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D. Jacquart, Ch. Burnett (Hg.): Scientia in Margine (Uta Lindgren)

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Scientia in Margine. Études sur les marginalia dans les manuscrits scientifiques du Moyen Âge à la Renaissance. Réunies par Danielle Jacquart et Charles Burnett

Francia-Recensio 2008/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Scientia in Margine. Études sur les marginalia dans les manuscrits scientifiques du Moyen Âge à la Renaissance. Réunies par Danielle Jacquart et Charles Burnett, Genève (Droz) 2005, XII–402 S. (Hautes études médiévales et modernes, 88), ISBN 2-600-01035-1, CHF 72,00.

rezensiert/compte rendu rédigé par

Uta Lindgren, München

Bei diesem Band, dem keine Definition von »scientia« zu Grunde liegt, handelt es sich um Vorträge, die auf einem Colloquium im Warburg Institut im April 2001 gehalten worden sind. Es wurden byzantinische, syrische, hebräische, arabische und vor allem lateinische Texte herangezogen, die inhaltlich Medizin, Mathematik, Philosophie und, in mancher Hinsicht eine Ausnahme, Technik betreffen. Die Zusammenfassung, mit der Adolfo Tura beauftragt war, geriet unter seiner Feder zu einer Theorie der Marginalien, die an Umfang (130 Seiten) bei weitem alle anderen Beiträge übertrifft. Obwohl es keinerlei Regeln bei den Marginalien geben kann, überrascht doch eine Statistik, wonach die mit Abstand häufigsten Marginalien Rezepte sind, die nichts mit dem Haupttext zu tun haben, und zwar an erster Stelle Rezepte gegen Kopfschmerzen, an zweiter Stelle solche gegen Hämorrhoiden, des weiteren Geburtstage, Rechtsdokumente, magische Prozeduren, moralische Epigramme und Gedichte. Eher geringfügig und jedenfalls nicht kategorisierbar, sind die inhaltlich auf den Text bezogenen Glossen. Einige Autoren versuchen eine methodische Differenzierung, je nach den Gegebenheiten ihrer Vorlagen.

Brigitte Mondrain (Traces et mémoire de la lecture des textes: les marginalia dans les manuscrits scientifiques byzantins), die ihre Sporen mit medizinischen Texten verdiente, hat sich hier eine Reihe von mathematischen und astronomischen Texten vorgenommen. In verschiedenen Manuskripten, die sich im Besitz von Gelehrten befanden, hat sie die Stationen von deren Karriere nachvollziehen können. Eine Handschrift mit Texten verschiedener Mathematiker, die offenbar das Arbeitsexemplar eines Gelehrten war, wurde immer wieder zur Hand genommen und erneut mit Glossen versehen. Eine Euklidhandschrift aus dem 12. Jh. wurde über Jahrhunderte hinweg reich kommentiert. Im zweiten Teil des Aufsatzes stellt die Verfasserin Randbemerkungen bekannter Gelehrter wie Maximus Planudes vor. Ein Höhepunkt ihrer Beschäftigung mit Glossen ist die Bekanntschaft mit Jean Staphidakis, einem medizinischen Autor, der sich in den Glossen als identisch erweist mit »Malachias« und »anonymus aristotelicus«.

Henri Hugonnard-Roche (Scolies syriaques au Peri Hermeneias d’Aristote) befasst sich mit einer Aristotelesübersetzung aus der syrischen Blütezeit des 6. bis 9. Jhs. Genaugenommen handelt es sich nicht um Marginalien, sondern um einen abgekürzten Kommentar, quasi in Scholienform, von dem der Verfaser vermutet, dass er als Gedächtnishilfe im Unterricht diente. Dem Aufsatz angefügt sind partielle Übersetzungen mit Erörterung der Scholien.

