E. Türk: Pierre de Blois (Joachim Ehlers)
Egbert Türk, Pierre de Blois. Ambitions et
remords sous les Plantagenêts, Turnhout (Brepols) 2006, 731 S.
(Témoins de notre histoire – TH 11), ISBN 978-2-503-51805-3, EUR
65,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Joachim Ehlers, Berlin
Die gesammelten Briefe des Peter von Blois waren ein außerordentlich erfolgreiches Werk, in mehr als zweihundert Handschriften bis ins 15. Jh. weit verbreitet, 1519, 1600, 1667 gedruckt und in dieser letzten Fassung Vorlage für die bis heute einzige Gesamtausgabe im 207. Band von Mignes Patrologia latina. Diesem Briefwerk verdankt Peter seinen Ruf, und trotz moderner Kritik am unvollkommen und unsystematisch gebildeten, zum Plagiat neigenden Urheber sind sie doch eine erstrangige, äußerst vielseitige Quelle für die westeuropäische Geschichte der zweiten Hälfte des 12. Jhs., bieten nicht nur Material für die Bildungs- und Kulturgeschichte, für das Studium höfischen Lebens, für die Charakteristik der Monarchie Heinrichs II., sondern reflektieren eine ganze Welt mit ihren Veränderungen in den persönlichen Erfahrungen einer ehrgeizigen, an vielen Machtzentren mit Großen der Zeit verbundenen Hochbegabung, die in ihren Erwartungen jedoch oft enttäuscht worden ist. Peter von Blois war gewiss kein origineller Kopf, aber ein großer Vermittler der Wissenschaft seiner Zeit an die Höfe der Bischöfe und an alle, die lateinischen Ausdruck auf hohem Niveau beherrschen wollten, ein intellektueller Repräsentant seiner Epoche, dem wir das beste zeitgenössische Porträt König Heinrichs II. verdanken und die kulturgeschichtlich überaus wertvolle Hofkritik (hier Nr. 49).
Wohl von vornherein, gewiss aber seit 1184 für die Öffentlichkeit bestimmt und insofern einmalig, dienten diese Briefe auch der Karriere ihres Verfassers, den man geradezu als einen der ersten Journalisten Europas bezeichnet hat (Richard W. Southern, Medieval Humanism, Oxford 1970, S. 113), und sie sind Zeugnisse eines zunehmend kritischen Blicks aus der seinerzeit noch schwer definierbaren Position zwischen geistlicher und weltlicher Existenz. Insgesamt sind 251 echte Briefe Peters erhalten, von denen er 222 im eigenen Namen schrieb, den Rest für Dritte; 150 davon werden hier in französischer Übersetzung vorgelegt. Wieviel von dieser Korrespondenz wirklich versandt worden ist und in welcher Form das geschah, lässt sich wahrscheinlich nie mehr klären, denn Peter hat als Ziel seiner epistolographischen Tätigkeit mehrfach die Bereitstellung von Stilmustern genannt und auch einen Traktat über die Kunst des Briefeschreibens verfasst. Obwohl er auf den Eindruck ehrlicher Spontaneität der Kommentare und Reaktionen Wert legte, hat er die Briefe doch immer wieder überarbeitet und sie als hochstilisierte Produkte einer intensiv und zuverlässig arbeitenden Werkstatt veröffentlicht. Das geschah in Sammlungen, die 1184, um 1189, 1195, 1196, 1198, 1202, 1202/1212 herausgegeben wurden und die Briefe in oftmals überarbeiteter Form enthalten. Türk folgt der durch Southern (S. 129–132) vorgenommenen Einordnung der Texte in diese Sammlungsstadien; entgegen dem Eindruck, den er S. 6f. erweckt, ergibt sich daraus aber keine Datierung, so dass seine Gliederung des Briefcorpus in fünf chronologisch aufeinanderfolgende Abschnitte (die Zeit vor 1166 mit 19 Briefen, der Aufenthalt in Palermo 1166–1168 mit 17, »Pierre de Blois entre deux pôles« 1170–1190 mit 44, »Le temps de l’instabilité« mit 32, das Londoner Archidiakonat mit 35) in dieser Hinsicht näherer Begründung bedurft hätte, denn sie ist themenorientiert. Für alle Epochen bietet Türk ausführliche Einleitungen, die zusammengenommen eine ebenso gelehrte wie gut lesbare Biographie ergeben.
Da es noch keine kritische Gesamtausgabe dieser Briefe gibt, folgt die flüssig lesbare und in ihrer sprachlichen Eleganz dem lateinischen Original sehr nahe Übersetzung grundsätzlich der Textvorlage bei Migne (PL 207), benutzt aber für 40 Stücke die besseren Editionen durch E. Revell (The Later letters of Peter of Blois, Oxford 1993: 31 Briefe), L. Wahlgren (The Letter Collections of Peter of Blois, Göteborg 1993: 8 Briefe), C. Wollin (Petri Blesensis Carmina, Turnhout 1998: 1 Brief) und gleicht sie in einer Konkordanz mit der Numerierung bei Migne ab. Diese Konkordanz muss der Leser allerdings auch für Briefe zu Rate ziehen, deren Übersetzung ihm hier vorliegt, denn Türk bezieht sich in seinen Kommentaren nicht auf die eigenen Nummern, sondern auf die Zählung bei Migne, Revell, Wahlgren oder Wollin. Das ist nicht sehr praktisch für die Benutzung seiner Sammlung, und man darf sich auch fragen, welche Vorteile für das Verständnis der Texte ihre Anordnung in den fünf Teilen wirklich bringt, denn natürlich gibt es in vielen Briefen mehrere thematische Bezüge, die eindeutige Zuordnungen erschweren. Nach 1173 schrieb Peter einen heute verlorenen Panegyricus auf Heinrich II., von dem er in den Briefen PL 4 (T 70), PL 14, PL 19 (T 42), PL 77 (T 17) spricht, und es ist nicht recht einzusehen, warum sich nur T 42 und T 70 im 3. Teil (1170–1190) finden, T 17 aber im 1. (vor 1166) steht. In jedem Fall aber hat der Übersetzer sich große Verdienste erworben, denn er erschließt größeren Leserkreisen einen kostbaren Teil der Literatur des Mittelalters.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

