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M. Thomas: European Decolonization (Jost Dülffer)

— abgelegt unter:
Martin Thomas (ed.), European Decolonization, Aldershot

Francia-Recensio 2008/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Martin Thomas (ed.), European Decolonization, Aldershot, Hampshire (Ashgate) 2007, XXVI–547 S., ISBN 978-0-7546-2568-1, GBP 125,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jost Dülffer, Köln

Mit dem weitgehenden Abschluss des formalen Kolonialstatus durch Erlangung der Unabhängigkeit der »Dritten Welt« gewinnt die Dekolonisierung ein erhöhtes Interesse auch und gerade in der akademischen Lehre. In Frankreich haben Jean-Claude Ageron 1986 und 1992 (mit Michel) sowie Cathérine Coquery-Vidrovitch und Odile Goerg 1992 gute Reader vorgelegt. Im englischsprachigen Bereich lassen sich mindestens ein halbes Dutzend Publikationen benennen, angefangen von den bahnbrechenden beiden Bänden von Prosser Gifford und Wm. Roger Louis 1982/1988. Ging es anfangs noch darum, überhaupt quellengestützte Forschung zu bündeln, verlagert sich das mittlerweile stark. Um den Ersatz für Überblicksdarstellungen kann es dabei nicht mehr gehen, denn da liest man lieber die vorhandenen guten Monographien. Bedeutende Stationen der Forschung, sektorale Zugriffe und methodische Innovationen können aber immer noch auf Interesse stoßen. Über den erstrebten Zweck lässt sich Herausgeber Martin Thomas nicht aus. Am ehesten erfährt man ihn allgemein mit der von Jeremy Black verantworteten Serie »The International Library of Political History«. Einen Schwerpunkt bildet somit die Regierungsperspektive der Politikgeschichte. Innovative Neuansätze wird man darunter weniger finden. Für den Einsatz in der akademischen Lehre ist der Preis dieses Buches allerdings prohibitiv, wenn man nicht an die Kopiermaschinen denkt; in Deutschland werden sich schon größere Bibliotheken überlegen müssen, ob Sie einen Band für mehr als 160 EUR überhaupt anschaffen können.

Thomas leitet den Band mit einem fünfzehnseitigen Essay ein, der einen anregenden und informierten Literaturüberblick über die Vielfalt dekolonisierender Zugriffe in der Politik liefert, über Phasen, über Perspektiven von oben und unten berichtet, auch einzelne Persönlichkeiten würdigt. In diesen klugen Überblick reiht sich die Vorstellung der 21 hier versammelten Aufsätze gut ein; ein knapper Literaturbericht listet gerade jüngere Literatur zuverlässig auf.

Es gibt sechs Teile. Im ersten geht es um die »long-term perspectives« – ein großflächiger Vergleich zwischen britischem und französischem Ansatz zur Dekolonisierung (Tony Smith). Es folgt ein wirtschaftlicher Längsschnitt zum belgischen Kongo aus Brüsseler Sicht. Robert Blackey vergleicht die Revolutionstheoretiker Fanon und Cabral, während John Darwin die britische Dekolonisation in den Blick nimmt und bei der Alternative »pattern or puzzle?« die situativen und unvorhergesehenen Elemente gegenüber dem proklamierten und geregelten »Transfer of power« akzentuiert.

Teil II nimmt die unmittelbaren Nachkriegsfragen in den Blick: den niederländischen Waffengebrauch in Indonesien, die Dekolonisierungsplanungen Großbritanniens im südlichen Afrika (John Flint – er kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie Darwin: die Pläne funktionierten nicht so recht) sowie die diplomatischen Vorgänge, mit welchen Indien als Republik 1950 im Commonwealth gehalten werden sollte und dies auch vorerst blieb. Allein mit Frederick Coopers schon klassischem Beitrag über westafrikanischen Eisenbahnerstreiks wird die Perspektive von »unten« angezeigt: hier fand Bewusstseinsbildung statt, auf welche die französische Kolonialmacht relativ behutsam reagiert.

