L. Thaisy: La politique cinématographique de la France en Allemagne occupée (1945-1949) (Friedrich Peter Kahlenberg)
Laurence Thaisy, La politique
cinématographique de la France en Allemagne occupée
(1945–1949), Québec (Presses universitaires du Septentrion)
2006, 275 S., ISBN 2-85939-903-8, EUR 18,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Friedrich P. Kahlenberg, Boppard
Die Arbeit der Germanistin Laurence Thaisy belegt den hohen Stellenwert, den Frankreich in seiner Besatzungszone in Nachkriegsdeutschland dem Medium Film zuerkannte. Filmpolitik wurde in der französischen Militärregierung in Baden-Baden nicht primär als kulturelle Aufgabe gesehen, sie wurde vielmehr der Direction de l’information unter Jean Arnaud zugeordnet. Diese wiederum unterstand der Direction générale des Affaires administratives unter Maurice Sabatier. Von Anfang an zielte der Einsatz von Filmen für die deutsche Bevölkerung auf die Unterstützung der politischen Informationsarbeit, deren konkreten Beitrag zur Entnazifizierung und Demokratisierung, vor allem aber auch auf die Vermittlung eines positiven Bildes von Frankreich und dessen Regierungspolitik. Nicht zuletzt wurden ökonomische Aspekte verfolgt, inspiriert durch die nach der Befreiung reorganisierte französische Filmindustrie. Für solch breites Aufgabenverständnis der section cinéma, des Filmreferats in der Informationsabteilung, stand die Persönlichkeit von Marcel Colin-Reval, einem Vertreter der französischen Filmindustrie. Er leitete das Filmreferat in aus dem Rückblick erstaunlicher Unabhängigkeit während des gesamten Untersuchungszeitraums. Parallel zu seiner Aufgabe binnen der Militärregierung vertrat er die Interessen des Centre national de la cinématographie in Paris in allen alliierten Besatzungszonen und in Österreich.
Die Ausgangslage, der sich Colin-Reval bei Übernahme seiner Aufgabe in Baden-Baden am 1. Juli 1945 konfrontiert sah, konnte kaum deprimierender sein. Im Unterschied zu allen anderen Besatzungszonen der Alliierten befanden sich in der französischen keine Produktionsstätten der bis Kriegsende tätig gebliebenen deutschen Filmindustrie. Von den knapp 300 Lichtspieltheatern waren sechzig im Krieg zerstört, vielfach fehlten Projektionsgeräte. Um so ehrgeiziger und beeindruckender mutet im Rückblick Colin-Revals energisch betriebene Aufbauarbeit an. Zunächst organisierte er den Filmverleih Rhein-Donau, bereitete vor allem die Einrichtung von Kopier- und Synchronisationsbetrieben in Teningen in Baden, in Remagen im Rheinland vor.
Die Verfasserin widmete sich ihrem Thema gestützt auf die umfassende Auswertung der französischen Primärquellen, vor allem jener der Militärregierung aller Ebenen in den Archiven von Colmar und im Außenministerium am Quai d’Orsay. Bei deutschen Quellen beschränkte sie sich auf die ausgedehnte Sichtung publizistischer Zeugnisse. Ihre Studie ist mehr als ein Beitrag zur Filmgeschichte im üblichen Sinn, es ist eine solide zeitgeschichtliche Monographie, klar gegliedert, dicht und präzise formuliert. Zeitlich grenzte sie ihre Arbeit auf die Zeit bis Mai 1949 ein, räumlich auf die französische Besatzungszone, d. h. ohne das Saarland einzubeziehen. Indessen widmet sie der Präsenz des französischen Films in der Viersektorenstadt Berlin in offener Konkurrenz zum Filmschaffen der Amerikaner, Briten und Russen und deren Resonanz in der Presse eine eigene Betrachtung. Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert, deren erste beiden auch die zeitliche Abfolge der Tätigkeit der section cinéma spiegeln.
