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A. Lacroix-Riz: Le choix de la défaite (E. Bokelmann)

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Annie Lacroix-Riz, Le choix de la défaite. Les élites françaises dans les années 1930

Francia-Recensio 2008/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Annie Lacroix-Riz, Le choix de la défaite. Les élites françaises dans les années 1930, Paris (Armand Colin) 2006, VIII–671 S., ISBN 978-2-200-26784-1, EUR 35,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Elisabeth Bokelmann, Essen

Wenn der Leser das vorliegende Buch aus der Hand legt, tut er dies in dem Bewusstsein, sich mit einem ungewöhnlichen Text befasst zu haben. Ungewöhnlich nicht nur wegen der großen Arbeitsleistung, die sich zu rund 700 materialgesättigten Seiten mit einer Fülle von Zitaten und Quellenverweisen verdichtet, sondern auch wegen der vehementen Anklage, die schon der Titel formuliert.

Annie Lacroix-Riz ist in Frankreich keine Unbekannte. Die streitbare Historikerin, Professorin an der Universität Paris 7, hat durch ihre Untersuchungen »Le Vatican, l’Europe et le Reich« (1996), »Industriels et banquiers sous l’Occupation: la collaboration économique avec le Reich et Vichy » (1999) u. a., unter Kollegen und in der Öffentlichkeit heftige Kontroversen ausgelöst. Dies mag nicht nur an der Kühnheit liegen, mit der Lacroix-Riz sensible Themen aufgreift, sondern auch an der Selbstverortung der Autorin als engagiertes Mitglied der kommunistischen Partei.

Gleichwohl wäre es verfehlt, wollte man das vorliegende Buch pauschal mit dem Stigma »Parteilichkeit« belegen und beiseite legen; zu gewichtig ist mancher Erkenntnisgewinn. Zudem versichert sich die Autorin des argumentativen Beistands eines unangefochtenen Zeitzeugen. Der Historiker Marc Bloch, der in SS-Gewahrsam zu Tode kam, gab in seinen Notizen der Hoffnung Ausdruck, es werde eines Tages möglich sein, »de faire la lumière sur les intrigues menées chez nous de 1933 à 1939 en faveur de l’axe Rome-Berlin pour lui livrer la domination de l’Europe en détruisant de nos propres mains tout l’édifice de nos alliances et de nos amitiés« (S. 552). Dieser Hinweis auf Klärungsbedarf wird gestützt durch Zeitzeugenberichte deutscher Militärs, die Verwunderung über die schnelle Niederlage der französischen Truppen bekunden. Beispielhaft hierfür führt Lacroix-Riz das Wort des Generals von Reichenau an, der den deutschen Sieg mit den Worten kommentierte: »Nous n’avons pas vaincu la France, elle nous fut donnée« (S. 552).

Die Autorin legt ihrer Untersuchung die These zugrunde von einer zielgerichteten Entscheidung für »la Défaite«, die die französischen Eliten seit den Dreißiger Jahren getroffen und verfolgt hätten. Doch wer waren diese »Eliten«? Innerhalb der Ebene von Bankern und Großunternehmern, angeführt von der Banque de France und dem Comité des Forges, so sieht es Lacroix-Riz, hätten sich Vorstellungen herausgebildet, die in die Vision einer gesamtgesellschaftlichen Neuordnung mit Anklängen an die autoritären politischen Systeme der Nachbarstaaten Italien und Deutschland mündeten. Als Gegenkräfte zu diesem Ziel wurden die Gruppen des linken politischen Lagers wahrgenommen; die Vorgänge im Sowjetkommunismus boten sich als argumentative Hilfskonstruktion, als Schreckbild, an. Im Zuge der Verfestigung des fiktionalen Konstrukts übernahm ein innerer Zirkel von Technokraten, die »Synarchie«, Planung und Steuerung der Aktivitäten der Verschwörer; in den rechtsextremistischen Ligen entstanden gewalttätige Söldnertrupps. Mit dem Wahlsieg der Volksfront-Koalition von 1936 als Beispiel eines gegen »das Kapital« gerichteten Regimes sahen die Eliten die Bedrohung ihrer Besitzstände in greifbare Nähe gerückt. Aus der Reaktion darauf ergab sich »die Entscheidung für die Niederlage«, aus der die Transformation der politischen und sozialen Wirklichkeit hervorgehen sollte. Handlungsbestimmend für die außenpolitische »Wahl« war demnach die innenpolitische Konstellation. Aus der innenpolitischen Sicht ergab sich das Motto »lieber Hitler als Stalin«.

Mit welchen Mitteln nun geschah die Einflussnahme? Vor allem mit der Macht des Kapitals, so Lacroix-Riz, mit dem Abhängigkeiten produziert, Geschäftspartner gekauft, Anhänger rekrutiert, außenpolitische Fakten geschaffen, vor allem auch die Presse auf Richtung gebracht und die öffentliche Meinung gesteuert wurde. Folgt man der Autorin, so legte sich in den Dreißiger Jahren ein unentwirrbares Geflecht von Verschwörungsaktivitäten über die politischen Belange Frankreichs, ein Geflecht, das nicht nur dessen Schicksal und das seiner Vertragspartner vorbestimmte, sondern weitgehend auch das Schicksal des Kontinents.

Spätestens hier regen sich beim Leser Zweifel. Unbestreitbar ist, dass der autoritäre Führungsstil, wie er in NS- Deutschland praktiziert wurde, auf weite Kreise in Frankreich Anziehungskraft entfaltete und dass sein menschenverachtendes Potential nicht erkannt wurde, wohl nicht erkannt werden konnte. Auch dass sich vorwiegend aus eben diesen Kreisen die Anhängerschaft von Vichy rekrutierte, unterliegt keinem Zweifel. Unbestreitbar auch, dass manche außenpolitischen Weichenstellungen der französischen Politik in den Dreißiger Jahren aufzuklären bleiben, wie der Umgang mit der Kleinen Entente oder mit den sowjetischen Kooperationsbestrebungen. Aber lässt sich aus alledem auf eine absichtsvolle Schwächung der eigenen nationalen Sicherheitsinteressen schließen, auf die willentliche Unterminierung der Verteidigungsanstrengungen? Widerspricht nicht auch die Herausbildung des Widerstands gegen Vichy und gegen die Kollaboration der angenommenen »Wahl der Eliten«? Und werden hier nicht etliche Bewertungen von Personen allzu sehr an der leitenden These ausgerichtet (etwa Léon Blum, Édouard Daladier, Paul Reynaud etc.)? Welche sind zum anderen die deutschen Archive, die mehrfach erwähnt, aber nirgends aufgeführt werden?

Das Buch erhellt Zusammenhänge und klärt manche Sachverhalte. Es regt an zur Diskussion und wird künftig dank seiner Quellenhinweise einen unverzichtbaren Fundus darstellen für Arbeiten zur Zwischenkriegsära. Die Grundthese aber von der planvollen Entscheidung zur Niederlage ist in dieser Schärfe sicher nicht zu halten, wenngleich die Fragestellung weitere Untersuchungen nötig macht.

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A. Lacroix-Riz: Le choix de la défaite (E. Bokelmann)
In: Francia-Recensio, 2008-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-3/ZG/Lacroix-Riz_Bokelmann
Dokument zuletzt verändert am: Jan 24, 2012 03:29 PM
Zugriff vom: May 24, 2012