G. Botsch: »Politische Wissenschaft« im Zweiten Weltkrieg (Eckard Michels)
Gideon Botsch, »Politische
Wissenschaft« im Zweiten Weltkrieg. Die Deutschen
Auslandswissenschaften im Einsatz 1940–1945, Paderborn (Ferdinand
Schöningh) 2005, ISBN 3-506-71358-2, EUR 49,90.
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Das Buch, eine auf intensiver Archivrecherche beruhende und sich der historischen Methode bedienende Dissertation im Fach Politische Wissenschaft, versteht sich als Beitrag zur Geschichte dieser Disziplin. Die Politische Wissenschaft hat sich in der Bundesrepublik lange Zeit in dem Ruf gesonnt, ein Fach mit einem lupenreinen Stammbaum zu sein, dessen Wurzeln in den USA, der Emigration und Remigration lägen, während sie im Dritten Reich als Demokratiewissenschaft geächtet gewesen sei. Botsch zeigt anhand von Vorgeschichte, Struktur und Tätigkeit der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität und des Deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts (DAWI), die im Januar 1940 entstanden und bis Kriegsende von dem SS-Führer Franz Alfred Six geleitet wurden, dass es sehr wohl unter der Bezeichnung »Auslandswissenschaft« einen eigenständigen Strang Politischer Wissenschaft im Dritten Reich gegeben hat in Weiterentwicklung der älteren Staatswissenschaft. Dieser konnte sich allerdings nach 1945 nicht mehr stilbildend an den westdeutschen Universitäten halten. In Fakultät und DAWI gingen zum einen die vormalige Auslandshochschule an der Berliner Universität auf, die wiederum Nachfolgerin des von Bismarck 1887 ins Leben gerufenen und vom Auswärtigen Amt teilfinanzierten orientalischen Seminars war, zum anderen die 1920 gegründeten Deutsche Hochschule für Politik, die ab 1933 zunächst dem Propagandaministerium unterstanden hatte. Der Großteil des Lehrpersonals wurde folglich von diesen beiden Institutionen übernommen. Die Fakultät war nicht etwa der Berliner Universität, sondern dem Reichserziehungsministerium direkt unterstellt. Die Fakultät vergab Diplome in Auslandswissenschaft, Dolmetscherdiplome in der Tradition des orientalischen Seminars, ferner 42 Doktortitel in dem neuen Fach. Sieben Personen habilitierten sich an ihr, darunter Karl Epting, der Direktor des Deutschen Instituts in Paris, und Karl Wilhelm Eschmann, Leiter der Zweigstelle in Marseille, in Volks- und Landeskunde Frankreichs. Das DAWI betreute eine Reihe von Zeitschriften und Publikationsserien und die zweiwöchigen »Ausländerkurse« für Angehörige der europäischen Führungsschichten, die in Berlin auf einen Kontinent unter deutscher Führung eingestimmt werden sollten, wozu das DAWI hochrangige Vertreter des NS-Regimes als Referenten einlud. Ab 1944 wurde das DAWI zu einer Art betreuendem Mutterinstitut für die Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Ausland. Fakultät und DAWI wirkten an der Schnittstelle zwischen Lehre, Forschung, auswärtiger Kulturpolitik, Politikberatung und nachrichtendienstlicher Tätigkeit.
