C. Thomasset: L'écriture du texte scientifique au Moyen Âge (Uta Lindgren)
Claude Thomasset, L’écriture du
texte scientifique au Moyen Âge, Paris (PUPS) 2006, 336 S.
(Cultures et civilisations médiévales), ISBN
2-84050-421-9, EUR 20,00.
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Dieser Sammelband deckt ein sehr großes inhaltliches Spektrum ab, nicht nur, weil »texte scientifique« außer Mathematik und den Naturwissenschaften auch Philosophie, Technik, Medizin und Dämonologie umfasst, und »Moyen Âge« vom 3. Jh. v. Chr. bis zum Ende des 18. Jhs. reicht, sondern auch weil »l’écriture« keineswegs im Sinne von Graphologie/Paläographie gemeint ist. Der Hg. äußert sich ebensowenig dazu, was der entscheidende Begriff im Titel, der die 15 Aufsätze zusammenhält, bedeuten soll, wie zu dem Anlass des Bandes. Inhaltlich gefüllt wird »l’écriture« von jedem Autor anders: Rhetorik, Stil, Ästhetik, Ideengeschichte, Lexikographie und vor allem Linguistik treten da ein. Wie sehr auf der Linguistik der Schwerpunkt liegt, geht zuletzt daraus hervor, dass ein Linguist mit der Zusammenfassung unter linguistischem Blickwinkel betraut wurde. Mit Michel Blay befindet sich auch ein international bekannter Wissenschaftshistoriker unter den Autoren.
Großartiger als mit Michèle Fruyts Aufsatz (La lexicalisation et la conceptualisation de la couleur dans les textes techniques et scientifiques latins) hätte der Band nicht beginnen können, denn hier werden die Farbbezeichnungen aus einigen antiken Landbautraktaten und vor allem aus der Historia naturalis von Plinius d. Ä. vorgeführt, mit lexikologischen Kriterien und mit dem Farbbegriff der modernen Physik konfrontiert. Ein Farbkontinuum wie im Spektrum des Lichts stellte man offenbar in der Antike nicht her, aber welche Fülle von Analogiebezeichnungen aus allen Vegetationsphasen des Mittelmeerraumes! Nur grau und braun fehlen bei Plinius fast völlig. Den grausigen Kontrapunkt setzen die Farben des Vesuvausbruchs aus der Feder von Plinius’ Neffen. Diesen Aufsatz zu lesen ist nicht nur ein ästhetischer Genuss, dort halten sich auch inhaltliche und lexikologische Aspekte die Waage.
Christine Silvi (Fausses et vraies objections dans le discours encyclopédique scientifique au XIIIe siècle) geht den Prinzipien der scholastischen Argumentation nach, die der Wahrheitsfindung dienen, wobei der wissenschaftliche Inhalt der bearbeiteten Enzyklopädien in den Hintergrund tritt.
Joëlle Ducos (Écrire la météorologie au XIIIe siècle) verfolgt die Rezeption der aristotelischen »Meteorologie«, die Ende des 12. Jhs. begann und bereits hundert Jahre später zu einer französischen Übersetzung führte. Ausgewählt wurde nur die Rezeption in Form von Kommentaren oder inkorporiert in Lexika und Enzyklopädien mit dem Ziel der Popularisierung. Die Verfasserin zeigt im Einzelnen die summarische Klärung eines Sachverhaltes auf dem Weg zum Lexikonartikel. Sie findet allein fünf Variationen über die Vorstellung vom Universum als Ei. Indem die Verfasserin der Entwicklung hin zur Popularisierung nachgeht, ist es nur folgerichtig, dass sie die Meteorologie nicht im wissenschaftshistorischen Zusammenhang, sondern im allgemeinen, kulturellen Umfeld sieht. Dort, wo sie einen Wandel des Wortsinns feststellt, neigt sie zu psychologisierenden Deutungen.
Frankwalt Möhren (Le début de l’écriture française de la géométrie au XIIIe siècle) behandelt eine bereits 1979 edierte französische Version der »praktischen Geometrie« mit linguistisch-lexikographischen Methoden, die selbst für Linguisten schwer nachzuvollziehen sind, da eine Sigelauflösung der Zitate fehlt und auch auf Anfrage nicht gewährt wird. Der mathematikhistorische Aspekt, auf Grund spärlicher und völlig veralteter Literatur erarbeitet, tritt dabei in den Hintergrund. Sehr interessant dagegen sind die Beispiele für die Verwendung geometrischer Fachausdrücke in literarischen Texten.
Chantal Connochie (Mise en récit et discours scientifique: les encyclopédies du XIIIe siècle en langue vulgaire) geht den sprachlichen und rhetorischen Strategien nach, die von mittelalterlichen Autoren volkssprachiger Enzyklopädien angewendet wurden, um interessierte Laien aus dem Adel als Leser zu gewinnen. Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass alle methodischen Mittel bereits antiken und mittelalterlichen lateinischen Vorbildern entlehnt werden konnten. Als interessante Rechtfertigung ihrer konstruktivistischen Denkweise gibt sie das Phänomen der Sonnenfinsternisse an, das nicht per se stattfinde, sondern nur in der Koinzidenz mit menschlichen Aktivitäten existiere: nur dann führe es zu einer Erzählung wie z.B. die Sonnenfinsternis in der Todesstunde Jesu.
Danielle Jacquart (L’écriture par excellance du texte médical: les aphorismes) versteht »l’écriture« in Sinne von Schreibstil, wenn sie die hipokratischen Aphorismen und ihre Glossen im Hochmittelalter untersucht.
