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N. Bougherara: Les rapports franco-allemands à l'épreuve de la question algérienne (1955-1963) (Thomas Hörber)

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Nassima Bougherara, Les rapports franco-allemands à l’épreuve de la question algérienne (1955–1963)

Francia-Recensio 2008/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Nassima Bougherara, Les rapports franco-allemands à l’épreuve de la question algérienne (1955–1963), Bern, Berlin, Brüssel u. a. 2006, XXII–305 S., ISBN 3-03911-164-7, CHF 80,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Thomas Hörber, Angers

Nassima Bougherara benutzt für Ihre Analyse der deutsch-französischen Beziehungen zwischen 1955 und 1963 Regierungsakten, nur bedingt zugänglich Akten des Auswärtigen Amtes und seines französischen Pendants am Quai d’Orsay sowie Privatarchive von Schlüsselpersonen im diplomatischen Dienst, wie Paul Frank, die in verschiedenen Funktionen den Algerienkrieg aus deutscher Sicht verfolgten. Abgesehen davon, dass diese Dokumente nicht unbedingt neue Erkenntnisse zur Quellenlage über den Algerienkrieg hinzufügen, stellt Bougherara fest, dass sie oft in ein undurchsichtiges Geflecht von Einzelperspektiven oder sehr spezielle Sachverhalten führen, die nicht zu einer Verbesserung eines umfassenden Verständnisses des Algerienkrieg beitragen (S. 12). Kritischer aber ist ihre Erkenntnis, dass sich in den Aufzeichnungen der privilegierten Funktionäre eine Art parallele Welt aufbaute, die nach Art von Verschwörungstheorien eine alternative Realität nährte in der Geheimnisse verteidigt oder gebrochen werden, in der Waffenlieferungen aufgedeckt oder eingeschleust werden und in der die Grenze zwischen Diplomat oder Revolutionär ebenso verschwimmt, wie deren Kontrollierbarkeit beider durch demokratisch legitimierte Regierungen. Zur großen Erleichterung derer, die es immer vermutet hatten stellt sie auch fest, dass die öffentlich zugänglichen Dokumente wie Regierungserklärungen oder Parlamentsdebatten diejenigen sind, welche die tatsächliche Sachlage und die resultierenden politischen Konsequenzen verständlicher und in ihrer Gesamtheit eine umfassendere und überzeugendere Einschätzung geben (S. 11). Das ist nicht verwunderlich, da es gerade die Aufgabe der übergeordneten Institutionen ist, Einzelinformationen aus vielen verschiedenen Quellen zu einem Gesamtbild zusammenzuführen und daraus eine politische Linie abzuleiten. Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass in den allermeisten Fragen der Rückgriff auf »Geheimakten« unnötig ist. Insofern finden sich auch in diesem Buch wenig neue Fakten zum Algerienkrieg und der Rolle der deutsch-französischen Beziehungen in dieser Zeit. Vielmehr wird durch die Akten, auf denen dieses Buch basiert, das bestehende Geschichtsbild bestätigt, was zugegebenermaßen auch ein Verdienst dieser Forschungsarbeit ist.

