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D. Geppert: Pressekriege (Rainer Lahme)

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Dominik Geppert, Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896–1912)

Francia-Recensio 2008/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Dominik Geppert, Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896–1912), München (Oldenbourg) 2007, VIII–490 S., ISBN 978-3-486-58402-8, EUR 49,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Rainer Lahme, Boppard

Die Erkenntnis, dass die Öffentlichkeit und insbesondere die Presse in Großbritannien und im Deutschen Reich an der Entstehung und Verfestigung des deutsch-britischen Antagonismus vor dem Ersten Weltkrieg einen nicht unerheblichen Anteil hatten, ist in der Forschung allgemein anerkannt. Schwierig ist es allerdings, die inneren Strukturen und Verbindungen, die Wege der erfolgreichen oder auch gescheiterten Einflussnahme im sich gegenseitig durchdringenden Geflecht von Diplomatie und Öffentlichkeit zu erkennen. Gelang es eher den Diplomaten in der Wilhelmstrasse und im Foreign Office, die Vertreter der Presse in den Dienst ihrer jeweiligen Strategien zu nehmen oder war es vielmehr so, dass die Presse auf beiden Seiten des Kanals die Themen bestimmte und die ohnehin gefährdete Handlungsfreiheit der Diplomaten damit weiter einengte und die pragmatische Beilegung von Interessengegensätzen erschwerte?

Dominik Geppert untersucht dieses Spannungsverhältnis zwischen Öffentlichkeit und Diplomatie am Beispiel der deutsch-britischen Pressekriege der Jahre 1896–1912. Demnach kam es in diesem Zeitraum vor allem durch den Aufstieg der kommerziellen Massenpresse zu einer »dramatische[n] Verschiebung im Koordinationssystem von Öffentlichkeit und Diplomatie«, wodurch sich die allgemeinen Rahmenbedingungen, unter denen Außenpolitik gemacht wurde, nachhaltig veränderten und die Tage der »Geheimdiplomatie« endgültig der Vergangenheit angehörten. Der Autor sieht sich mit seiner Studie historiographischen Neuansätzen in vielfältiger Weise verpflichtet. Er verweist auf neue theoretische Überlegungen in der Diplomatie- und Mediengeschichte und versteht seine Arbeit als »Beitrag zur kulturgeschichtlichen Erweiterung der Politikgeschichte, weil sie der Frage konkurrierender Realitätsinterpretationen sowie der individuellen und kollektiven Selbst- und Fremdwahrnehmung der handelnden Personen und sozialen Gruppen besondere Aufmerksamkeit schenkt«. Ausgerüstet mit diesem methodischen Instrumentarium will der Autor zeigen, dass die Medien nicht nur auf Entwicklungen im Bereich der internationalen Beziehungen reagierten, »sondern selbst politische Akteure« waren. In der Darstellung selbst treten die theoretischen Überlegungen aber immer mehr in den Hintergrund, wodurch der Eindruck entsteht, dass der einleitend formulierte theoretische Anspruch wenig Bindung zum eigentlichen Gegenstand der Studie findet.

Das kaum befriedigend zu lösende Grundproblem der Arbeit ist allerdings die Quellenlage. Da der Autor aufgrund seines breit angelegten Erkenntnisinteresses allein schon in der Flut der Zeitungsartikel zu ertrinken droht und damit die gleichfalls zu beachtenden Beziehungen zwischen Presse und Politik oder die Wechselwirkungen zwischen der deutschen und britischen Presse noch gar nicht erfasst hat, bleibt ihm keine Alternative als das komplexe Beziehungsgeflecht anhand von Fallstudien zu untersuchen. Zu diesem Vorgehen sieht sich der Verfasser offenbar aber auch dadurch gezwungen, dass gerade über die sensiblen Kontakte zwischen Journalisten und Diplomaten bzw. der Presse und den jeweiligen Regierungen nur in wenigen Fällen eine befriedigende Quellenbasis zur Verfügung steht. Daher werden die Struktur und der Inhalt der Studie in weiten Teilen von der vorhandenen Quellenüberlieferung bestimmt und nicht so sehr von einer konsequent verfolgten thematischen Sachlage.

