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M. Maser: Die Historia Arabum des Rodrigo Jiménez de Rada (Bernd Schwenk)

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Matthias Maser, Die Historia Arabum des Rodrigo Jiménez de Rada. Arabische Traditionen und die Identität der Hispania im 13. Jh. Studie – Übersetzung – Kommentar

Francia-Recensio 2008/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Matthias Maser, Die Historia Arabum des Rodrigo Jiménez de Rada. Arabische Traditionen und die Identität der Hispania im 13. Jh. Studie – Übersetzung – Kommentar, Berlin (LIT) 2007, X–652 S. (Geschichte und Kultur der Iberischen Welt, 3), ISBN 3-8258-8590-9, EUR 69,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Bernd Schwenk, Köln

Die aktuelle gesellschaftliche Diskussion um die Möglichkeit des Neben- und Miteinanders muslimischer und westlicher Lebensformen sichert ebenso wie der Trend in der Geschichtsforschung, Kulturtransfer in der Vergangenheit zu untersuchen, dem Buch von Matthias Maser von vornherein die verdiente Aufmerksamkeit. Die umfangreiche Studie über »Identität« und »Alterität« in der »heterogenen und segmentierten Gesellschaft des mittelalterlichen Spanien« hat die in der Mediävistik wenig beachtete Historia Arabum [HA] des Toledaner Erzbischofs [Ebf.] Rodrigo Jiménez de Rada (1208–1247) [R.] zur Grundlage, die im lateinischen Mittelalter einzigartige monographische Darstellung einer muslimischen Gesellschaft. Dessen »Bild von der muslimischen Geschichte im Detail zu untersuchen und auf mögliche, der Darstellung inhärente Tendenzen hin zu überprüfen« hat sich der Autor vorgenommen. Er sucht neben den lateinischen vor allem die arabischen Quellen zu eruieren und bietet damit sowohl dem »klassisch mediävistischen Benutzerkreis« als auch den Orientalisten die Möglichkeit zu »bereichernde[n] Einsichten«.

Masers Werk ist in eine umfangreiche Studie und – anders als Titel und Inhaltsangabe vermuten lassen – einen Anhang (S. 301ff.) aus Übersetzung mit zugehörigem traditionskritischem Kommentar gegliedert. Die philologisch überzeugende Übertragung in modernes Deutsch kommuniziert äquivalent die Textbotschaft und eröffnet neben dem Fachgelehrten auch dem sogenannten interessierten Laien und dem Studenten mit zeittypischen Lateinkenntnissen den Zugang zum Arbeitsmaterial. Die Markierung der aus mozarabischen oder arabischen Quellen entnommenen Stellen erleichtert dem Leser die Arbeit. Der Textkommentar mit seinen 909 Fußnoten und den darin enthaltenen Informationen aus arabischen Vorlagen und Sekundärliteratur breitet geradezu enzyklopädisch den gesamten Wissensstand aus und vermittelt so zwischen den des Arabischen unkundigen Mediävisten und den Ergebnissen der Orientalistik. Ein Resumen español vermittelt abschließend spanischsprachigen Benutzern die Erträge von Masers Darstellung, deren Nutzbarkeit durch ein Glossar häufig verwendeter Begriffe, ein sehr umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Abkürzungsverzeichnis sowie durch ein Personen- und geographisches Register gesteigert wird.

Der Kern der Arbeit, die Studie, ist in fünf Kapitel gegliedert. (Kap. II–VI). Didaktisch geschickt rundet der Autor jedes Kapitel mit einer Zusammenfassung ab. Kapitel II erfasst das Aufgabenspektrum, das der Ebf. von Toledo zu bewältigen hatte: dauernde, zähe Auseinandersetzungen um den Primat der Kathedrale von Toledo, Einsatz in der Reconquista und – nach der Schlacht bei Las Navas de Tolosa (1212) – Mission und kirchliche Reorganisation der zurückeroberten Gebiete prägten die Amtszeit und veranlassten R. zu einer Positionierung des Königreichs Kastilien in der iberischen Welt. Hierbei fand er argumentative Unterstützung in den intellektuellen und kulturellen Ressourcen von Toledo, der »Hochburg des Kulturkontaktes«.

