K. Plöger: England and the Avignon Popes (Stefan Weiß)
Karsten
Plöger, England and the Avignon Popes. The Practice of Diplomacy
in Late Medieval Europe, London 2005, XIV–304 S. (Legenda), ISBN
1-904713-04-1, GBP 45,50.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Stefan
Weiß, Paris
Die Erforschung mittelalterlicher Diplomatie ist in den letzten Jahren neu aufgenommen worden, allerdings mit einer im Vergleich zur älteren Forschung deutlich veränderten Fragestellung. Ging es dieser vor allem um die Rekonstruktion von Haupt- und Staatsaktionen, um mittelalterliche Außenpolitik, fragt die neue eher nach dem Wie, nach der Praxis der mittelalterlichen Diplomatie. Beide Ansätze vereint verfolgt K. Plöger; allerdings mit dem Schwerpunkt auf dem letztgenannten; er beschäftigt sich mit den Beziehungen König Edwards III. vor allem mit Papst Clemens VI. und Papst Innozenz VI. Schon aufgrund der Überlieferung ist das Thema gut gewählt, da die englische und vatikanische Überlieferung für das Spätmittelalter generell am besten ist, hier also gerade auch exemplarisch Ergebnisse zu erwarten sind, welche Licht auf die mittelalterliche Diplomatie im Allgemeinen werfen. Zwar ist hier viel Material publiziert, der Autor hat jedoch zusätzlich vielfach ungedruckte Bestände des Vatikanischen Archivs und des Public Record Office genutzt.
In seiner Erörterung der methodischen Grundlagen weist der Autor mit Recht auch auf die Besonderheiten des diplomatischen Verkehrs mit der Kurie hin. Hier fand kein Verkehr unter Gleichgestellten, sondern innerhalb eines hierarchischen Verhältnisses statt, war doch der Papst nicht nur geistliches Oberhaupt, sondern – seit König Johann Ohneland – auch Lehnsherr des englischen Königs. Er geht dann über zu den Rahmenbedingungen, bespricht die Wahl der genannten Päpste, die Zusammensetzung des Kardinalkollegiums und die anstehenden Probleme, die zu verhandeln waren. Die Beendigung des immer neu aufflammenden Krieges zwischen England und Frankreich war ein Hauptziel päpstlicher Politik, was freilich durch die französische Abstammung der Päpste und der meisten Kardinäle nicht unbedingt vereinfacht wurde, lag hier doch der Verdacht der einseitigen Bevorzugung Frankreichs nahe. Zusammen mit dem folgenden Kapitel, wo Plöger das diplomatische Personal der englischen Könige erörtert, entsteht so eine dichte Beschreibung eines Netzwerkes von Personen, die in mehr oder weniger starkem Maße mit diplomatischen Beziehungen befasst waren. Hervorgehoben sei das Kapitel über die englischen Prokuratoren an der Kurie (S. 83ff.), die zwar nicht mit modernen Botschaftern im heutigen Sinne zu verwechseln sind, aber doch als Informanten und Anlaufstellen für ankommende Gesandtschaften dienen konnten.
Der »Organisation« von Gesandtschaften im weitesten Sinne ist ein weiteres Kapitel gewidmet; es erörtert diplomatische Immunität, Geleitbriefe, die Gefährdungen von Gesandten durch Krieg und Pest, die Reiserouten und vor allem das Gefolge, die familia eines Diplomaten. Hier bieten die teilweise erhaltenen Kostenabrechungen der Gesandten einiges Material. Auch die Frage der Kommunikation eines Gesandten mit dem Papst einerseits, seinem Auftraggeber andererseits wird behandelt. Den Schwerpunkt aber legt der Autor mit Recht auf das Zusammentreffen des Gesandten mit dem Papst; vor allem der zeremonielle Rahmen solcher Empfänge wird eingehend besprochen. Erfreulicherweise ist ja der päpstliche Palast in Avignon erhalten, so dass die Berichte der Quellen auf konkrete Räumlichkeiten im Palast bezogen werden können. Üblicherweise wurden Gesandte feierlich im päpstlichen Konsistorium – also der Ratsversammlung des Papstes mit seinen Kardinälen – empfangen, sie übergaben reiche Geschenke und konnten dort ihr Anliegen vortragen; vielfach geschah dies im Zusammenhang mit einem Gastmahl, zu dem die Gesandten geladen wurden. Neben diesen gleichsam »offiziellen« Audienzen, konnte ein Papst jedoch auch in halb oder völlig privater Weise mit Gesandten verkehren oder durch Kardinäle und vertraute Berater ihre Absichten und ihre Konzessionsbereitschaft sondieren. Insgesamt entsteht so ein differenziertes Bild mittelalterlicher diplomatischer Praxis, wird die »Große Politik« in das höfische Leben des Mittelalters eingebettet.
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