Teil III nimmt (angeblich) metropolitane Parteipolitik in den Blick: die Labour-Regierung 1945–1951 (was eben nicht wie behauptet die Labour Party als solche thematisiert), die französische MRP macht Herausgeber Martin Thomas selbst im Jahrzehnt von 1944 bis 1954 zum Thema – auch hier bedingte ein Handeln als Regierungspartei die Einschätzung dieser Christdemokraten, an der man am besten den neuen französischen Imperialismus (so Thomas) nachvollziehen könne. Natürlich ist unter den wechselnden Regierungen der IV. Republik der Ansatz gerade dieser Partei selbst wichtiger als etwa einer britischen Partei. Dennoch werden die Konservativen in den beiden folgenden Beiträgen gerade nicht angesprochen. Die Beobachtungen über die Churchill- und Eden-Regierungen 1951 bis 1957 schließen ganz diplomatiegeschichtlich an die Labour-Politik zuvor an, wie auch Macmillans berühmte »Winds of Change«-Rede von 1960 in den diplomatischen Kontext gestellt wird (Ovendale). In der ganzen Sektion überzeugt somit der behauptete parteipolitische Zugriff nicht.

Insgesamt am spannendsten finde ich den vierten Teil – wird hier doch der Blick von Kolonialherren und Kolonisierten unterschiedlich unter dem Rubrum »Counter insurgency« und Befreiungskriege abgehandelt: Malayas »Emergency« (Karl Hack), der Wandel der »Chieftains« an der Gold Coast schon in der letzten Zeit des Zweiten Weltkrieges folgt nach. Anhand der Schulkriege beim »Death of the Congo« vermag Patrick M. Boyle zu zeigen, dass dort bereits in den 1950er Jahren die Kirche stärker mit dem Kolonialstaat zusammen arbeitete als danach – da näherte sie sich Mobuto Sese an. Brillant ist Patrick Chabals Beitrag über die unterschiedliche revolutionäre Formierung in Guinea-Bissau, Mozambique und Angola: es ging kaum um genuin zu mobilisierende soziale Ziele, sondern die Gewaltpropaganda und -anwendung war der Hartnäckigkeit autoritär geleiteter portugiesischer Politik von Lissabon aus geschuldet.

Die Internationalisierung – Teil V – bündeln Chen Jian kenntnisreich: China und der Indochinakrieg zumal im Jahr 1954, Steven Metz: US-Einstellungen zur (frühen) Dekolonisierung Afrikas – sie rückten unter dem Eindruck kommunistischer Einflüsse schnell von nachdrücklicher Selbstbestimmung als Zielrichtung ab – und Matthew Connelly, der die Grand Strategy der algerischen Unabhängigkeit nachzeichnen will, dabei aber eher auf die algerisch-französischen Beziehungen abhebt.

Wirklich nur als Nachklapp ist Teil VI zu verstehen: Gender darf nicht fehlen, doch gibt es kaum Publikationen, sonst wäre Cora Ann Presleys Aufsatz über die Rolle der Kikuyu-Frauen in der Mau-Mau-Rebellion Kenyas nach dem Reader von Le Sueur zur Dekolonisation (2003) hier nicht ein weiteres Mal abgedruckt worden. Schließlich widmet sich Anthony Kirk-Greene der »Ultimate Diaspora« – der zweiten Karriere der ehemaligen britischen Kolonialelite, wobei er im geschriebenen Text vor allem die nachfolgenden 13 Tabellen kontextualisiert: die Forschung stehe noch am Anfang.

Die Beiträge wurden deswegen so ausführlich vorgestellt, um das Unbehagen an dieser aufwändigen Sammlung (es handelt sich um fotomechanische Nachdrucke, denen jeweils ein zweiter Kolumnentitel für eben dieses Buch beigegeben wurde) zu artikulieren. Einige Aufsätze sind schlicht veraltet. Es ist ja häufig so, dass von einzelnen Autoren zunächst Aufsätze, dann Monographien erscheinen, welche das gleiche Material besser auswerten, es entsteht eine weitere Forschungsdebatte etc. Das wäre spannend nachzuverfolgen, wird hier aber nicht gut möglich, da es keine Bemerkungen über etwaige Fortschreibungen von Aufsätzen gibt.

