L. Olson: The Early Middle Ages (Florian Hartmann)
Lynette
Olson, The Early Middle Ages. The Birth of Europe, Basingstoke
(Palgrave Macmillan) 2007, XVI–248 S., ISBN 1-4039-4209-9, GBP
18,99.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Florian
Hartmann, Rom
Es ist ein kein leichtes Unterfangen, ein halbes Jahrtausend europäischer Geschichte auf knapp 200 Seiten zu schildern, daneben die Methoden mittelalterlicher Geschichtswissenschaft vorzustellen und zugleich die Auswirkungen dieser Epoche auf das heutige Europa in den Blick zu nehmen. Lynette Olson, Senior Lecturer an der University of Sidney, hat sich dieser Aufgabe gestellt, und ihr ist insbesondere für jüngere Semester mit dem anzuzeigenden Buch eine insgesamt lesenswerte Einführung gelungen. Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel, die vom 5. bis 11. Jh. je ein Säkulum unter verschiedenen regionalen und thematischen Gesichtspunkten behandeln. Dabei rücken je nach Jahrhundert unterschiedliche Regionen ins Zentrum ihrer Betrachtung mit einer tendenziellen Konzentration auf den angelsächsischen Raum. Erfreulich ist, dass sich die Verfasserin nicht auf die politische Geschichte beschränkt, sondern Kultur- und Wirtschaftsgeschichte ebenso einbezieht wie Theologie und, ihr offenbar besonders am Herzen liegend, Frauengeschichte. Entsprechend werden Personen, die auf ganz unterschiedlichen Feldern gewirkt haben, wie Bonifatius und Radegunde, Knut der Große oder Paulus Diakonus bisweilen recht ausführlich vorgestellt. Sich bisweilen über mehrere Seiten erstreckende Zitate geben Einblick in die Literatur der jeweiligen Epoche und Anlass, Methoden der Quelleninterpretation für den Leser verständlich zur Anwendung zu bringen. Lehenswesen und Arianismus werden ebenso thematisiert wie die Entwicklung der Städte oder die Debatte um die Pirenne-These. Methodisch fungieren dabei einzelne Biographien, Artefakte oder spezielle Ereignisse zur Illustration allgemeiner politischer, kultureller oder wirtschaftlicher Entwicklungen. Diese ganzheitliche Betrachtung bietet in ihrer Multiperspektivität für jüngere Semester eine gute Einführung in das Studium der mittelalterlichen Geschichte. Doch stößt ein derart umfassender Ansatz, der zudem eine solch große Zeitspanne umfasst, naturgemäß an seine Grenzen. So hätte man sich, wo doch die Geburt Europas Titel des Buches ist, zunächst eine problemorientierte Definition Europas gewünscht. Die Konzentration auf Westeuropa und vor allem die allzu knappe Darstellung der byzantinischen Geschichte wirken daher zumindest fragwürdig. Europa scheint für die Verfasserin der jeweils bereits vom Westen her christianisierte Teil des Kontinents zu sein. So erfährt man, dass »the 843 Treaty of Verdun […] devided Europe into France, Germany (!) and a strip of often contentious lands in between« (S. 108f.). Spanien, Italien und vor allem die Einflüsse aus Byzanz können unter dieser Perspektive kaum angemessen gewürdigt werden. Man hätte sich mehr solcher Exkurse gewünscht wie den anschaulichen Vergleich zwischen Gregor von Tours und seinem Zeitgenossen Johannes Malalas von Antiochia. Die offenbar der angelsächsischen Leserschaft geschuldete und in Teilen gerechtfertigte Fokussierung auf England führt im umfangreichsten Kapitel zum 11. Jh. dann zu inhaltlichen Schwächen. Das Reformpapsttum, der sogenannte Investiturstreit und die Rolle Heinrichs IV. werden zugunsten einer differenzierten Darstellung der englisch-skandinavischen Geschichte im 11. Jh. allzu knapp geschildert. So werden die Minderjährigkeit Heinrichs IV. nur angedeutet, die Regenten gar nicht erwähnt und die Schwierigkeiten Heinrichs IV. auf die wohl überholte Begründung reduziert, dass »he had succeeded his great father Henry III (a great act to follow)« (S. 192). Insgesamt wird der Eindruck des Buches durch das letzte Kapitel etwas beeinträchtigt, wo etwa auch die Querverweise auf eine Seite 000 verweisen (S. 189f.). Dennoch ist diese flüssig geschriebene Einführung insgesamt trotz des bisweilen etwas gewagten Duktus und der Perspektive, die bei solchen Werken stets angreifbar ist, zu begrüßen. Denn bei aller Kritik ist in Rechnung zu stellen, dass bei jeglicher didaktischer Reduktion der Grat zwischen wissenschaftlicher Sorgfalt auf der einen und prägnanter Kürze und verständlicher Diktion auf der anderen Seite stets sehr schmal ist. Anachronismen lassen sich, zumal wenn man Anfängern das Verständnis erleichtern will, kaum vermeiden und allzu differenzierte Darstellungen kaum rechtfertigen.
Zahlreiche Abbildungen und Karten, die im Text sorgfältig interpretiert werden, veranschaulichen die Darstellung sinnvoll und geben Einblicke in die materielle Kultur des Mittelalters. Die Endnoten beschränken sich auf sehr wenige Literaturangaben und Erklärungen. Ein für Anfänger sehr hilfreiches Glossar, eine Bibliographie der zitierten Quellen in englischer Übersetzung sowie ein Orts-, Personen- und Sachregister beschließen dieses Buch, das zur Einführung in die Geschichte des Mittelalters durchaus geeignet ist.
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