Auslandswissenschaft konzentrierte sich auf die Analyse des Auslands unter besonderer Berücksichtigung der fremden Völker und ihrer Führungsschichten. Sie stelle, so der Versuch der Definition durch den Stellvertretender von Six, den Großbritannien-Spezialisten Karl Heinz Pfeffer, den Versuch einer systematischen und totalen Betrachtung eines konkreten fremden Landes oder die Entwicklung eines methodischen Instrumentariums zur Analyse fremder Völker dar. Entsprechend dieser Definition musste jeder Student an der Fakultät drei so genannte »Grundwissenschaften« wie Außenpolitik, Politische Geschichte, Außenwirtschaftskunde, Kolonialpolitik, Politische Geographie oder Völkerrecht belegen und ein oder zwei regionale Schwerpunkte wählen wie etwa Frankreich oder Spanien und Ibero-Amerika. Statt Auslandswissenschaft bürgerte sich ab 1943, befördert durch Six und Pfeffer, der Begriff »Politikwissenschaft« ein, nachdem man diesen zunächst nach 1933 gemieden hatte, da er Verwirrung stiftete. Denn im Nationalsozialismus galten alle Wissenschaften als politisch und nicht etwa als objektiv und wertungebunden, da sie letztlich Ausdruck der völkischen Prägung ihrer Akteure seien, deren gleichsam natürliches Ziel es sein müsste, ihre Expertise in den Dienst des eigenen Volkes zu stellen in einer Art militärischem, anwendungsbezogenen, nicht theoretisierenden und abstrakten Ideen verpflichteten »Einsatz«. Aufgrund dieses Wissenschaftsverständnisses und der engen Anbindung an Sicherheitsdienst der SS (SD) und Auswärtiges Amt arbeitete die Auslandswissenschaft damit der deutschen Expansions-, aber auch der Vernichtungspolitik im Osten zu. Dabei gab es insbesondere personelle wie Überschneidungen im Erkenntnisinteresse zwischen der »Gegnerforschung« im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) unter Six und den Forschungen des DAWI. SD-Mitarbeiter qualifizierten sich an der Fakultät wissenschaftlich durch Promotionen, die z. T. auf ihren Auswertungsarbeiten für das RSHA basierten. Umgekehrt absolvierten Studenten der Fakultät teilweise Praktika im RSHA und dessen Außenstellen in Europa. Eine vergleichbare personelle Verflechtung zwischen der Auslandswissenschaft und dem Auswärtigen Amt kann Botsch hingegen nicht nachweisen, auch wenn Six ab 1943 zugleich Leiter der Kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes wurde. Die Überschneidungen von Gegnerforschung und Auslandswissenschaft rührten daher, dass sich letztere auf die Führungsschichten fremder Länder konzentrierte, die auch ins Visier des SD kamen, während zugleich im RSHA innenpolitische Gegner als eine Art fünfter Kolonne auswärtiger oder übernationaler Mächte gesehen wurden. Sie kulminierten im Sommer 1941 in der kurzzeitigen Beteiligung von Six und zwei Mitarbeitern des DAWI an den Morden der Einsatzgruppen C und D in der Sowjetunion.
Die Lektüre des Buches wird gelegentlich durch lange Paraphrasierungen von Schriftwechseln und Besprechungsprotokollen und die Aufzählung zu vieler nicht sehr aussagekräftiger Details erschwert. Bei der Darstellung der Tätigkeit der Einsatzgruppen in der UdSSR verliert Botsch den eigentlichen Fokus der Studie aus den Augen, nur um nach 15 Seiten zur Schlussfolgerung zu kommen, dass die drei Mitarbeiter des DAWI aufgrund ihrer Tätigkeit für den SD, nicht als Vertreter der Auslandswissenschaft zu Mittätern wurden. Gleichwohl ist die Studie klar gegliedert, verständlich geschrieben und kommt zu überzeugenden, abgewogenen, in angenehm nüchternen Ton vorgetragenen Ergebnissen, die sich jeder sensationsheischenden Enthüllungspose über die angeblich verdrängten braunen Wurzeln des Faches Politsche Wissenschaft enthalten. Der Autor liefert zudem ein nützliches Nachschlagewerk für weitere Forschungen, denn im Anhang führt er detaillierte biographische Angaben über das wissenschaftliche Personal des DAWI – leider ohne Hinweise auf dessen Schicksal nach 1945 – und die Titel aller an der Fakultät angefertigten Diplomarbeiten, Promotionen und Habilitationen auf. Dass das verdienstvolle Buch dennoch einige Desiderata offen lässt, etwa hinsichtlich der Zusammensetzung der Studierenden der Auslandwissenschaft, oder einer Analyse, inwieweit sich die methodischen und ideologischen Prämissen der neuen Disziplin tatsächlich in den Publikationen des DAWI und den Qualifikationsarbeiten der Fakultät niedergeschlagen haben, macht der Autor in den Perspektiven weiterer Forschungen deutlich, welche er am Ende skizziert.
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