D. Nebbiai: La bibliothèque de l'abbaye de Saint-Victor de Marseille (XIe-XVe siècle) (Matthias M. Tischler)
Donatella
Nebbiai, La bibliothèque de l’abbaye de Saint-Victor de
Marseille (XIe–XVe
siècle), Paris (CNRS Éditions) 2005, 341 S. (Documents,
études et répertoires, 74), ISBN 2-271-06327-2, EUR
55,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Matthias
M. Tischler, Frankfurt a. M.
Im Gegensatz zum jüngeren, bildungs- und theologiegeschichtlich jedoch bedeutenderen, namensgleichen Pariser Kanonikerstift hat es das Überlieferungsschicksal mit der Dokumentation der mittelalterlichen Bibliotheksgeschichte der Benediktinerabtei Saint-Victor in Marseille gut gemeint. Eine relativ dichte Katalogüberlieferung aus dem Hoch- und Spätmittelalter hat sich von dort erhalten, deren editorische und inhaltliche Erschließung die langjährige Mitarbeiterin des Pariser IRHT genau 20 Jahre nach ihrer grundlegenden Publikation zur Bibliothek und Handschriftschriftenüberlieferung von Saint-Denis (Bd. 32 derselben Reihe) zum Druck gebracht hat. Nach einer Liste der Äbte von Saint-Victor im 11.–15. Jh. (S. 13) und zwei Karten zu den Prioraten und Kirchen der Abtei in der Basse Provence im 11.–12. Jh. und zu ihren Prioraten am Ende des 15. Jhs. (S. 14f.) wird die Publikation mit einer knappen Einführung (S. 19–23) und einer ausführlichen Studie (S. 25–95 und 97f.) zu Geschichte und Bedeutung der Abtei, zu ihrer skriptoristischen, liturgischen und geistigen Produktion, zu ihrer schulischen Ausstrahlung sowie zu ihrer Bibliothek eröffnet. Auf eine Konkordanz der Katalogeinträge (S. 99–136) folgen zwei Editionsteile. Sie enthalten die Texte der Bücherinventare der Abtei und ausgewählter Priorate (S. 139–221 und 225–230) sowie von Dokumenten zur Buch- und Schulgeschichte von Saint-Victor (S. 233–244). Die Editionen werden erschlossen durch Register der Autoren, der Werke und ihrer Incipits und Explicits sowie der lateinischen Worte und Junkturen in den Werkanfängen und -schlüssen (S. 247–262, 263–266 und 267–277). Abgerundet wird die Publikation von einer Liste der 40 gegenwärtig bekannten Handschriften und Archivalien der Abtei (S. 279–293: davon etliche mit Fragezeichen versehen), einer Bibliographie der benutzten Literatur (S. 295–306), 16 Tafeln von ausgewählten Inventaren, Handschriften und Exlibris der Abtei (S. 307–321), einem Verzeichnis der zitierten Handschriften und Archivalien (S. 323–326), einem Personen- und Ortsregister (S. 327–337) sowie einem Inhaltsverzeichnis (S. 339–341). Im Zentrum der Publikation steht die Veröffentlichung von fünf Bücherkatalogen, die ans Ende des 12. Jhs. (Abt Mainerius, 1196–1204) und an den Anfang des 14. Jhs. sowie in die Jahre 1374 (Abt Étienne Aubert, 1364–1380), 1410 und 1418 datiert werden können und von denen die drei ältesten als Pergamentrotuli überliefert sind. Erstveröffentlichungen liegen bei dem zweiten, vierten und fünften Inventar vor. In den Katalogen stecken die Bestände von Bücherschenkungen, von denen die Abteibibliothek immer wieder profitierte. Unter ihnen ragen die Legate des Bischofs von Vence Guillaume Ribot († 1257) und des juristisch wie humanistisch gebildeten Abtes Pierre Flamenc (1397–1424) heraus. Die nicht immer sorgfältig redigierte Veröffentlichung (zahlreiche Verschreibungen; fehlende Stellenangabe in den Fußnoten und im Register: S. 49 Anm. 134; S. 58 Anm. 173; S. 277 Sp. b Z. 2; S. 328 Sp. a Z. 16; ungenaue und unvollständige bibliographische Angaben) leidet in den Kommentaren zu den Editionen bisweilen unter der nachlässigen Bestimmung der Texte. Insbesondere in den Handschriften des Guillaume Ribot steckten mehrere prominente Werke, die genau benannt werden können: Als Nr. 353 ist wohl nicht das Chronicon Anianense, sondern Einharts Vita Karoli verzeichnet (S. 92 und S. 154 Anm. 110, wo zur Identifizierung die Monographie des Rezensenten »Einharts Vita Karoli. Studien zur Entstehung, Überlieferung und Rezeption« Hannover 2001, S. 63 nicht herangezogen wurde), da es tatsächlich französische Einhart-Handschriften mit dem genannten Titel Vita et actus Karoli Magni gibt (Paris, BnF, Ms. nouv. acq. lat. 2664, Cluny, ca. 1. Viertel des 11. Jhs.; Paris, BnF, Ms. lat. 6186, Frankreich, 2. Hälfte des 13. Jhs.) und ein Codex mit recht ähnlicher Aufschrift für das Jahr 1276 im südwestfranzösischen Benediktinerkloster Saint-Pons-de-Thomières bezeugt ist (Einharts Vita Karoli, S. 64), das sich bereits 1062 Saint-Victor de Marseille anschloss. Neben Petrus Venerabilis’ Contra sectam Sarracenorum (Liber P. abbatis Cluniacensis Contra legem Mahomet, S. 153 Nr. 342), das auch in den Katalogen von 1374 und 1418 erwähnt wird (Item liber abbatis Cluniacensis, S. 171 Nr. 181; Item liber abbatis Cluniacensis Contra legem Macumeti qui incipit in secundo folio ›//gelice‹ et finit in penultimo ›credimus//, S. 213 Nr. 274; vgl. ibid., S. 92 mit Anm. 321) soll die Abtei auch die beiden anderen Anti-Traktate des Abtes von Cluny, also Contra Petrobrusianos haereticos und Adversus Iudaeorum inveteratam duritiem, besessen haben (S. 92 und S. 153 Anm. 108; so auch schon Dominique Iogna-Prat: »Ordonner et exclure. Cluny et la société chrétienne face à l’hérésie, au judaïsme et à l’islam 1000–1150«, Paris 1998, S. 119 mit Anm. 69 und S. 394 Anm. 69, der nicht zitiert wird): Volumen […] predicti magistri abatis […] Contra ereticos judeos et paganos (S. 153 Nr. 347). Es handelt sich hier aber wohl eher um den Glaubenstraktat De fide catholica contra haereticos des Alanus von Lille, der in der genannten Reihenfolge Häretiker (Katharer und Waldenser), Juden und Heiden (Muslime) abhandelt. Für die Gleichsetzung spricht auch die Bezeichnung des Autors als magister. Anstelle von abatis ist daher wohl alani zu lesen, zumal das Werk des Alanus von Lille auch in den Katalogen von Saint-Victor aus den Jahren 1374 und 1418 bezeugt ist: Item liber magistri Alani Contra hereticos Velden‹ses› et quedam alia (S. 172 Nr. 229) und Item liber Alani Contra hereticos Valdenses et quedam alia qui incipit in secundo folio ordinario >//fuit< et finit in penultimo >mensam//< (S. 213 Nr. 267). Das Werk wird also nicht erst im Inventar von 1374 erwähnt, wie die Autorin glaubte (S. 80).
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