kommentiert wiedergibt, widmet sich Detlef Döring einem zentralen Phänomen des Wissenschaftsbetriebes des 18. Jhs., den Preisfragen gelehrter Gesellschaften und Akademien.
»Die Deutsche Gesellschaft zu Leipzig und die von ihr vergebenen Auszeichnungen für Poesie und Beredsamkeit 1728–1738« werden als »Ein frühes deutsches Beispiel der Auslobung akademischer Preisfragen« vorgestellt. Nachdem der Autor die Gründungsgeschichte der »Teutschübenden poetischen Gesellschaft« skizziert hat, wendet er sich der Transformation dieser Sozietät in die Deutsche Gesellschaft durch Johann Christoph Gottsched zu. Dieser sei nicht nur die treibende Kraft der Umformung, die weg vom Schwerpunkt des Verfassens von Gedichten und, angeregt durch das Beispiel der Académie Francaise, hin zur Pflege der deutschen Sprache führen sollte, sondern auch der Initiator der Preisfragen, die eines der Mittel darstellten, zum Zwecke der Erringung fürstlicher Protektion Aufmerksamkeit in der gelehrten Welt zu erlangen.
Dabei sei die Französische Akademie nicht alleiniges Vorbild in Sachen Preisfragen, die in den Bereichen Poesie und Beredsamkeit jährlich gestellt und mit einer Medaille nach mehrheitlichem Votum aller Mitglieder belohnt wurden, auch die an das Publikum gerichteten Fragen in der Hamburger Zeitschrift »Der Patriot« ab 1725, aufgenommen in Gottscheds »Vernünftigen Tadlerinnen«, und die Praxis des Wettstreites an höheren Schulen fänden ihren Niederschlag. Das gesamte Unternehmen, nach Gottscheds Ausscheiden 1738 eingestellt, sei der »Versuch, über die in Deutschland noch kaum bekannte Methode der Aufstellung von Preisfragen zentrale Anliegen der Frühaufklärung zu propagieren« (S. 222), ein Ziel, das die der Leipziger Gesellschaft einzig in Deutschland zeitlich vorangehende Stellung von Preisfragen durch das Helmstedter Collegium Conantium noch nicht aufwies.
Stärker personengebunden gehen die folgenden Arbeiten das Thema »Wissenschaft im 18. Jahrhundert« an. Andreas Kleinert zeigt in »Johann Daniel Titius (1729–1796), Facetten eines Wittenberger Gelehrten im Zeitalter der Aufklärung« auf und geht dabei nicht nur auf die Mechanismen der Besetzung universitärer Lehrstühle im 18. Jh. und die verworrene Entstehungsgeschichte der »Titius-Bode’schen Reihe«, einer Formel zur Berechnung des Abstands der Planeten von der Sonne, näher ein: Es gelingt dem Physiker auch auf ansprechende Weise, Titius im Gefüge des Wissenschaftsbetriebes mit Publikationen zu einer Vielzahl von Themen, neben solchen aus technisch- naturwissenschaftlichen Bereichen, insbesondere der Haus- und Landwirtschaft, vorzustellen.
Ebenfalls anhand dreier Beispiele, der Juristen Gottlieb Hufeland, Paul Johann Anselm Feuerbach und Anton Friedrich Justus Thibaut, widmet sich Gerhard Lingelbach dem »Wirken Jenaer Rechtsgelehrter für ein modernes bürgerliches Recht« und zeigt deren enge Verknüpfung mit dem Einfließen der Philosophie Immanuel Kants in die Rechtswissenschaft im letzten Drittel des 18. Jhs. auf.
Am Ende hat mit »Danksagung und Schlussbetrachtung. Mitteldeutsche Universitäten der Frühneuzeit auf dem Weg zur modernen Wissenschaft“ direkt auch der Jubilar das Wort. Nach Anmerkungen zu im vorliegenden Band publizierten Beiträgen des Kolloquiums betont er in überblicksartiger Art und Weise nochmals seine an verschiedenen anderen Orten bereits vorgetragene These vom mitteldeutschen Raum als »Kulturherd« (S. 313), den Mühlpfordt als ein Zentrum der europäischen Aufklärung begreift. So tritt auch dem bislang mit dem Lebenswerk des Jubilars noch nicht Vertrauten in den Ausführungen das ganze Panorama mühlpfordtscher Gedanken vor Augen.
Der hier vorgestellte Band ruft, freilich nur in einzelnen Schlaglichtern, ein oftmals verdrängtes Phänomen, nämlich Mitteldeutschland als eines der Zentren der europäischen Aufklärung und einen Raum hoher, in der Weimarer Klassik kulminierenden Kulturdichte, erneut ins allgemeine Bewusstsein. Es gelingt, in Rückgriffen bis in das 16. Jh., die Lande insbesondere der beiden Linien des Hauses Wettin als die vielleicht nicht spektakulär, aber desto gründlicher das Gesicht Deutschlands mitprägenden Gebiete zu begreifen und als kulturelle Einheit zu sehen.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

