M. White-Le Goff: Changer le monde (Peter Dinzelbacher)
Myriam White-Le Goff,
Changer le monde. Réécritures d’une légende.
Le Purgatoire de saint Patrick, réécriture d’une
légende, Paris
(Honoré Champion) 2006, 416 S. (Essais sur le Moyen Âge,
32), ISBN 2-7453-1333-9, EUR 70.00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Peter Dinzelbacher, Wien/Innsbruck
Der Titel verspricht mehr, als das Buch einlöst: Weder werden die verschiedenen Versionen der Legende vom Fegefeuer des hl. Patricius in Irland diskutiert, noch dieses vom 12. bis ins 15. Jh. viel frequentierte Pilgerzentrum selbst. Vielmehr stellt die hier publizierte Pariser Dissertation im Wesentlichen eine Monographie zu dem »Espurgatoire Seint Patriz« der anglonormannischen Autorin Marie de France († 1210) dar. Dabei handelt es sich um eine Versifizierung des weit verbreiteten »Tractatus de Purgatorio S. Patricii« (vor 1180), der die religiösen ›Abenteuer‹ des irischen Ritters Owein in der unterirdischen Höhle auf einer Insel im nordirischen Lough Dergh erzählt.
Nun mag White-Le Goff jenen Lesern, die sich bisher weder mit dem Stoff noch der Dichterin befasst haben, eine hilfreiche Begegnung mit beidem vermitteln, wer aber in der einschlägigen Forschung in etwa zu Hause ist, wird von diesem Buch eher enttäuscht sein. Denn innovative Betrachtungsweisen fehlen genauso wie eine halbwegs vollständige Kenntnis der bisherigen Sekundärliteratur. Man darf nicht vergessen, dass dieser Text seit der Erstpublikation von 1832 bislang noch neun weiterer Editionen gewürdigt wurde, deren letzte und durchaus empfehlenswerte White-Le Goff gar nicht erwähnt1. Auch hat sie viele Veröffentlichungen der von der feministischen Mediävistik in den letzten Dezennien so forcierten Marie de France-Forschung nicht zur Kenntnis genommen, andere Titel finden sich wohl in der Bibliographie, offenbar aber ohne für die Arbeit herangezogen worden zu sein.
White-Le Goff gibt zunächst einen Überblick über die Manuskripte, vergleicht dann Details zwischen lateinischer Vorlage und altfranzösischer Bearbeitung, wobei – wie schließlich fast bei jedem anderen mittelalterlichen Werk in Übersetzung – eben Erweiterungen und Kürzungen zu verzeichnen sind. Nach einigen Erwägungen zu Verfasserposition und Legendenstoff tritt der Protagonist in den Mittelpunkt, der als miles christianus den Versuchungen und Drohungen der unterweltlichen Dämonen widersteht, um schließlich das Paradies zu erreichen. Das Purgatorium an sich stellt das Thema des nächsten, natürlich auf Jacques Le Goff rekurrierenden Abschnitts dar, sowie seine Gestaltung im »Espurgatoire« im Einzelnen, einschließlich der verschiedenen Foltern der Armen Seelen. Dass diese von Dämonen vollzogen werden (S. 341ff.), obwohl es nach der zeitgenössischen Dogmatik solche im Fegefeuer nicht gibt, fällt der Verfasserin nicht auf. Als willkommener Anhang werden einige anscheinend unveröffentlichte, leider nur teilweise hinreichende Abbildungen zum Purgatorium S. Patricii aus Handschriften des 13. Jhs. geboten. Jedoch gibt es keine Informationen zur kunsthistorischen Einordnung oder Provenienz der Miniaturen.
Zur Arbeitsweise der Verfasserin lässt sich feststellen, dass eine textimmanente Darstellung zwar überwiegt, es aber doch immer wieder Hinweise auf andere Werke der Zeit gibt. Diese bleiben allerdings willkürlich, vor allem vermisst man einen präzisen Vergleich mit den Theologen oder den Predigern des 12. Jhs. Philologen dürften immerhin die (wenigen) Tabellen nützlich finden, in denen die Lexik einzelner thematischer Bereiche des »Tractatus« mit der des »Espurgatoire« zusammengestellt ist (z. B. Ausdrücke aus dem Bereich des Wunderbaren, S. 181).
Von einigen Druckfehlern abgesehen2 kann man nicht sagen, dass dieses Buch einen unkorrekten Eindruck der behandelten Materie liefern würde, aber es ist zu ihrer vertieften Kenntnis wenig förderlich, da in ihm großteils einfach Passagen nacherzählt werden, die man ohnehin im Original gelesen hat, und sich die eingehend ausgebreiteten Nuancen zwischen der lateinischen Prosa und den französischen Versen ohnedies jedem erschließen, der etwa die kritische Ausgabe von Warnke von 1938 zur Hand nimmt, in der diese beiden Überlieferungen einander gegenüber abgedruckt sind. Gewiss ist es z. B. zutreffend, dass der Gang des Ritters durch das Fegefeuer eine religiöse Version der quête in den höfischen Romanen darstellt (S. 222), nur gilt dies für die Gesamtheit der Jenseitsvisionen der Epoche (wie der Rezensent schon vor langer Zeit, aber hier nicht rezipiert, ausgeführt hat3).
In summa: Es bleibt die Lektüre dieser Publikation für die meisten Mediävisten, wenn sie sich nicht speziell mit der Übersetzungstechnik der Marie de France oder mit ihrem Wortschatz befassen, guten Gewissens verzichtbar. Da sich auch bei der Erstellung des Registers niemand überanstrengt hat – es umfasst weniger als anderthalb Seiten –, erscheint außerdem die Möglichkeit, Einzelpunkte nachzuschlagen, recht begrenzt.
1 Maria di Francia, Il purgatorio di San Patrizio, a c. di S. Barillari, Alessandria 2004.
2 Zum Beispiel heißt hier ein bekannter Romanist Voretzch statt Voretsch (S. 386) oder ist der lateinische Text S. 204 leicht, der S. 287 schwer fehlerhaft.
3 P. Dinzelbacher, Jenseitsreisen/Jenseitsvisionen, in: Die epischen Stoffe des Mittelalters, hg. von Volker Mertens und Ulrich Müller, Stuttgart 1984, S. 61, 80.
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