In den anschließenden Kapiteln widmet sich Maser dann der historiographischen Konzeption R.s, die arabische Geschichte von al-Andalus als Bestandteil einer aus christlicher Perspektive verfassten Nationalgeschichte zu behandeln. Auf der Grundlage des Hauptwerkes »de rebus Hispaniae« [DRH] werden in Kapitel III Hispanisierung, Gotisierung, Kastilianisierung und Toledanisierung als die vier tragenden Säulen für die kastilischen Hegemonialansprüche erkannt. Das Neue an Masers These ist, dass von R. die Hispania nicht mehr als ethnisch geprägter Raum, sondern als gemeinsamer Lebens- und Erfahrungsraum innerhalb der natürlichen Grenzen der Iberischen Halbinsel verstanden wurde. Diese Konstruktion ermöglichte es dem Ebf., eine gens incolarum Hispaniae zu erfinden, die wegen der »stete[n] Folge von Fremdbeherrschungen« auch die Arabes cismarini zu Leidensgenossen der christlichen Spanier machte, deren kollektives Handeln durch das kastilische Königtum manifest werden konnte.

Ab Kapitel IV steht dann die HA stellvertretend für die Historiae minores im Mittelpunkt von Masers Darstellung. »Aufbau und Gliederung« der HA sind nicht mehr wie in der Historia Gothica, i. e. DRH, nach Büchern (libri) geordnet, sondern in der Abfolge der muslimischen Regenten nach Kapiteln (capitula). R.s Kleinchronik besteht aus zwei thematisch unterschiedlichen Teilen: Kapitel I–VI beschreiben das Leben des Propheten Muammad; in den Kapiteln VII – IL wird die Geschichte der gens Arabum als politisch-ethnischer Gemeinschaft dargestellt, der Maser durch das Epochenmerkmal der »jeweiligen Herrschaftsverfassung« eine historische Kontinuität zuweist. Das Kernstück von Kapitel IV: »Die Problematik der Quellen der Historia Arabum« leitet Maser verdienstvollerweise für den Nichtarabisten mit einem literaturgeschichtlichen Überblick über die historiographischen Gattungen der anekdotenhaften abr und der annalistischen tr ein. Bei den Quellenvorlagen kann nur die Verwendung der lateinischen Mozarabischen Chronik von 754 als gesichert gelten. Masers subtile traditionskritische Untersuchungen widerlegen die Theorien der älteren Forschung (Claudio Sánchez Albornoz) von einer direkten Abhängigkeit der HA von der Chronik des Amad ar-Rz und der Großen Geschichte des Ibn Hayyan. Stattdessen sieht der Autor »deutliche Spuren einer historiographischen Kompilation verschiedener Einzelüberlieferungen«, deren Inhalte R. paraphrasierte, ohne sie nach »seiner eigenen Sicht auf die muslimische Geschichte« umzuformen, von einer bewussten Toledanisierung seines Werkes ganz zu schweigen. Die quellenkritische Untersuchung in Kapitel V verortet zunächst das Bild vom Propheten in die lateinisch-christliche Literatur des Mittelalters von der Mitte des 9. Jhs. bis in R.s Lebenszeit und wertet den Texttyp der Muammad-Vita als eine beliebte Gattung in der Auseinandersetzung der Christen mit dem Islam, deren pamphletische Polemik R. nicht übernahm. Als Grund hierfür ist nach Maser die paraphrasierende Verwendung »vergleichsweise umfangreiche[r] Textpassagen aus der genuin islamischen Prophetenbiographie«, vor allem der kommentierten Vita des Ibn Hiam, zu sehen. Für die Darstellung der militärischen Aktivitäten Muammads gegen die Byzantiner lieferte die crónica muzarabica die Vorlagen.

Die kurze abschließende Bewertung der HA (Kap. VI) nach den Kriterien der Kulturtransferforschung zeigt, dass R. »für einen kulturellen Transfer- und Aneignungsprozess« lediglich die Fundamente schuf, deren voller Ausbau zu einem »neuen und wirkmächtigen spanischen Selbstbild« eine Generation später von König Alfons X., dem Weisen, vorangetrieben wurde.

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In: Francia-Recensio, 2008-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: 29.10.2008 21:23
Zugriff vom: 07.02.2012