Zwei Aufsätze stammen aus den 1970er Jahren, neun aus den Achtzigern, sieben aus den Neunzigern und nur drei aus dem neuen Jahrtausend. Das mag man ja gern unter dem Gesichtspunkt ältere und neuere Methodik von Dekolonisierungsgeschichte in der Lehre diskutieren, doch geht es Thomas wohl vor allem um gute und damit auch heute noch gültige Überblicke. Gerade über den Belgischen Kongo weiß man aber mittlerweile sehr viel mehr und Kritischeres etc. Sodann: die einzelnen Teile sind recht beliebig und Patchwork artig zusammen gestellt worden. Militärische Gewalt taucht in mehreren Kapiteln verschiedener Parts auf. Die Parteipolitik der Dekolonisierung meint Regierungshandeln unter Führung bestimmter Parteien. Insgesamt kommt die Position der neuen Staaten und Nationen viel zu kurz, je nach Rechnung sind es ca vier Beiträge. Ein Argument, dass eben die zentralen Entscheidungen in London getroffen wurden und man daher auch nur britische Akten zu lesen brauche, ist schon recht anmaßend (John Flint 1983) – oder charakteristisch für die Entstehungszeit. Dagegen wird gerade aus dem Algerienbeitrag von Connelly 2001 deutlich, wie fruchtbar es ist, wenn man die Überlieferungsstränge beider Seiten zusammenhalten kann: da wäre ein Weg moderner Dekolonisierungsgeschichte.

Der Einfluss von außen ist gleichsam unterbelichtet. Wenn es richtig ist, wie Odd Arne Westad in seinem »Global Cold War« kürzlich in 2006 gezeigt hat, dass viel an Ost-West-Konflikt im Süden spielte, ja das sehr viele Konflikte dadurch aufgeladen wurden, ist es mit je einem Aufsatz zu den USA, China in Vietnam und dem nur behaupteten Einfluss des Kalten Krieges auf Algerien bei Connelly nicht getan. Hatten nicht gerade die Sowjetunion, Kuba und schließlich auch China in Afrika mehr mit der Dekolonisierung zu tun? Die »heißen Kriege im Kalten Krieg« (Bernd Greiner u. a. 2006), die vor allem in der Dritten Welt stattfanden, kommen so gut wie gar nicht vor. Das mag daran liegen, dass hier ein recht enger Zeitraum für Dekolonisierung angenommen wird, der ganz in die späte Kolonialzeit, gelegentlich einmal mit Ausblick bis in die 1970er Jahre geworfen wird.

Neuere Ansätze, die im letzten Jahrzehnt international Beachtung und Diskussion gefunden haben, müssen ja nicht alle richtig und für alle weiter führend sein. Aber: postcolonial studies, orientalism, cultural oder linguistic turn: Fehlanzeige. Nicht jeder Band muss und kann allen Alles bringen, ein bisschen mehr als Kikuyu women und damit die weithin obligatorische Behandlung von Gender hätte schon sein dürfen – auch wenn die Reihe eine nicht definierte politische Geschichte als ihren Titel hat.

Zum Schluss noch zwei erfreuliche Beobachtungen. Zum einen: die Ursprungsorte der Aufsätze sind sehr vielfältig, kaum zwei entstammen derselben Zeitschrift. Zum anderen: bei Mehrfachbehandlung einzelner Kolonialmächte und deren Dekolonisierung finde ich die geographischen Schwerpunkte hinreichend breit gesetzt: zwölf Beiträge bei einem britischen Reader zu Großbritannien sind verständlich, fünf gibt es zu Frankreich, je zwei zu Belgien und Portugal und einer zu den Niederlanden. Das lässt sich als breite Streuung aller Dekolonisierungsstaaten recht gut vertreten.

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Dokument zuletzt verändert am: 17.11.2008 16:55
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