J. Le Rider: Malwida von Meysenbug (Mareike König)
Jacques
Le Rider, Malwida von Meysenbug. Une Européenne du XIXe
siècle, Paris (Éditions Bartillat) 2005, 606 S., ISBN
2-84100-362-0, EUR 25,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Mareike
König, Paris
Sie selbst bezeichnete sich in ihren frühen Memoiren stolz als »Idealistin«, was im Vorwort der Erinnerungen in einer Ost-Berliner Ausgabe von 1970 als »selbstlose Kämpferin für fortschrittliche Ideen«, »edle Rächerin der Revolutionäre, die 1848 der Reaktion erlagen« und »unbeirrbare Botschafterin klassischer Humanität« näher spezifiziert wurde. Jacques Le Rider zeigt Malwida von Meysenbug in seiner meisterhaften, über 600 Seiten starken Biographie nun als Europäerin. Damit stellt er ihre vielfältigen Beziehungen zu europäischen Persönlichkeiten des 19. Jhs. wie z. B. Alexander Herzen, Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Giuseppe Mazzini und Romain Rolland in den Mittelpunkt, ihr Leben zwischen London, Paris, Florenz, Rom und Bayreuth sowie ihre europäisch geprägte Bildung und Kultur. Dabei lässt er die Quellen sprechen und zitiert ausführlich aus den »Memoiren einer Idealistin« und den Briefwechseln mit den verschiedenen Persönlichkeiten. Er stellt die Beziehungen Malwidas und die verschiedenen Einflüsse auf ihr Denken in den Vordergrund. Seine Biographie ist daher auch nicht streng chronologisch aufgebaut. Einzelne Kapitel überschneiden sich zeitlich immer dann, wenn intensive Beziehungen sich ablösen. Dadurch ist zwar manches Zitat, mancher Gedanke doppelt, doch es entsteht eine fast 360˚-Grad-Perspektive auf die Protagonistin und ihr Umfeld.
In Kassel als Tochter des hessischen Hofbeamten Carl Rivalier geboren, verbringt Malwida von Meysenbug ihre Kindheit und frühe Jugend in Detmold. Ihre erste große Liebe zu Theodor Althaus, Pfarrersohn und Theologiestudent, wird zwar enttäuscht. Er regt sie jedoch zur Auseinandersetzung mit dem Christentum und zur Lektüre aufklärerischer Schriften an. Die frei denkende junge Frau kommt mit sozialistischen Kreisen in Verbindung und zeigt sich als frühe Verfechterin der Frauenemanzipation. Sie engagiert sich in der Revolution von 1848/1849, was sie endgültig in Opposition zu ihrer konservativen Familie bringt. Als ihr 1852 in Berlin aufgrund ihres politischen Engagements eine Verhaftung droht, verlässt sie Deutschland und geht ins Londoner Exil. Im Hause von Gottfried und Johanna Kinkel wird sie herzlich aufgenommen und kommt so schnell in den internationalen Kreis der Persönlichkeiten, die sich in den 1850er Jahren im Londoner Exil aufhielten: so z.B. Carl Schurz, Giuseppe Mazzini, Ferdinand Freiligrath, Giuseppe Garibaldi und natürlich Alexander Herzen, bei dem sie einziehen wird, um die Erziehung seiner Kinder Natalie und Olga zu übernehmen.
In Paris trifft Malwida von Meysenbug im Winter 1859/60 erneut auf Richard Wagner, zu dessen fast bedingungslosen Anhängerin sie wird. Ihr Leben verbringt sie ab 1862 mit der Erziehung Olgas zwischen Rom und Florenz, bis diese den französischen Historiker Gabriel Monod heiratet und nach Paris zieht. Zu diesem Zeitpunkt hat Malwida von Meysenbug ihre Autobiographie »Memoiren einer Idealistin« bereits veröffentlicht, zunächst auf Französisch. Das Buch wird ihr größter literarischer Erfolg und zählt nach wie vor zu einem der wichtigsten autobiographischen Zeugnisse des 19. Jhs.
Doch auch wenn die vielleicht wichtigste Phase bereits hinter ihr lag, war ihr Leben noch keineswegs beendet, wie Le Rider in Erinnerung ruft. Drei der letzten Kapitel seiner Biographie widmet er der Freundschaft und der intellektuellen Auseinandersetzung von Malwida mit Friedrich Nietzsche, Gabriel Monod und Romain Rolland. Das Überlagern von Zitaten verschiedener Herkunft zeigt sich gerade in diesen Kapiteln als wirkungsvoll zur umfassenden Beschreibung der komplexen Beziehungen und der gegenseitige Beeinflussung im schöpferischen Werk.
Über die einzelnen thematischen Kapitel hinweg zeichnet Le Rider die Entwicklung der politischen Ansichten von Malwida von Meysenbug nach. Dies gelingt ihm so feinfühlig, dass weder ihr Wandel von einer Anhängerin der Ideale der 48er Revolution zu einer Bewunderin Bismarcks und des deutschen Nationalismus vor 1870 über die schrittweise Abkehr von der deutschen Politik unter dem Einfluss ihrer französischen Freunde bis hin zur Bewunderin Wilhelm II noch die Verschiebung von einer »Idealistin« zu einer durch Wagner beeinflussten Anhängerin Schopenhauers als Brüche erscheinen.
Der anregende Band wird abgeschlossen durch eine genealogische Übersicht der Familie Malwidas, eine ausführliche biographische und bibliographische Chronologie sowie durch ein Personenregister und Fotos.
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