L. Musset: The Bayeux Tapestry (Sabine Teubner-Schoebel)
Lucien
Musset, The Bayeux Tapestry. New edition. Translated by Richard Rex,
Woodbridge (The Boydell Press) 2005, 272 S., ISBN 1-84383-163-5, GBP
25,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Sabine
Teubner-Schoebel, Kirchdorf bei Greifswald
Bei dem hier zu besprechenden Werk handelt es sich um die englische Übersetzung einer in erster Auflage 1989 (²2002) auf Französisch publizierten Arbeit mit dem Titel »La Tapisserie de Bayeux: œuvre d’art et document historique«. Das Erscheinen der englischen Übersetzung hat der emeritierte Professor der Universität Caen und ausgezeichnete Kenner der normannischen Geschichte nicht mehr erlebt – er verstarb im Dezember 2004.
Musset beschäftigte sich seit 1955 immer wieder mit dem Teppich von Bayeux; diese langjährige Kenntnis und Erfahrung spiegeln sich in vielen Details dieser Untersuchung. Die hier vorgelegten Fakten und Erkenntnisse entsprechen dem traditionell anerkannten Forschungsstand. Musset betont im Vorwort, nicht die Forschung über den Teppich von Bayeux revolutionieren zu wollen1. So sieht auch er den Eidbruch Harolds und die Folgen als das Hauptthema des Teppichs (S. 17) und demzufolge die Darstellung des Eides als die Schlüsselszene (S. 146–149). Als Herstellungsort nimmt Musset England an (S. 17) und weist Bischof Odo von Bayeux, dem Halbbruder Herzog Wilhelms, eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Teppichs zu, ohne diesen allerdings als Auftraggeber zu benennen (S. 16).
Der erste Teil (General Issues, S. 13–85) beschäftigt sich mit unterschiedlichen Aspekten wie der Überlieferungsgeschichte, dem künstlerischen Kontext, der narrativen Technik, den lateinischen Beschriftungen, den Charakteren, Realienkunde (Rüstungen, Waffen, Schiffe, Gebäude), der Darstellung der Landschaft, den Zierkanten sowie dem historischen Hintergrund. Auch die schriftliche Überlieferung zur normannischen Eroberung Englands findet hier Berücksichtigung. Darstellungen auf dem Teppich werden sparsam, aber wirkungsvoll mit Beispielen aus der Bildhauerei, Buchmalerei, Architektur und Schiffbau konfrontiert, weiterhin dienen andere textile Arbeiten, Mosaike, Waffenfunde und Holzschnitzereien zum Vergleich. So gelingt es, ein engmaschiges Netz mit geografischen und stilistischen Bezügen und Einflüssen zu weben, das den Lesern einen anschaulichen Eindruck über das kulturelle Umfeld vermittelt, in dem der Teppich von Bayeux entstanden ist.
Der weitaus umfangreichere zweite Teil (Commentary, S. 86–266) bietet eine detaillierte Interpretation der Ereignisse von 1064 bis 1066, wie der Teppich sie darstellt. Auf jeder Doppelseite zeigt ein großformatiges Foto die jeweilige Szene, während der Kommentar auf Besonderheiten in der Darstellung, bei den Zierkanten oder der Beschriftung verweist, Erläuterungen zu Personen oder zum Kontext gibt und alle Informationen durch zahlreiche Quellen- und Literaturbelege ergänzt. Sehr hilfreich für die Leser ist im oberen Fünftel jeder Doppelseite ein Fries mit einem größeren Abschnitt des Teppichs von Bayeux, der die auf dieser Seite behandelte Szene im Zusammenhang zeigt. Genealogische Übersichten, der vollständige Text der Beschriftung in Latein und Englisch sowie eine sehr knapp gehaltene Auswahlbibliographie schließen den graphisch sehr ansprechend gestalteten Band ab. Wer sich rasch und zuverlässig über gesicherte Erkenntnisse zum Teppich von Bayeux informieren möchte oder zu einer bestimmten Szene detaillierte Erläuterungen sucht, ist mit diesem Titel, der sicher auch in deutscher Übersetzung viele Interessenten finden würde, bestens beraten.
1 »This book does not pretend to revolutionise the study of the Bayeux Tapestry«, S. 11.
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