C. Mengin: Guerre du toit & modernité architecturale (Christian Freigang)
Christine Mengin, Guerre
du toit & modernité architecturale: loger l’employé sous la
république
de Weimar, Paris (Publications de la Sorbonne) 2007, 540 S. (Histoire
de l’art, 16), ISBN 978-2-85944-567-6, EUR 45,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Christian Freigang, Universität Frankfurt/M.
Die umfangreiche Studie zum Angestelltenwohnungsbau in der Weimarer Republik muss in zweifacher Hinsicht als bemerkenswertes Novum gelten: zum einen ist ein Gesamtüberblick in dieser Perspektive bisher höchstens ansatzweise geleistet, zum anderen handelt es sich um den in der Kunst- und Architekturgeschichte bislang seltenen Fall, dass ein Spezifikum der Weimarer Republik – der kollektive Siedlungsbau – nun in kompetenter Weise von der französischen Forschung beleuchtet wird. Das fachübergreifende Interesse steht außer Frage: Denn es ist eben die soziale Schicht der Angestellten als essentiellem Bestandteil der gesellschaftlichen Modernisierung, die über ein neues Berufsverständnis und neue Mentalitäten entscheidenden Anteil an den Transformationen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jhs. hat bzw. diese hervorbringt. Entsprechend kann der berühmte, aber soziologisch bislang unzureichend differenzierte Siedlungsbau zu Recht einer spezifischen Angestellten-Wohnkultur zugerechnet werden.
Mengin erfasst ihren Stoff in architekturgeschichtlich-formaler, institutionen- und mentalitätsgeschichtlicher Hinsicht. Im Zentrum stehen nicht die Architekten, sondern die eigentlichen Bauauftraggeber, also die Angestelltengewerkschaften verschiedener Couleurs bzw. die mit ihnen zusammenhängenden Baugesellschaften. Insbesondere geht es um die links orientierte Gehag (Gemeinnützige Heimstätten Spar- und Bau-Aktiengesellschaft) und die deutschnational ausgerichtete Gagfah (Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten). Beide geraten mit ihren Bauaktivitäten gerade in Berlin in eine signifikante, architektonisch-anschauliche und publizistisch propagierte Konkurrenz: in Britz (Hufeisensiedlung bzw. Gagfah-Siedlung als städtebauliches Pendant) und in Zehlendorf (Onkel-Toms-Hütte bzw. Fischtalgrundsiedlung als »Barriere« nach Süden). Der im Jahr 1928 anlässlich der Zehlendorfer Bauten entfachte publizistische »Zehlendorfer Dächerkrieg« drehte sich vordergründig um die Frage »Flachdach vs. Steildach«, erweist sich aber in mehrerer Hinsicht als repräsentativ für die von Mengin behandelten Diskurse. Einem vor allem von Bruno Taut verantworteten »modernen«, auf industrialisierte Vorfertigung, Massenwohnungsbau und »Sachlichkeit« insistierenden Konzept in Onkel-Toms-Hütte wurde ein Ensemble von Einzelhäusern entgegengesetzt, das die Begriffe von eigener »Heimstätte«, handwerklicher Fertigung und »Heimatschutz« ideologisierte.
Diese in der Architekturgeschichte nachgerade topische Polarität wird von Mengin intensiv kontextualisiert. So arbeitet sie anhand der Entstehungsgeschichten der Baugesellschaften einsichtig heraus, dass es durchaus ein gemeinsames Fundament des gewerkschaftlichen Bauens gab: Die Ablehnung der Großstadt, das Ideal von Gartenstadt und Einzelwohnhaus, die pädagogische Funktion der Wohnkultur, die Notwendigkeit von ökonomischem Wirtschaften und Typisierung im Bauprozess etc.: all dies führte zu einer universellen neuen Wohnungstypologie, die bis weit in die Nachkriegszeit gültig war: Separierung von Küche und Wohnzimmer, getrennte Kinder-, aber gemeinsames Elternzimmer, integriertes Bad/WC.
Die entscheidende und für die Weimarer Republik im Vergleich zu anderen Staaten spezifische Voraussetzung für derartige Entwicklung war die öffentliche Koordinierung des Wohnungsbaues vor allem über die Gewerkschaften und die als Inflationskompensation von 1924 bis 1931 staatlich eingezogene »Hauszinssteuer« als Bauhypothekenrücklage. Mengin erörtert präzise die Ursprünge dieser Maßnahmen: die staatliche Förderung des Hausbaues verdankt sich etwa auch einer paternalistischen Begünstigung von Weltkriegsteilnehmern. Detailliert sind die finanziellen Maßnahmen und das institutionelle Zusammengreifen von staatlichen und gewerkschaftlichen Institutionen nachgezeichnet. Das Konzept der »Heimstätte«, d. h. des eigenen Hauses mit Garten, hat ebenso konkrete patriotische Motive, die schon vor dem ersten Weltkrieg wirksam wurden. Anhand der 1910 gegründeten Siedlung Steenkamp in Altona kann Mengin über die dort beteiligten Protagonisten und ihre Grundauffassungen eine weit zurückreichende Kontinuität der 1918 ins Leben gerufenen Gagfah eruieren. Im Fall der Gehag ist vor allem der bekannte Einfluss der englischen und deutschen Gartenstadtbewegung auf die hauptsächlichen Verantwortlichen, den Berliner Stadtbaurat Martin Wagner und den Architekten Bruno Taut, zu benennen. Als weiterer wichtiger Faktor wird das schon im Kaiserreich umfassend gepflegte Beamtenbauwesen beschrieben, das wichtige Wohnstandards vorgab. Eigenartigerweise ist indessen der – ebenfalls staatlich geförderten – Rezeption des englischen Landhauses um 1900 keine weitere Beachtung geschenkt.