Nach einem einleitenden Kapitel über die Grundlagen des Nachrichtenwesens im späten 19. Jh., den Aufstieg der Massenpresse und dem unterschiedlichen Umgang mit der Presse und ihren Vertretern durch die Regierungen in London und Berlin konzentriert sich der Verfasser auf drei große Themenkomplexe. Den Auslöser deutsch-britischer Pressefehden sieht auch Geppert im Glückwunschschreiben Kaiser Wilhelms II. an den Präsidenten der Burenrepublik vom 3. Januar 1896, dem viel zitierten »Krüger-Telegramm«. Der damit einhergehende Schaden für die deutsch-britischen Beziehungen sei zwar durchaus behebbar gewesen, dennoch hätten sich Denkschemata und Handlungsvorgaben festgesetzt, die bei späteren Anlässen gewissermaßen reflexartig wieder abrufbar gewesen seien. Die britische Öffentlichkeit, die sich der machtpolitischen Überlegenheit des eigenen Landes im Gegensatz zu früheren Jahren offenbar nicht mehr gewiss war, sah sich völlig unerwartet herausgefordert und reagierte dementsprechend vehement und lautstark. Für die spätere Entwicklung von Bedeutung war, dass eine einflussreiche Gruppe junger Diplomaten im Foreign Office der sich in der britischen Öffentlichkeit festsetzenden Auffassung von der »deutschen Gefahr« durchaus zustimmte und Öffentlichkeit und Diplomatie in Großbritannien sich somit auf der Grundlage einer gemeinsamen Sicht der Weltlage durchaus ergänzten.

Etwas anders sahen die Erfahrungen der deutschen Regierung mit der zunehmenden Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Presse aus. Obwohl die Reichsleitung aufgrund ihrer Neutralitätspolitik keinerlei Interesse an einer Verschärfung des deutsch-britischen Pressekrieges während des Burenkrieges hatte und auch dementsprechend auf die deutsche Presse einzuwirken versuchte, war ihren diesbezüglichen Bemühungen nur wenig Erfolg beschieden. Als Wilhelm II. seine Großmutter, Königin Victoria, 1901 am Sterbebett aufsuchte, ging sogar ein »wahrer Proteststurm« durch den deutschen Blätterwald. Dieses Grundmuster, dass die bürokratische Pressepolitik der Wilhelmstrasse wenig zustande brachte, während der »Koordination durch Klüngelei« auf der anderen Kanalseite wenigstens zeitweilig ein paralleles Vorgehen von Diplomatie und Presse gelang, bestimmte dann auch die Berichterstattung in den englischen Medien über die »deutsche Gefahr« und insbesondere die erbittert geführte Diskussion über die Flottenrüstung in Großbritannien und im Deutschen Reich.

Ergänzt werden diese »Fallstudien« durch Untersuchungen zum Aufstieg der Massenpresse am Beispiel des Northcliffe-Konzerns, durch Analysen von weitgehend bedeutungslos bleibenden Journalistenreisen in den Jahren 1906 und 1907 sowie der Schilderung verschiedener publizistischer Initiativen, die sich nach der Zweiten Marokkokrise von 1911 um eine Entspannung des machtpolitisch und eben auch medienpolitisch angespannten deutsch-britischen Verhältnisses bemühten.

Alles in allem bleiben die Ergebnisse der gut lesbaren und mit zahlreichen archivalischen Funden aufwartenden Studie ambivalent. Während es auf der einen Seite unbestreitbar ist, dass die Medien zunehmend an Eigenständigkeit und an Gewicht gewannen und nur schwer –wenn überhaupt – von den Regierungen in ihrem Sinne zu beeinflussen waren, ist es auf der anderen Seite aber auch dem Verfasser kaum gelungen, im konkreten Fall den Nachweis zu führen, dass politische Entscheidungen allein durch die Macht der Medien und gegen den Willen der Regierung in eine bestimmte Richtung gelenkt wurden. So räumt er in seiner Beschreibung zur Debatte über eine Beteiligung Großbritanniens an der Bagdad-Bahn denn auch ein, dass es »sich kaum exakt bemessen« lasse, »welchen Einfluss die Pressekampagne auf die am 23. April [1903] im Unterhaus verkündete Entscheidung des britischen Kabinetts hatte, sich nicht an dem Projekt zu beteiligen«. Obwohl es eben zahlreiche Berührungs- und Reibungspunkte zwischen der Öffentlichkeit und der Diplomatie in Großbritannien und im Deutschen Reich gab, liefen die Aktivitäten und Bemühungen der Presse und der Diplomatie häufig auch beziehungslos und in ihren eigenen Wahrnehmungswelten verharrend nebeneinander her.

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Dokument zuletzt verändert am: Feb 24, 2012 04:01 PM
Zugriff vom: May 24, 2012