M. Jones: Le Premier Inventaire du Trésor des chartes des ducs de Bretagne (1395) (Gisela Naegle)
Michael Jones (éd.), Le Premier Inventaire
du Trésor des chartes des ducs de Bretagne (1395). Hervé le Grant
et les origines du Chronicon Briocense, Rennes (Société d’histoire
et d’archéologie de Bretagne) 2007, 320 S., ISBN 2-9505895-7-X,
EUR 35,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Gisela Naegle, Gießen/Paris
Die Edition des ersten überlieferten Inventars des Trésor des chartes der Herzöge der Bretagne von 1395 ist das jüngste Glied einer sehr beachtlichen Kette von Monographien, Aufsätzen, Quellen- und Regesteneditionen, die Michael Jones innerhalb der letzten Jahrzehnte zur bretonischen Geschichte vorgelegt hat. Zu diesen Editionen gehören »The charters of Duchess Constance of Brittany and her family 1171–1221« (1999), »Lettres, Orders and Musters of Bertrand du Guesclin 1357–1380« (2004), »Recueil des actes de Charles de Blois et Jeanne de Penthièvre, duc et duchesse de Bretagne 1341–1364. Suivi des Actes de Jeanne de Penthièvre, 1364–1384« (1996) und die dreibändige Ausgabe »Recueil des Actes de Jean IV, duc de Bretagne« (1980–2001).
Für die Geschichte der Regierungszeit des Herzogs Jean IV. (1364–1399) und seiner Kanzlei stellt die Veröffentlichung des in französischer Sprache verfassten Inventars des Trésor des chartes eine wichtige Ergänzung dar. Darüber hinaus bedeutet jede Erschließung derartiger Quellen auch eine Verbreiterung der Materialbasis für vergleichende Untersuchungen zur europäischen Verwaltungsgeschichte. In diesem Fall kommt jedoch noch ein weiterer Aspekt hinzu. Wie im Untertitel angekündigt, gibt es über die Person von Hervé le Grant einen möglichen Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte des Chronicon Briocense und damit zur Geschichtsschreibung. Bei dieser »Chronik von Saint-Brieuc« handelt es sich um den in der Zeit zwischen 1394 und 1416 entstandenen Text eines anonymen Verfassers, der eine wichtige Rolle für die Entstehung einer spezifisch bretonischen Historiographie spielt. Der Inhalt des Chronicon zeigt eine deutliche Tendenz zur Verteidigung der bretonischen Unabhängigkeit und der herzoglichen Rechte. Der anonyme Autor vertritt eine ausgesprochen anti-englische und anti-französische Position und verwendet zur Beschreibung der Herrschaft des bretonischen Herzogs die Formel »par la grâce de Dieu«, die etwa zur selben Zeit Eingang in den Kanzleigebrauch findet. In seiner Darstellung greift er immer wieder auf im Trésor des chartes überlieferte echte – oder gefälschte – Dokumente zurück. Er verfügte also über einen unmittelbaren Zugriff auf diese Archivalien. Bisher wurden deswegen zwei Personen als Autor diskutiert: Maître Guillaume de Vendel, ein 1406–1407 im Zuge der Verhandlungen über die Beendigung des Schismas von Charles VI. in die Bretagne entsandter bretonischer Kleriker, und Hervé Le Grant, der Verfasser des hier edierten Inventars. Michael Jones liefert in diesem Zusammenhang eine Reihe von sorgfältig begründeten Argumenten für die Autorschaft Hervé Le Grants: Seine Haupttätigkeit bei der Organisation des herzoglichen Trésor des chartes entspricht genau der Entstehungszeit des Chronicon; er war an der Entstehung einer Reihe der jüngsten Archivalien direkt beteiligt, seine Ordnungstätigkeit diente – wie das Chronicon – der Stärkung herzoglicher Rechte und der Ausbildung eines bretonischen »Nationalgefühls«. Um seine Argumentation zu unterstreichen, bietet Jones dem Leser überdies eine Konkordanz der im Inventar Le Grants von 1395, im Formulaire von 1407 und im Chronicon erwähnten Dokumente an (S. 72–76). Derartige personelle und ideelle Verbindungen zwischen Kanzlei und Geschichtsschreibung verweisen auf die enge Beziehung zwischen Verwaltungs- und Mentalitätsgeschichte. Die Archive sind zugleich das historische »Gedächtnis« eines Landes und von zentraler Bedeutung für die Ausbildung einer eigenen Identität. Das Schicksal der Kanzlei der bretonischen Herzöge liefert dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Der mit Anne de Bretagne verheiratete französische König Charles VIII. schafft 1493 die bretonische Kanzlei als eigenständige Einrichtung ab. Aber schon zwei Tage nach seinem Tod richtet 1498 die Königin-Witwe Anne ihre Kanzlei wieder ein. Im Jahre 1514 bedeutet der Tod Annes auch das Ende der bretonischen Kanzlei.
