J.-L. Deuffic: Reliques et sainteté dans l'espace médiéval (Klaus Krönert)
Reliques et sainteté dans l’espace
médiéval. Édition: Jean-Luc Deuffic.
Avant-propos par André Vauchez, Saint-Denis (Pecia) 2005, 656
S. (Ressources en médiévistique, 8/11), ISSN 1761-4961,
EUR 65,00.
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Liest man den Titel des hier vorgestellten Buches – »Reliquien und Heiligkeit im mittelalterlichen Raum« –, so könnte man denken, dass es in diesem Band um die Bedeutung der Reliquien und ihrer Verehrung für die mittelalterliche Raumgliederung geht. Das trifft jedoch nur zum Teil zu. Die von Jean-Luc Deuffic herausgegebene Aufsatzsammlung, die 27 Einzelstudien in vorrangig französischer, aber auch englischer, italienischer, spanischer und deutscher Sprache umfasst, ist nach vier Themenkomplexen geordnet, von denen die beiden ersten Fragen die Rechtsstellung und die Ikonographie von Kirchenausstattungen betreffen. Der dritte Abschnitt behandelt das im Titel des Buches suggerierte Problem der Raumgliederung, und der letzte Teil ist Christusreliquien gewidmet. Der Zeitraum, den diese Forschungen abdecken, erstreckt sich von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit. Titel und Konzeption des Buches sind also nicht überzeugend und umfassen ein so großes Feld, dass die Gefahr besteht, dass einzelne Studien nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erfahren werden. Der Herausgeber muss dies wohl schon empfunden haben, denn das gelungene Vorwort von André Vauchez, das eine Einführung zur Forschungslage und zur Geschichte des Reliquienkultes darstellt, hat die offenkundige Aufgabe, für die folgenden Arbeiten einen Rahmen zu schaffen und ein Auseinanderfallen des Bandes zu verhindern.
Einige von diesen Arbeiten, die sich durch ihre Qualität oder die Originalität ihres Ansatzes auszeichnen, sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden. Stéphane Boiron zeigt, dass trotz der kaum zu überschätzenden Bedeutung, die Reliquien im Mittelalter hatten, nie eine wirkliche Reflexion über ihren rechtlichen Status stattgefunden hat. So kam es auch trotz der offenkundigen Nähe zur Simonie nie zu einer ernsthaften Verurteilung des Reliquienhandels. Philippe Cordez präsentiert eine umfassende Studie über die so oft von Historikern vernachlässigten Authentifikate und Reliquieninventare und weist auf Probleme zu ihrer weiteren Erforschung hin. Edina Bozoky untersucht fürstliche Reliquienstiftungen, die vor allem im ostfränkischen Reich die Funktion hatten, die Einheit von weltlicher und kirchlicher Macht darzustellen.
Um nun zu den Aufsätzen zu kommen, die sich der Strukturierung des Raumes durch Kulte widmen, zeigt John Wortley, wie sich Konstantinopel trotz des im römischen Recht fixierten Verbots, Tote innerhalb der Stadtmauern zu begraben, bereits seit der Mitte des 4. Jhs. durch Translationen zu einer Reliquienmetropole entwickelt hat. Die Studie von Gwenaëlle Augry ist der Reliquienpolitik der Herzöge von Aquitanien Ende des 10. und Anfang des 11. Jhs. gewidmet. Sie weist nach, wie insbesondere Guillaume V le Grand Reliquien bewusst eingesetzt hat, um herzoglichen Entscheidungen eine sakrale Dimension zu verleihen und sie dadurch zu legitimieren. Vor allem der Kreuzesreliquie in Charroux kam diese Aufgabe zu, als Guillaume anlässlich des Konzils von 989 den Gottesfrieden durchzusetzen beabsichtigte. Philippe Georges zeigt, wie die Reliquienpolitik der Bischöfe von Tongern/Maastricht/Liège ihr Einflussgebiet abgrenzte. Mit der nötigen Vorsicht stellt der Autor jedoch auch fest, dass hinter dieser Politik letztlich kein System auszumachen ist; politische Probleme in grenznahen Orten konnten zu Translationen führen, die dann im Laufe der Zeit das Territorium mehr oder weniger klar absteckten. Die entsprechenden Reliquien trugen dadurch zu einer Vermischung von religiösen und patriotischen Gefühlen bei, wie dies bei den späteren Nationalheiligen noch viel deutlicher zu beobachten ist. Anne Wagner zeigt, wie die Heiligenverehrung eine Stadt wie Verdun strukturieren kann und gleichzeitig gewisse Rivalitäten zum Ausdruck bringt: Der Kathedrale, deren Kult vorrangig auf die Universalheiligen ausgerichtet ist, stellen sich die Abteien mit der Verehrung der Lokalheiligen gegenüber. Dass Einheit oder Zusammengehörigkeit keineswegs Gleichheit oder Einigkeit bedeutet, ist ein sehr wichtiger Aspekt der Raumgliederung nach kultischen Kriterien. Lucile Trân-Duc schließlich zeigt, dass der 911 zum normannischen Herzog aufgestiegene Rollo sich sehr schnell nach seinem Übertritt zum Christentum der Reliquien als Herrschaftsinstrument bediente. Durch die sogenannte Reliquienflucht während der normannischen Raubzüge des 9. Jhs. gab es in der Normandie ein Reliquiendefizit, das Rollo und noch mehr seine Nachfolger Guillaume Longue Epée und Richard I. ausnutzten, um die Herrschaft über ihr zunächst durch keine festen Grenzen markiertes Territorium zu festigen. Dass sie hierbei meist auf ›alte‹ Heilige der Region zurückgriffen, sicherte die Kontinuität und erleichterte die Akzeptanz ihrer Maßnahmen. Die Autorin weist in ihrer Studie auch auf einen Aspekt hin, der sonst in diesem Band etwas zu kurz kommt: Konflikte um Reliquien können im Zeitalter der beginnenden Territorialisierung auch versteckte Streitfälle um Einfluss auf Gebiete und damit letztlich um Grenzen sein.
Unter den Beiträgen zu den Christusreliquien ist die Untersuchung Ralf Lützelschwabs über die »Vorhaut des Herrn« hervorzuheben. Der Autor rekonstruiert nicht nur die Geschichte dieser Reliquie bzw. dieser Reliquien (denn mehrere Abteien behaupteten, sie zu besitzen), sondern er geht auch auf die theologischen Probleme ein, die ihre mögliche Existenz mit sich bringt: Ist bei der Auferstehung eine körperliche Unversehrtheit anzunehmen? Dies wird im Falle Christi im Mittelalter allgemein angenommen, könnte aber bei konsequentem Weiterdenken den gesamten Reliquienkult in Frage stellen. Theologen wie Thomas von Chobham haben daher die Theorie der zwei Körper Christi entwickelt. Somit kann diese Studie wichtige Impulse für die Erforschung von so zentralen Problemfeldern des Mittelalters wie die Eucharistiestreite, die Reliquienkritik und die Staatstheorie der »zwei Körper des Königs« geben.
Noch andere Arbeiten dieses so reichen Sammelbandes könnten hier vorgestellt werden, wenn der Platz es erlaubte. So bleibt schließlich nur noch zu erwähnen, dass am Ende des Werkes ein Forschungsprojekt zur Untersuchung von Krypten präsentiert wird, und der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass alle, die sich in irgendeiner Weise mit Reliquien beschäftigen, dieses Buch konsultieren. Die Chancen, dass sie auf wertvolle Hinweise stoßen, sind groß.
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