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A. Wieviorka: Auschwitz 60 ans après (Claudia Moisel)

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Annette Wieviorka, Auschwitz 60 ans après

Francia-Recensio 2008/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine


Annette Wieviorka, Auschwitz 60 ans après, Paris (Robert Laffont) 2005, 297 S., ISBN 2-221-10298-3, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Claudia Moisel, München

Als Jugendbuchautorin ist die renommierte französische Historikerin Annette Wieviorka dem deutschen Publikum vor wenigen Jahren erstmals begegnet: »Mama, was ist Auschwitz?«, so der Titel ihrer im Jahr 2000 in Übersetzung veröffentlichten Studie, welche den aktuellen Stand der Holocaust-Forschung für jüngere Leser aufbereitete1. Auch die jüngste Publikation Wieviorkas, ehemaliges Mitglied der Mattéoli-Kommission zur Erforschung der Enteignung der Juden in Frankreich im Zweiten Weltkrieg2, hat erneut Auschwitz zum Thema. Brauchen wir tatsächlich ein weiteres Buch über Auschwitz, befragt sie sich selbstkritisch in der Einleitung, um dann mit dem Verweis auf neue Dokumente und neue Fragen dies klar zu bejahen. Auschwitz und seine Nebenlager in den Jahren 1940–1945 stehen zunächst im Zentrum ihrer aus der Literatur gearbeiteten Studie, denn eine französische Gesamtdarstellung zum Lager liegt bislang nicht vor.

Ausgangspunkt ihrer Annäherungsversuche an den historischen Ort ist eine doppelte Frage: Wie hat der Lagerkomplex damals ausgesehen und was sieht heute ein Besucher auf seinem Gang durch die Gedenkstätte? In zwölf systematisch angeordneten Teilstudien nähert sich Wieviorka ihrem Untersuchungsgegenstand an. Mit der Befreiung von Auschwitz und dem alliierten Blick auf das Lager und seine Häftlinge hebt ihre Studie an; es folgt ein knapper Rückblick auf die anliegende Stadt und ihre lange Geschichte. Im dritten Kapitel verknüpft Wieviorka biographische Informationen zu den Lagerkommandanten mit einem kursorischen Überblick über das nationalsozialistische Lagersystem. Es folgen Ausführungen zur Häftlingsgesellschaft, über Birkenau damals und heute, den spezifischen Umgang mit den Sinti und Roma, zur Debatte um eine mögliche Bombardierung des Lagers durch die Alliierten bei Kriegsende und schließlich, besonders ausführlich, eine Geschichte der Gedenkstätte seit Kriegsende.

Die Frage nach dem Umgang mit der Erinnerung an das Vernichtungslager bildet den roten Faden, der Wieviorkas Darstellung durchzieht und ihr Interesse leitet: Wie findet sich das, was damals passiert ist, in der Gedenkstätte repräsentiert? Wem gehört die Erinnerung an Auschwitz heute: Ist es vor allem ein polnischer oder ein jüdischer Erinnerungsort? Und wo bleibt dann noch Raum für das Gedenken an französische Kommunisten, welche nach Auschwitz deportiert wurden: Marie-Claude Vaillant-Couturier oder Marcel Paul, um nur die prominentesten Namen zu nennen? Nicht alle diese Fragen finden sich am Ende umfassend beantwortet, dafür aber eine sehr anrührende Erklärung für das fortdauernde Interesse Wieviorkas an Auschwitz. Sehr persönlich wird das Buch gegen Ende, wenn sie von ihrem Großvater erzählt, der dort ermordet wurde, und wenn sie von ihrer ersten Reise nach Auschwitz berichtet, die sie im Jahr 1988 als Leiterin einer Schülergruppe unternommen hat. Berechtigt auch ihre Frage nach dem pädagogischen Nutzen solcher Fahrten; und schließlich Reflexionen über den »Abschied von den Zeitgenossen«: Wie lange noch werden ehemalige Deportierte solche Klassenfahrten begleiten und den historischen Ort mit ihren persönlichen Erinnerungen füllen können?

Auf den französischen Annales-Gründer Marc Bloch beruft sich die Autorin am Schluss mit ihrer behutsam vorgetragenen Kritik an dem geläufigen Anspruch, aus Auschwitz Lehren für die Gegenwart ziehen zu können: »Obsédés par Auschwitz, nous voyons se profiler la chambre à gaz derrière chaque manifestation d’antisémitisme, chaque acte raciste, chaque graffiti célébrant Hitler. Sommes-nous alors capables de voir que d’autres danger, d’autres modalités criminelles sont à l’œuvre dans un monde qui n’est plus celui issu de la Grande Guerre?«3 Keine quellengesättigte Spezialstudie also möchte Wieviorka vorlegen, sondern zum Nachdenken anregen über unseren Umgang mit der Erinnerung an das Lager heute. Und das ist ihr gelungen.

Dem wäre nichts hinzuzufügen, würde der Leser nicht im Literaturverzeichnis die Arbeiten Sybille Steinbachers entbehren müssen, die 2000 und 2004 mit Studien zu Auschwitz hervorgetreten ist4. Diese Leerstelle ist bezeichnend, liefert sie doch einen Hinweis auf die schwierigen Rezeptionsverhältnisse: Während die wichtigen Beiträge Wieviorkas zur Geschichte der französischen Erinnerung an Krieg und Verfolgung in Deutschland keinen Verleger haben5, finden die sehr ertragreichen Forschungen aus der Feder der jüngeren deutschen NS-Historiker bislang kaum Aufnahme beim französischen Publikum.

1 Annette Wieviorka, Mama, was ist Auschwitz?, Berlin 2001.

2 Vgl. http://lesrapports.ladocumentationfrancaise.fr/BRP/004000897/0000.pdf

3 Vgl. Annette Wieviorka, Auschwitz , S. 280.

4 Vgl. Sybille Steinbacher, »Musterstadt« Auschwitz. Germanisierungspolitik und Judenmord in Ostoberschlesien, München 2000 (Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz, 2); Dies., Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte, München22007.

5 Vgl. insbesondere Annette Wieviorka, Déportation et génocide entre la mémoire et l’oubli, Paris 1992.

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A. Wieviorka: Auschwitz 60 ans après (Claudia Moisel)
In: Francia-Recensio, 2008-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-3/ZG/Wieviorka_Moisel
Dokument zuletzt verändert am: Jan 27, 2012 11:11 AM
Zugriff vom: May 24, 2012