Th. Ahnert: Religion and the Origins of the German Enlightenment (Thomas Nicklas)
Thomas
Ahnert, Religion and the Origins of the German Enlightenment. Faith
and the Reform of Learning in the Thought of Christian Thomasius,
Rochester (University of Rochester Press) 2006, VI–189 S.
(Rochester Studies in Philosophy, 12), ISBN 1-58046-204-9, USD
75,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Thomas
Nicklas, Reims
Auf der Suche nach den Ursprüngen der deutschen Aufklärung ist die Forschung gerne auf Christian Thomasius (1655–1728) zurückgegangen, den streitbaren Leipziger, dann Hallenser Juristen und Hochschullehrer, der für eine Humanisierung der Strafjustiz eintrat, die Folter als Methode der Wahrheitsfindung verwarf und den Hexenprozessen den Kampf ansagte. Aufgrund seiner Studienjahre an der calvinistisch geprägten Hochschule Viadrina in Frankfurt an der Oder war Thomasius ein scharfer Kritiker der orthodox-lutherischen Geistlichkeit Brandenburgs und Kursachsens, deren Übergriffe in die Sphäre der Politik der Rechtsgelehrte mit heftigen Worten verurteilte. Dagegen verteidigte er nachdrücklich das landesherrliche Recht des reformierten Kurfürsten von Brandenburg, in die Belange der evangelischen Kirche seiner Territorien einzugreifen. Als Gründungsvater der 1694 aus der Taufe gehobenen Universität Halle bemühte er sich um eine Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens aus dem Geiste des Pietismus.
Es ist das Anliegen von Thomas Ahnerts Untersuchung, diese pietistischen Reformbemühungen um Wissenschaft und Bildung bei Thomasius besser zu verstehen. Der Autor bezieht explizit Stellung gegen ein Konzept von Aufklärung als einer Schule des Atheismus, als »the rise of modern paganism« (Peter Gay). Der behauptete Antagonismus von Rationalität und Religiosität geht aber, so Ahnert, vollkommen am Denken der frühen Aufklärung in Deutschland vorbei, wie es sich beispielhaft in der Naturrechtslehre des Hallenser Juristen ausdrückte. Dessen mystisch inspiriertes Religionsverständnis, das dem »Herzen« unumwunden einen Primat vor dem »Kopf« einräumte, um somit der späteren Empfindsamkeit den Weg bahnen zu helfen, hat manchen Aufklärungsforscher verunsichert, der stattdessen die eigenen Kategorien von Rationalität im Denken des frühen 18. Jhs. wiederzufinden hoffte. Kritik am Hexenglauben und eigene mystische Spiritualität konnten aber bei Thomasius sehr wohl noch eine Verbindung eingehen. Erst in den Jahren nach seinem 1728 erfolgten Tod wurde, nicht zuletzt unter dem Einfluss der Philosophie Christian Wolffs, die Unvereinbarkeit des einst Vereinbaren festgestellt.
Die vorliegende Fassung des Buches ist die gekürzte Version einer bereits 1999 in Cambridge vorgelegten Dissertation. Der Autor hat Christian Thomasius’ juristische und historische Arbeiten systematisch untersucht, um dessen religiöses Weltbild zu ermitteln. Es geht also um die gründliche Interpretation der Texte. Ahnert, dies sei zu seiner Ehre gesagt, nimmt die uns heute oft nicht mehr recht zugänglichen Ideen des sächsischen Frühaufklärers in angemessener Weise ernst. Bei ihm unterbleibt jedes Achselzucken und Naserümpfen, im Unterschied zu jenen modischen Interpretationsansätzen, die befremdlich erscheinende Inhalte von Thomasius’ Denken eskamotieren, so dass nur die formalen und prozeduralen Aspekte der von ihm einst bestrittenen theologischen und juristischen Kontroversen übrigbleiben. Am Ende solcher Gedankengänge wird der vor meist kleinlichem Gelehrtenzank nicht zurückscheuende Professor aus Halle als Vorkämpfer einer von Zwängen freien öffentlichen Debattenkultur im Sinne von Habermas präsentiert (Martin Gierl). Nichts davon in Ahnerts Buch, das den Spekulationen ein fruchtbares ad fontes gegenüberstellt und somit zu einer besseren Kenntnis der deutschen Frühaufklärung in den Jahren um 1700 beiträgt. Es trägt zugleich einem wachsenden Interesse an der frühneuzeitlichen Kontroversliteratur Rechnung, die Thomasius manchen zugleich sprachgewandten und in der Sache unerbittlichen Beitrag verdankt.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