Zu Beginn des Jahres 1947 nahmen die seit Sommer 1946 von Colin-Reval vorbereiteten französisch-deutschen privatwirtschaftlich nach deutschem Recht organisierten Gesellschaften ihre Tätigkeit auf. Im einzelnen waren dies die Verleihorganisation Internationale Filmallianz und die bereits im September 1946 gegründete Filmwochenschau GmbH in Baden-Baden, vor allem auch die ambitioniert ausgebaute Intern. Filmunion in Remagen. Dort wurde neben einer Kopieranstalt und dem Synchronisationsstudio auch eine künftige Produktionsstätte mit Atelierbetrieb vorbereitet. Nicht zuletzt bei der Kapitalausstattung der neuen Gesellschaften wahrte die französische Filmindustrie ihren mehrheitlichen Einfluss. Unübersehbar bei den Aktivitäten von Colin-Reval ist deren langfristig wirksame Zielsetzung zur Wahrung der eigenen filmwirtschaftlichen Interessen im Sinne seiner Partner in Paris.
Bis Herbst 1948 bestimmte die Militärregierung allein, welche Filme in den Kinos ihrer Zone gezeigt wurden. Im Zuge des Anschlusses der französischen an die Bi-Zone verabredete Colin-Reval mit Eric Pommer für die amerikanische und mit George Dessauer für die britische Militärregierung den zum 15. Oktober 1948 in kraft tretenden Accord de Wiesbaden, der den Filmverleih in den drei westlichen Besatzungszonen liberalisierte. Auch im Nachgang zu den Folgen der Währungsreform trug diese Öffnung zur Normalisierung des französischen Engagements bei, fortan musste sich das französische Filmangebot in den deutschen Theatern gegen die amerikanischen Produktionen behaupten.
Besonderes Interesse verdient die Betrachtung der Kriterien für die Auswahl jener französischen Filme, die seit Sommer 1945 in den deutschen Theatern gezeigt wurden. Die Auswahl wurde zunächst in Paris getroffen, erst im September 1945 setzte Colin-Reval für seine section das Auswahlrecht durch. Erstaunlich bleibt, dass von einer ersten Tranche von vierzig Filmen, die zur Untertitelung für den Einsatz in Deutschland vorgesehen waren, zwei Drittel in den Jahren der deutschen Besetzung Frankreichs entstanden sind (auf die Titelliste S. 142f. sei besonders hingewiesen). Dass Colin-Reval bei seiner Auswahl nicht zuletzt auf Unterhaltungsfilme setzte, die auch kommerziellen Erfolg versprachen, spricht für seine Professionalität. Nicht zu übersehen ist freilich auch, dass die zur Wiederaufführung freigegebenen Filme deutscher Produktion der Zeit bis 1945 sich bei dem deutschen Publikum deutlich größerer Beliebtheit erfreuten als die französischen Filme, jedenfalls außerhalb der wenigen Großstädte in der Französischen Zone; auf das S. 163f. mitgeteilte Beispiel aus Zweibrücken ist hinzuweisen, wo die gezeigten französischen Filme zweimal weniger Zuschauer anlockten als die deutschen.
Der Einsatz französischer Dokumentarfilme in den Theatern der Besatzungszone wird von der Verfasserin erwähnt, die Titelliste S. 243 nennt mehr als fünfzig Einzeltitel. Ebenso benennt sie die in der Zeit wichtige Informationsfunktion der Wochenschau, die ab September 1946 in Baden-Baden eigens produziert wurde und die seit August 1945 gezeigte deutsche Version der »Actualités françaises« ablöste. Ab Mai 1947 nannte sich die Wochenschau »Blick in die Welt«. Deren Produktionsvoraussetzungen und technische Ausstattung, vor allem auch die inhaltliche Gestaltung verdiente eine eigene Untersuchung.
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