M. Roig: Les Catalans dans les camps nazis (Christiane Tichy)
Montserrat
Roig, Les
catalans dans les camps nazis. Traduit du catalan. Préface
Said Bouziri, Paris (Génériques) 2005, 732 S., ISBN
2-908833-07-7, EUR 23,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Christiane
Tichy, Hamburg
Dieses Buch ist ein katalanisches Quellendokument im doppelten Sinne: es bewahrt Aussagen von katalanischen KZ-Häftlingen der Epoche 1940–1945 auf und es dokumentiert gleichzeitig die Rezeption dieser Aussagen im politischen Kontext der ausgehenden Francozeit Mitte der 1970er Jahre. Es ist die französische Übersetzung einer 1977 erschienenen katalanischsprachigen Sammlung von Zeitzeugenberichten aus deutschen Konzentrationslagern. Diese Zeitzeugen gehörten zu den etwa 400 000 bis 500 000 spanischen Republikanern, die im Frühjahr 1939 vor den siegreichen Francotruppen nach Frankreich flohen, von wo viele ab August 1940 von der deutschen Besatzungsmacht in Konzentrationslager deportiert wurden, oft als Mitglieder der französischen Résistance. Tausende starben in KZs, insbesondere in Mauthausen und seinen Außenlagern.
Dreißig Jahre später, von 1974 bis 1977 – also zu Beginn noch unter Franco – befragte die katalanische Journalistin Montserrat Roig etwa 50 Überlebende dieser katalanischen KZ-Opfer in ausführlichen Interviews. Diese lebten zum größten Teil auch damals noch im französischen Exil. Sie ließ die Interviewten erzählen – von ihrer Verhaftung, vom täglichen Leben im KZ, von den Arbeitsbedingungen, vom Widerstand – und verband diese wörtlichen Aussagen mit eigenem Text zu einer Art großen eindrucksvollen Reportage. Jeweils 120 Seiten widmet sie den Wegen »von Katalonien in die Todeslager« (Des pays catalans aux camps de la mort) und der dortigen »Gespensterwelt« (Un monde des spectres). Dabei nimmt die Darstellung der französischen Résistance breiten Raum ein. Die 80 Seiten des dritten Teils thematisieren den »Freiheitskampf« (Le combat pour la liberté). Der folgende Anhang von 210 Seiten listet die in deutschen, bzw. österreichischen Lagern (Stalags und Konzentrationslagern, meist Mauthausen) gestorbenen Katalanen auf, geordnet nach ihren Heimatdörfern. Es folgen weitere spezielle Listen von Ermordeten, bzw. von Gefangenentransporten aus unterschiedlichen Quellenbeständen, z.B. der Amicale de Mauthausen. Außerdem sind 84 zeitgenössische Fotos abgedruckt; ein Namensregister der im Text erwähnten Personen schließt den voluminösen Band ab.
Hinter dem Projekt der Zeugenbefragung stand 1974 eine politische Absicht: das Gedächtnis der »katalanischen Nation« an ihre Geschichte gegen die faschistische, spanische Unterdrückung des Franco-Regimes wach zu halten, bzw. zu erwecken. Beabsichtigt war also ein Tabubruch und die Erschließung von Neuland, da zu diesem Zeitpunkt die Geschichte dieser Opfergruppe noch völlig unaufgearbeitet, ja letztlich als Opfergeschichte noch nicht beendet und schon gar nicht öffentlich wahrgenommen war. Es galt, das kollektive Gedächtnis der Katalanen an die eigene Leidensgeschichte zu stärken, insbesondere die Totenlisten sollten die Bewohner der Dörfer auffordern, der verschwundenen Landsleute zu gedenken.
Gemäß dieser klaren (geschichts-)politischen Absicht lädt der Text mit seinem anschaulichen und breit ausmalenden Stil zur Identifikation und zum Mit-leiden ein. Roig war keine Historikerin und wollte keine sein. Sie sah ihre Aufgabe darin, einer zukünftigen wissenschaftlichen Aufarbeitung Material zu verschaffen, indem sie noch lebende Zeitzeugen interviewte. Dabei zeigt der kurze Prolog, der ihre subjektiven Erfahrungen in der Begegnung mit den Zeitzeugen zusammenfasst, dass sie sich der Problematik von Zeugenaussagen mit 30 Jahre Abstand durchaus bewusst war. Sie beobachtet genau: wie die psychische Gesundheit der ehemaligen Gefangenen dauerhaft gelitten hat, wie unterschiedlich die Perspektive der Frauen war – man erfährt eine Fülle von wissenswerten Details.