Dank einer mühevollen historisch-statistischen Analyse können die Mentalitäten der Angestellten ermittelt werden. Im Ergebnis liest sich die Zurückweisung der Dekorationsarchitektur als eine dem Selbstverständnis der Angestellten geschuldete Auflösung von überbrachten Repräsentationsstrategien. Die Distinktion gegenüber niedrigeren Schichten geschah mehr über das Freizeit- und Konsumverhalten als über die Wohnungsausstattung. Das sind wichtige Faktoren, um etwa die Stadtrandlagen vieler Siedlungen bzw. deren Verkehrsanbindungen besser zu verstehen.
In einem letzten Teil äußert sich die Autorin zu den trotz aller (etwas zu forciert dargestellten) Gemeinsamkeiten fraglos bestehenden grundsätzlichen Unterschieden innerhalb der Bauauffassungen der Weimarer Republik. Sie führt es mit Norbert Elias zurück auf eine in immer neuen Facetten vermittelte Differenz zwischen den nationalen Identitätsparametern »Kultur vs. Zivilisation« – verstanden als der Unterscheidung zwischen den repräsentativen (historischen) Hervorbringungen bzw. den (zeitgemäßen) Handlungsmustern innerhalb einer Gemeinschaft. Derartige Entgegensetzungen kann Mengin ebenso wie den Tönnies’schen Antagonismus »Gemeinschaft vs. Gesellschaft« bei den Protagonisten des Siedlungsbaues durchaus nachweisen und damit grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen vom »Angestellten« herausarbeiten. Zielte die nationalistische Gagfah letztlich auf ein ständisches Verständnis, bei dem der Regionalismus der Architektur historische Kontinuität suggerierte, so äußerte sich die linke Auffassung der Gehag in einem tendenziell internationalistischen, überhistorischen Klassenbegriff. Insofern lassen sich handwerklich gefertigtes, wenn auch typisiertes Einzelwohnhaus und quasi industriell konzipierter Wohnblock kontrastieren. Trennscharf können die Positionen indessen nicht zuweisen werden: Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass auch die Gagfah extrem rationalistische Wohnblocks in Zeilenbauweise betreut hat (Frankfurt-Lindenbaum von Gropius). Mengin führt dies über in eine erhellende Diskussion über die »reaktionäre Moderne« (nach Jeffrey Herf, 1984) bzw. gewisse postmoderne Versuche, dem regionalistischen Bauen in der Moderne Avantgardistisches abzugewinnen. Die Architektur war eben nicht ein reines Mittel der Repräsentation, sondern konkret verbunden mit unausweichlichen sozialen Entwicklungen. Insofern können sich gerade auch im Bauen der Zwanziger Jahren soziale und mentale Modernisierung und ideologische Antimoderne vermengen.
Ein Ausblick auf den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit runden die Arbeit ab: Entsprechend der gewaltsamen Eingliederung der Angestellten in die angebliche völkische Gemeinschaft und der Gewerkschaften in die »Deutsche Arbeitsfront« nivelliert und verringert sich im »Dritten Reich« auch der Siedlungsbau zu Siedlerkolonien von geringem Standard. Nach 1945 hingegen wird das Neue Bauen als demokratisches Modell des (zu betonen wäre: kollektiven!) Wohnungsbaues wieder aufgenommen.
Instruktiv wäre eine deutlichere Absetzung des Themas vom Wohnungsbau der Kommunen (Frankfurt unter Ernst May) bzw. staatlicher Institutionen (z. B. Reichsbahn, Reichspost) gewesen. Stellenweise könnte die Arbeit wohl straffer argumentieren; auch ist die weitgehende Übersetzung von Institutionen- und teilweise sogar Straßennamen zumindest für den deutschsprachigen Leser etwas verwirrend; dafür sind in einem Glossar die wichtigsten Organisationen kurz erläutert. Die Bebilderung ist ausreichend, muss aber trotz einiger Farbabbildungen als nicht opulent bezeichnet werden.
Insgesamt handelt es sich um ein Standardwerk, dessen Übersetzung ins Deutsche dringend zu empfehlen wäre.
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