Das von Hervé Le Grant verfasste Inventar bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 1220 und 1395. Es umfasst nach der von Jones durchgeführten Zählung 838 Artikel, die ungefähr 906 verzeichneten Dokumenten entsprechen. Die Datierung und Zuordnung der Dokumente ist aufgrund ungenauer Angaben des Originals häufig schwierig, und der Herausgeber musste deshalb mitunter ergänzende Informationen hinzuziehen. Das Inventar stammt zudem aus einer Phase, in der die Kanzlei mit verschiedenen Klassifikationsmodellen »experimentierte« und die »Praxistauglichkeit« solcher Instrumente noch sehr eingeschränkt war. Wie frühere Untersuchungen zu diesem Text festgestellt haben, sind die Klassifikationskriterien aus heutiger Perspektive nicht immer logisch oder nachvollziehbar. Dennoch handelt es sich hier um eine wichtige Quelle. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Archivbeständen hat der herzogliche Trésor des chartes die Zeit der französischen Revolution nahezu unbeschädigt überstanden. Von dem im Inventar von 1579 verzeichneten 4500 Dokumenten sind nach der Bestandsaufnahme des heute noch verwendeten Inventaire sommaire von 1870 noch 4090 erhalten geblieben. Die von Jones vorgelegte Edition stellt somit ein sehr nützliches Hilfsmittel für den Umgang mit diesen Archivalien bereit, da der Herausgeber dankenswerterweise für alle verzeichneten Dokumente versucht hat, den derzeitigen Aufbewahrungsort ausfindig zu machen und anzugeben. Der Inhalt des Inventars von 1395 ist zudem auch ein Spiegel der Schwerpunkte zeitgenössischer herzoglicher Interessen. Er verzeichnet dementsprechend Dokumente zu einer ganzen Anzahl politischer Konfliktpunkte im Verhältnis zu Frankreich (Hommage, Verhältnis zwischen herzoglicher und königlicher Gerichtsbarkeit etc.) und England. Einige Einträge anlässlich der Eheschließung des Herzogs Jean IV. mit Jeanne de Navarre beziehen sich auf Navarra. Über das Register des Buches sind solche Themenbereiche sehr gut zu erschließen. Der Band enthält auch für rechtshistorisch Interessierte sehr nützliche Informationen. Das Register weist z. B. erfreulicherweise detailliert auf die Erwähnung von Gerichten wie Parlement, Châtelet, Offizialat von Nantes etc. oder den Gebrauch von Gerichtssiegeln hin. Auf diese Weise wird die Edition auch für außerhalb der Verwaltungs- und Kanzleigeschichte angesiedelte Fragestellungen interessant. Besonders für weniger mit der bretonischen Geschichte vertraute Leser bieten die reichhaltig ausgestatteten Anmerkungen mit Angaben zu im Text genannten Personen eine willkommene Hilfestellung. Außer der Veröffentlichung des Inventars von 1395 enthält das Buch eine Einleitung mit Hinweisen zur bretonischen Kanzleigeschichte, zum herzoglichen Trésor des chartes, zur Diplomatik, zur Person und Tätigkeit von Hervé Le Grant und zur Entwicklungsgeschichte der Inventare (S. 17–67). Ein zweiter Themenbereich ist der Untersuchung der Beziehungen zwischen Trésor des chartes und Chronicon Briocense gewidmet. Am Ende stehen ein Literaturverzeichnis und ein sinnvoll organisiertes Personen-, Orts und Sachregister. Insgesamt gesehen leistet das Buch damit einen interessanten Beitrag zur Geschichte der Bretagne – und zu einigen Aspekten ihrer Position innerhalb des zeitgenössischen Europa.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

