J.-F. Eck, P. Friedemann, K. Lauschke (Hg.): La reconversion des bassins charbonniers (Werner Bührer)
La reconversion des bassins charbonniers. Une
comparaison interrégionale entre la Ruhr et le Nord/Pas-de-Calais.
Strukturwandel in altindustriellen Regionen Nord/Pas-de-Calais und
das Ruhrgebiet im Vergleich. Textes rassemblés par/Herausgeber
Jean-François Eck, Peter Friedemann, Karl Lauschke, Villeneuve-d’Asq
(Édition Revue du Nord) 2006, 489 S. (Revue de Nord. Hors série.
Collection Histoire N° 21, 2006), ISSN 08983-2327, EUR 33,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Werner Bührer, München
Regionen, die einst industrielle Leitsektoren wie den Kohlenbergbau beherbergten, müssen sich seit einiger Zeit erneut als Pioniere bewähren. Diesmal allerdings bei der Bewältigung des Strukturwandels mit seinen vielfältigen sozialen und politischen Implikationen und der Abwicklung der »Problembranchen«. Dabei werden entweder »alte« durch »neue«, zukunftsfähige Industrien ersetzt – oder die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wagen gleich den Übergang in den Dienstleistungssektor. Dass dieser Prozess oft recht mühselig und chaotisch – und, vor allem bei der Unterbringung der »freigesetzten« Arbeitskräfte, nicht immer erfolgreich – verlief, zeigt der aus einer deutsch-französischen Tagung hervorgegangene, materialreiche Band anhand eines Vergleichs der beiden »altindustriellen« Regionen Nord/Pas-de-Calais und Ruhrrevier recht anschaulich. Die Initiative zu dieser Tagung ging von Historikern der Universitäten Lille 3 und Bochum aus, eingeladen waren Geschichts- und Sozialwissenschaftler sowie Zeitzeugen aus der Bundesrepublik und Frankreich.
Die Herausgeber haben die Beiträge zu vier großen Themenblöcken zusammengefasst: Zunächst stellen Éric Kocher-Marboeuf, Françoise Berger, Karl Lauschke, Jean-François Eck, Stefan Goch, Philippe Subra und Olivier Dard verschiedene öffentliche und private Akteure des Strukturwandels vor: Minister, Kommunalpolitiker, Raumordnungsbehörden, Unternehmen, Gewerkschaften und politische Parteien. Die Beiträge unterstreichen, dass alle diese Akteure, trotz teilweise bis in die 1930er Jahre zurückreichender Überlegungen, von der Krise der »Altindustrien« und vor allem von deren Ausmaß überrascht wurden. Neben Geldmangel war es häufig die »administrative Zersplitterung und das gewachsene kleinräumige Politikmodell« in den betroffenen Regionen, die rasche und effektive Gegenmaßnahmen verhinderten, und weniger »Ignoranz und Dummheit« in der Kommunalpolitik (Goch, S. 120). Im zweiten Abschnitt, mit Beiträgen von Marie Cégarra, Michel-Pierre Chélini, Olivier Kourchid, Sylvain Schirmann und Birgit Beese, geht es um Lebensbedingungen und soziale Verhältnisse in den betroffenen Regionen. Hier werden sowohl beim Lohnniveau als auch bei Sozialplänen und anderen Fördermaßnahmen Unterschiede deutlich zwischen männlichen und weiblichen Beschäftigten, aber vor allem auch zwischen Einheimischen und Migranten, wie etwa den Marokkanern im nordfranzösischen Kohlenrevier.
Der dritte Themenblock beschäftigt sich mit der räumlichen Dimension des Strukturwandels. Christine Liefooghe, Françoise Fortunet, Hans Kania, Patrice de la Broise, Michèle Gellereau, Hélène Melin und Christian Hottin präsentieren verschiedene Beispiele mehr oder weniger erfolgreicher Versuche zur Förderung wirtschaftlicher Aktivitäten etwa von Dienstleistungsfirmen bei gleichzeitiger Bewahrung des »industriellen Erbes«. Der letzte, recht heterogen zusammengefügte Themenblock ist der Bilanz, den Perspektiven und der Erweiterung gewidmet. In ihm kommen René Leboutte, Peter Friedemann, Odette Hardy-Hémery, Tobias Terpoorten, Dietmar Petzina und Laurence Benoist und nochmals Jean-François Eck zu Wort. Hervorzuheben sind besonders die Beiträge von Leboutte, der die Politik der Europäischen Gemeinschaften angesichts von Arbeitslosigkeit und Strukturwandel thematisiert, und von Eck, der in seinem bilanzierenden Schlusswort auf Unterschiede, aber auch auf Ähnlichkeiten des Strukturwandels in den beiden Regionen eingeht. Abgerundet wird der Band von zwei Zeitzeugenberichten damaliger Gewerkschaftsfunktionäre und einer knappen Bibliographie.
Die Aufsätze des Bandes kreisen um eine Problematik, die heute von zentraler Bedeutung ist: Im »Zeitalter der Globalisierung« geraten Branchen, die eben noch zu den nationalen Spitzenreitern zählen mochten, schnell ins Hintertreffen. Problemlos passende Rezepte für die Bewältigung künftiger Herausforderungen strukturellen Wandels lassen sich aus den versammelten geschichtswissenschaftlichen Analysen zwar nicht ableiten, aber doch gewisse Fingerzeige, welche Fehler tunlichst nicht wiederholt werden sollten.
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