Die emotionale Stärke des Textes ist aber auch seine große Schwäche. Besonders in den Kapiteln über Solidarität und Widerstand werden die katalanischen Gefangenen heroisiert. Es ist ein Musterbeispiel für die Konstruktion einer Heldengeschichte im Dienste des Nationalismus. 30 Jahre nach den Geschehnissen bestätigen sich die Katalanen ihre Identität und den Sinn ihres Lebens, den Sinn der erlittenen Qualen im Dienste des Antifaschismus. Damit wird der Text aus heutiger Sicht zu einem Dokument des Katalanismus, dem historische Dekonstruktion und quellenkritische Kommentierung gut täte. Die Erzählungen der KZ-Gefangenen samt dem verbindenden Text von Roig müssten als konstruierte Geschichte analysiert werden, die verwendeten Topoi daraufhin untersucht, wie hier Sinn der nationalen Geschichte aufgebaut wird.
Leider tun die heutigen französischen Herausgeber nichts dergleichen. Unkritisch belassen sie es bei der puren Übersetzung des Textes von 1977 und fordern zum »Lesen« auf, womit eher unkritisches, emotionales Mitgenommenwerden gemeint ist (S. XI und XII). Sie bieten auf 16 Seiten Einleitung nur eine kurze Biographie Roigs (1946–1991), die als politische Autorin mit feministischem und katalanischem Engagement in Katalonien sehr bekannt ist, geben kurze Hinweise auf die Entstehungsgeschichte des Werkes und widmen knappe fünf, recht pauschale Seiten dem historischen Zusammenhang. Der eigentliche Inhalt, die Zeitzeugenaussagen, erhält weder sachliche Erklärungen zu den Fakten, noch eine Einordnung in den historischen Kontext der Erforschung der Konzentrationslager (vor allem Mauthausen), bzw. der KZ-Erinnerungsliteratur. Die Bibliographie ist auf dem Stand von 1975 einfach übernommen, ungeachtet einiger Neuauflagen, die in den Fußnoten erscheinen. Dies ist zu verstehen, wenn man genauer die Herausgeber ansieht. Llibert Tarrago war Sportler und Kommunikationsfachmann, hat sich dann der Vergangenheit seines Vaters, der deportiert wurde, angenommen und sorgt für die Veröffentlichung von Dokumenten. Josep Benet – Auftraggeber 1974 an Roig – war in Katalonien ein wichtiger Politiker der Transición. Die Herausgeber sind also keine Historiker, sondern Betroffene als ehemalige Deportierte und ihre Nachkommen, die sich bemühen, die erreichbaren Dokumente und Interviews zu sammeln und als Interessengruppe (gegründet 2003) ihre Sache in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Die Notwendigkeit einer Quellenkritik zeigt sich z. B. im grundlegenden Begriff des »Katalanen«. Unklarheit besteht nämlich in der Definition, wer eigentlich als Katalane zu gelten hat. An vielen Stellen des Bandes werden die damals in katalanischen Städten und Dörfern Geborenen als Katalanen bezeichnet, unabhängig davon, ob die Familien aus anderen Teilen Spaniens eingewandert sind (S. 505, 669). Dann wieder werden die Katalanen mit den »spanischen Republikanern« gleichgesetzt, einfach deshalb, weil es in den KZ-Dokumenten keine Unterkategorie »katalanische Nationalität» gibt – es gibt nur »Rotspanier» oder »spanische Republikaner«. Die Überlebenden identifizieren wiederum »Rotspanier« mit Katalanen, was faktisch nicht stimmt, weil es natürlich auch viele Andalusier, Madrilenen usw. darunter gab. Hier spiegelt sich die bis heute anhaltende Identifikation von Katalanismus und Republikanertum, als sei ganz Katalonien kollektiv im Widerstand gegen Franco gewesen. Das ist historisch falsch, gehört aber zum nationalen Opfermythos. In der französischen Geschichte gab es den vergleichbaren Fall der Konstruktion einer französischen Résistance als kollektiver Solidarität gegen die deutschen Besatzer. In Frankreich ist dieser Mythos inzwischen von der Geschichtswissenschaft und nachfolgend von der Politik relativiert worden – in Spanien, bzw. in Katalonien steht eine solche Selbstkritik noch aus, wie dieses Buch zeigt.
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