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C. Flandre: Socialisme ou social-démocratie? (Ulrich Lappenküper)

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Christelle Flandre, Socialisme ou social-démocratie? Regards croisés français allemands, 1971–1981

Francia-Recensio 2008/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Christelle Flandre, Socialisme ou social-démocratie? Regards croisés français allemands, 1971–1981, Paris (L’Harmattan) 2007, 274 S. (Des poings et des roses), ISBN 2-296-01969-2, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ulrich Lappenküper, Friedrichsruh/Bonn

Zu den bemerkenswertesten Eigenarten der von den Staatsmännern in Bonn und Paris nach dem Zweiten Weltkrieg betriebenen beiderseitigen Verständigung gehört wohl die Tatsache, dass sie nicht vom Gleichklang ihrer Parteizugehörigkeit abhängig war. Beim Blick auf die »Tandems« Helmut Schmidt und Valéry Giscard d’Estaing bzw. Helmut Kohl und François Mitterrand kann gar den Eindruck entstehen, als ob gegensätzliche parteipolitische Bindungen der politisch Verantwortlichen von Vorteil sein konnten, gleiche dagegen, wie im Falle Helmut Schmidts und François Mitterrands, die Regierungsbeziehungen durchaus zu trüben vermochten. Ob den Spannungen zwischen Schmidt und Mitterrand vornehmlich persönliche Animositäten zugrunde lagen oder ideologische Gegensätze bzw. unterschiedliche Auffassungen vom Wesen des Sozialismus, untersucht in einem breiteren Kontext die Studie von Christelle Flandre über das Verhältnis des Parti socialiste zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zwischen dem Parteitag von Épinay 1971 und der Regierungsübernahme Mitterrands 1981.

»Reconstituer le plus fidèlement possible l’histoire des relations institutionnelles entre le PS et le SPD, et observer le regard croisé des deux partis sur leur évolution dans les années soixante-dix, tel est l’objet de cet ouvrage« (S. 17), konstatiert die Autorin zu Beginn programmatisch. Sich vornehmlich auf die Arbeit der für die internationalen Fragen zuständigen Sekretariate beider Parteien konzentrierend, glaubt Flandre nach der Auswertung neu zugänglicher Archivbestände des PS und einiger Interviews mit zeitgenössischen Akteuren den Nachweis erbringen zu können, dass die in der Literatur gemeinhin angenommene Feindschaft großer Teile der französischen Sozialisten gegenüber den westdeutschen Sozialdemokraten nuancierter zu betrachten sei. Zur Beweisführung durchleuchtet sie die Kontakte an der Zeitschiene entlang in drei großen Kapiteln: die Phase der »crispations« (S. 35) von 1971 bis 1973, die bis 1976 andauernde Periode der »confrontations« (S. 91) und die sich bis 1981 anschließende Zeitspanne der »chassés-croisés« (S. 177).

Im Gegensatz zu manch anderer sozialistischen Partei Westeuropas, die die SPD als Vorbild ansahen und ihr Engagement in der Sozialistischen Internationale rühmten, stand der 1971 neugegründete Parti socialiste der westdeutschen Schwesterpartei zunächst dezidiert ablehnend gegenüber. Er attackierte sie als Vertreter des kapitalistischen Systems und setzte ihrer Ideologie von Bad Godesberg jene von Épinay entgegen. Wie Flandre belegt, dienten dem PS diese Angriffe in der Aufbauphase auch als Alibi, um sich im Kreis der europäischen Sozialisten als wahre sozialistische Kraft zu profilieren und in Frankreich das angestrebte Bündnis mit dem PCF zu befördern. Sie waren darüber hinaus der Ausdruck innerer Heterogenität einer Parteiformation, in der mehrere Flügel miteinander konkurrierten: das anti-atlantische und nationalistische CERES, ehemalige SFIO-Politiker und die Anhänger Mitterrands.

Obwohl der PS seit 1973 auch aus Furcht vor einer Isolation in der sozialistischen Parteienfamilie erste Kontakte zur SPD anbahnte, blieben beide Parteien »face-à-face, tout en gardant leur distances« (S. 89). Mitunter diente die Annäherung dem PS gar dazu, sich von der SPD abzusetzen, wie eine der heftigsten Auseinandersetzungen zwischen ihnen, die »crise ouverte« (S. 150) im Kontext des Bonner Radikalenerlasse im Jahre 1976 verdeutlicht. Erst als die Sozialistische Partei sich seit 1977 auf die Übernahme der Regierungsmacht in Frankreich vorbereitete, intensivierte sie ihre Beziehungen zu der bereits seit 1966 Regierungsverantwortung tragenden SPD. Abgesehen von den innenpolitisch-taktischen Motiven wurde die Verständigung auch durch neue Personalkonstellationen befördert, da Kräfte wie Michel Rocard oder Pierre Mauroy an Einfluss gewannen. Überhaupt besaß der »facteur humain« (S. 251) nach Meinung Flandres eine große Bedeutung in der Beziehungsgeschichte zwischen PS und SPD. Indes, auch die sich allmählich entwickelnde »franche amitié« (S. 252) zwischen den beiden Parteivorsitzenden François Mitterrand und Willy Brandt konnte nicht verhindern, dass die Eintracht bis 1981 Grenzen kannte. Entscheidend für die »regards croisés« blieb letztlich das Verhältnis des PS zur Macht. »L’exercice ou non du pouvoir est par ailleurs à l’origine du déphasage permanent qui existe entre les deux partis« (S. 252).

Flandres 2005 mit dem Preis der Fondation Jean-Jaurès ausgezeichnet Studie, eine überarbeitete Fassung ihrer maîtrise d’histoire an der Sorbonne, bietet aufgrund der umfangreichen Studien in Pariser Archiven wichtige neue Einblicke. Mehr als ein Schönheitsfehler ist allerdings die mangelnde Auswertung der deutschen Literatur.

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C. Flandre: Socialisme ou social-démocratie? (Ulrich Lappenküper)
In: Francia-Recensio, 2008-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Oct 29, 2008 10:45 PM
Zugriff vom: May 24, 2012