Jean Céard (L’exemple comme preuve dans le texte scientifique de la fin de la Renaissance) bezieht seine Untersuchung auf Texte aus Medizin, Zoologie und Dämonologie und setzt »exemple« von »expérience« ab, sieht im »exemple« aber immer das Bestreben, Sein und Schein (resp. Lüge) auseinanderzuhalten. Mit dem Argument »on le sait« verfolgt der Verfasser allerdings keine Herleitung seiner Postulate. Vielmehr legt er eine geistreiche Argumentation über verschiedene literarische Belege vor, gipfelnd in der »Demonomania« von Bodin (1580).
Isabelle Pantin (Valeur et statut du paradoxe dans la controverse copernicienne) wendet wiederum psychologisierende linguistische Methoden, die eine Erprobungsphase in Philosophie und Medizin hinter sich haben, auf ein Kapitel der Naturwissenschaften an, das sie, an das bis in die Gegenwart andauernde Unverständnis von Laien anknüpfend, reduziert auf den zum Paradox stilisierten falschen Anschein. Als Maß legt sie an, dass die Schöpfungsgeschichte für alle Kreaturen »lesbar« sein solle, wonach die kopernikanische Lehre der Lächerlichkeit preisgegeben wird, indem man sie als paradox bezeichnet.
Mireille Huchon (Parodie de l’écriture scientifique chez Rabelais) führt den Weg Pantins ins Reich der Lächerlichkeit fort, sehr amüsant zu lesen, fast so amüsant wie das Original.
Didier Kahn (Le Tractatus de sulphure de Michael Sendivogius [1616], une alchimie entre philosophie naturelle et mystique) liefert eine interessante und klare Textexegese, die besonders auf den Zusammenhang des untersuchten Textes mit Ps. Lulls Testamentum eingeht und die heilsgeschichtlichen Komponenten der Alchemie von Sendivogius herausstellt.
Fernand Hallyn (L’écriture de l’emphase dans Le Monde de Descartes) geht mit linguistischen Methoden psychologisch einfühlsam auf Descartes ersten Entwurf einer Mathematisierung des Kopernikanischen Systems ein.
Michel Blay (La construction d’une organisation déductive: la science du mouvement au XVIIe siècle) verfolgt, ausgehend von den wissenschaftshistorisch gut bekannten Texten von Descartes, Huygens und Newton, die fortschreitende Mathematisierung der Bewegungstheorie sowohl in der Astronomie als auch in der Physik, die als Folge der Mathematisierung nicht mehr als verschiedenartig behandelt werden können.
Philippe Selosse (La théorie de l’éponymie en botanique à la Renaissance) legt hier eine nüchterne grammatikalisch-linguistische Untersuchung vor über die Namensgebung von Pflanzen in der Renaissance, die später durch Linné obsolet wurde. Der Verfasser zeigt an Beispielen die Chancen und Grenzen der alten Namensgebungspraxis, deren größter Nachteil der Mangel an einer durchgehenden Systematik war.
Benoît de Baere (Écriture scientifique, imagination et peinture: l’hypotypose dans les époques de la nature de Buffon) erläutert die Rolle der Rhetorik in Buffons »Histoire naturelle« (31 Bände) nach dem Vorbild von Plinius, mit der Buffon flexibel auf sinkende Absatzzahlen beim Verkauf der bereits fertiggestellten Bände reagierte. Dass der Verfasser weniger auf den Inhalt eingeht, rechtfertigt er mit Buffons Auffassung, die Naturgeschichte gehöre zum Reich der Literatur, ja sei deren höchster Zustand.
Françoise Berlan (Fontenelle et la langue des sciences ou le relais de la fonction symbolique) hat wiederum ein Thema gewählt, bei dem es um Schreiben von Wissenschaft für ein breiteres Publikum geht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es Fontenelle, dem ständigen Sekretär der Académie des sciences und Autor einer Schrift »Entretiens sur la pluralité des Mondes« (1686) sowie von Nachrufen auf die zwischen 1699 und 1740 verstorbenen Mitglieder der Akademie, gelingt, das Gleichgewicht zwischen zwei Prinzipien einer einheitlichen Weltdarstellung zu wahren: 1. dem geometrischen Geist und 2. der Wirklichkeit des Lebendigen. Dieses Gleichgewicht fand Fontenelle mit ästhetischen Mitteln und erreichte damit zugleich Leser auf verschiedenem intellektuellen Niveau. Wie schon in den Aufsätzen über Descartes und Buffon herausgearbeitet wurde, war auch für Fontenelle die Begeisterung ein aufklärerisches Ausdrucksmittel sui generis.
Der Band zeigt sowohl in seinen Stärken als auch in seinen Schwächen auf, wie wichtig die Kooperation von Gelehrten so weit auseindanderdriftender Disziplinen wie der Linguistik und der Geschichte der Naturwissenschaften wäre, auch wenn der derzeitige Wissenschaftsbetrieb wenig Zeit zur Reflexion und schon gar nicht zur gegenseitigen Konsultation bietet. Es mangelt den Beiträgen keineswegs an Ernsthaftigkeit, belegt durch Kompetenz und großen Fleiß. Dies ist ein erster Schritt, dem weitere folgen sollten. Das Buch verdient es, in alle Arten von linguistischen Bibliotheken Eingang zu finden, aber auch in die kulturgeschichtlichen und wissenschaftshistorischen.
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