In erster Linie bestätigt dieses Buch die Zurückhaltung bundesdeutscher Politik in der Algerienfrage und belegt diese Haltung gut mit deren Interessenlage. Zum einen wollte die Regierung Adenauer zu Beginn der Algerienkrise Frankreich nicht brüskieren, da die Mitwirkung am Messina-Prozess und den folgenden Römischen Verträgen als enorm wichtig für die Fortführung des europäischen Einigungsprozesses angesehen wurde. Zum anderen konnte man die französische Politik nicht unterstützen, da außenpolitisch die NATO sich eindeutig gegen einen Einsatz in Algerien ausgesprochen hatte, dieselbe aber von elementarer Bedeutung für die Sicherheit der BRD war. Innenpolitisch war vor allem die SPD kompromisslos gegen eine weitere Aufrechterhaltung des als dekadent und ungerecht angesehenen Kolonialsystems eingestellt (S. 153). Hier bringt dieses Buch einige neue Fakten zu »Kofferträgern«, sprich Sympathisanten des algerischen Widerstandes aus dem linken bundesrepublikanischen Milieu auf. Bougherara bleibt aber letztlich eine umfassende und strukturierte Analyse dieser Akteure schuldig, vielleicht, weil es keine wirkliche (Verschwörungs-)Struktur gab, sondern es ideell geleitete oder verblendete Grüppchen waren, die den algerischen Freiheitskampf von der BRD aus unterstützten. Sehr viel organisierter waren zum einen diejenigen in der BRD, die sich Profite aus dem Waffenhandel versprachen und gegen deren »unternehmerische Energien« die bundesdeutschen Behörden keine effektive Handhabe fanden, um zu verhindern, dass deutsche Waffen im Algerienkrieg eingesetzt wurden (S. 120). Zum anderen war der Algerienkrieg eine Möglichkeit für die DDR sich zu profilieren. Algerier sollten an DDR Kaderschulen zu Kommunisten herangebildet werden. In beiden Bereichen bringt dieses Buch neue Details, die einen etwas tieferen Einblick in das Zwielicht von kapitalistischer Versuchung und kommunistischer Verblendung gewährt, ein Einblick, der ein weiteres Beispiel für den Kampf der Ideologien gibt. Die Hallstein-Doktrin, als Sinnbild dieses deutsch-deutschen Kampfes der Ideologien, zeigt hier die Erpressbarkeit der DDR, die nach Anerkennung durch die provisorische algerische Regierung strebte. Die algerischen Brüder im eigenen Lande wurden immer mehr zur Belastung, da sie doch eigentlich nur die Mittel erwerben wollten um dem Freiheitskampf in ihrem Heimatland zu dienen, sei es mit Waffenkäufen oder mit dem erworbenen Wissen (S. 83).

Eine Zäsur ist der Fall der IV. Republik und die Machtübernahme General de Gaulles unter dem Damoklesschwert von Invasion durch das Algeriencorps der französischen Armee und einem drohenden Bürgerkrieg. Für die BRD bedeutet das zum einen das Ende der Zusammenarbeit im Nuklearbereich (S. 48) was letztlich nicht so fatal war wie befürchtet. Die Prämisse die Bundesrepublik könne nur mit Atomwaffen verteidigt werden war immer mehr ein ideologische Argument des Kalten Krieges als eine wirkliche Option der Verteidigung der BRD. Viel wichtiger ist aber die Erkenntnis, dass die Zeit zwischen de Gaulles Amtsantritt und der Unabhängigkeit Algeriens zwar durch diesen Krieg und die erläuterte unterschiedliche Interessenlage schwer belastet war, dass aber wegen der Bemühungen de Gaulles um die deutsch-französische Freundschaft und die Akzeptanz der in Deutschland so lieb gewonnenen europäischen Einigung sie doch bessere Jahre waren als die Hängepartie während der letzten Jahre der IV. Republik (S. 175f.). Nun muss man feststellen, dass die IV. Republik all das, was nachher de Gaulle zugerechnet wurde bereits erreicht hatte, sprich: deutsch-französische Aussöhnung und europäische Einigung. Hier kam dem General vielleicht mehr das Aufatmen auf deutscher Seite zugute, dass er nicht, wie befürchtet, alles wieder zerstörte. Dennoch steckt wohl ein gutes Stück Wahrheit in Bougheraras Aussage, denn es war de Gaulle der den Algerienkonflikt löste. Keine Regierung der IV. Republik hatte dazu die Kraft. Und damit beseitigte er schließlich endgültig ein Hauptelement deutsch-französischer Interessendivergenz, damit machte er Frankreich wieder zu einem wirtschaftlich starken und militärisch verlässlichen Partner in Europa und damit wurde auch der Konflikt mit der NATO entspannt, wenn auch nicht beseitigt.

Insgesamt ist dieses Buch durchaus gelungen. Es mutet in Teilen wie eine Dissertation an und hat diese gewisse Leichtigkeit im Stil, die leicht während einer akademischen Laufbahn verloren geht. Bougherara vermittelt wissenschaftlich überzeugende Recherchen und verbindet deren Ergebnisse geschickt zu einer interessanten Erzählung die auch ein Publikum jenseits der Algerien-, Deutschland- oder Frankreichexperten für diese Zeit ansprechen dürfte, weil sie ein sehr komplexes Thema zugänglich macht, indem sie dem Faktenwust Struktur gibt. Insofern ist dieses Buch auch für Kenner als prägnante Zusammenfassung mit einigen neuen Facetten lesenswert.

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N. Bougherara: Les rapports franco-allemands à l'épreuve de la question algérienne (1955-1963) (Thomas Hörber)
In: Francia-Recensio, 2008-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: Oct 29, 2008 09:39 PM
Zugriff vom: Feb 08, 2012