Wieder um eine philosophische Schrift von Aristoteles geht es Marwan Rashed (Les marginalia d’Aréthas, Ibn a-Tayyib et les dernières gloses alexandrines à l’Organon). Der Verfasser stellt vor allem die erstaunlichen kulturellen Wurzeln des wenig bekannten Kommentators Aréthas von Caesarea (c. 850–c.944) vor, und damit die kulturelle Vielfalt im frühmittelalterlichen Vorderen Orient. Emilie Savage-Smith (Between Reader & Text: Some Medieval Arabic Marginalia) befasst sich mit arabisch geschriebenen, lateinischen Glossen in arabischen Texten, mit arabischen Glossen in lateinischen Texten, mit hebräischen Glossen. Ausgangspunkt ist der Canon der Medizin von Avicenna, der wie kaum ein anderes Werk zu Randbemerkungen eingeladen hat. Von besonderem Interesse sind die lateinischen Marginalien in der Oxforder Handschrift Hunt.202 von al-Masihi, dem größten christlichen Arzt der arabischen Welt und Lehrer von Avicenna. Sieben Seiten Abbildungen belegen die Funde.

Der Spezialist für den hebräischen Euklid, Tony Levy (Le manuscrit hébreu Munich 36 et ses marginalia: un témoin de l’histoire textuelle des Eléments d’Euclide au Moyen Âge) hat sich mit hebräischen Übersetzungen von verschiedenen arabischen Euklidversionen und, etwas später, von lateinischen Euklidübertragungen befasst. Hier stellt er aus einer Münchener Handschrift Partien einer Übersetzung des al-Hağğáğ-Textes aus Buch II vor, die aber teilweise von al-Hağğáğ abweichen, was suggeriert, dass der Verfasser einen kanonischen Text von al-Hağğáğ kennt. Ebenfalls Euklid ist Thema von Wesley Stevens’s (Marginalia in the Latin Euclid), womit er sich auf ein sehr schwieriges Gebiet begibt. Und als ob die Materie nicht schon schwierig genug wäre, wählt er den von Folkerts in seiner Dissertation 1970 publizierten »Boethius I«, der außer Teilen der Elemente (aus Buch I–IV) auch Bruchstücke aus Agrimensorenschriften, sogar nichtmathematische, enthält und auf eine gestörte Vorlage zurückgeht. In den in Appendix A aufgeführten Beispielen von »Glossen zu Euklid« ist der Unterschied zwischen Elementen und Agrimensorenschriften verwischt. Obwohl dem Verfasser bekannt war, dass die Reihenfolge der Seiten in Boethius I gestört ist (Folkerts vermutete, durch falsche Bindung der Vorlage), kam der Verfasser zu dem erstaunlichen Ergebnis, Euklid hätte sich mit Agrimensorenthemen befasst, wie dies Annex A suggeriert.

Anna Somfai (The Brussels Gloss: A Tenth-Century Reading of the Geometrical and Arithmetrical Passages of Calcicius’s Commentary [ca. 400 AC] to Plato’s Timaeus) hat sich die älteste mathematische Glosse (10. Jh.) zum Kommentar von Calcidius zu Platons Timaeus vorgenommen. Der Kommentar enthält Diagramme, die ebenfalls vom Glossator mit Worten und mit weiteren Diagrammen bearbeitet wurden. Diese Glosse erweist das hohe mathematische Niveau des Kommentators. Somfai erörtert, nachdem sie die Glosse ausführlich vorgestellt hat, die Frage nach der Person des Marginalienschreibers. Sie legt dar, warum dafür Abbo von Fleury und Gerbert von Aurillac in Frage kommen. Beiden traut sie genügende mathematische Kompetenz zu. Aus Gerberts Werken geht jedoch eine stärkere Evidenz hervor, die für ihn spricht.

Irene Caiazzo (Mains célèbres dans les marges des Commentarii in Somnium Scipionis de Macrobe), die sich schon länger mit den mittelalterlichen Lesern von Macrobius befasst, hat diesen Aufsatz einigen berühmten Glossenschreibern gewidmet: Loup de Ferrières (Schüler von Hrabanus Maurus), Heiric von Auxerre (Schüler von Loup), Berthold von Moosburg (14. Jh.), Wilhelm von Conches, Petrarca und Marsilius Ficinus. Sie kommt zu dem Schluss, dass derjenige Leser, der an Text- und Rezeptionsgeschichte interessiert ist, wohl mehr von den zahllosen, anonymen Glossen profitiert, als von den hier analysierten, die trotz ihrer individuellen Art sehr einseitig dem Text gegenüber sind.

Marilyn Nicoud (Les marginalia dans les manuscrits latins des Diètes d’Isaac Israëli conservés à Paris) befasste sich wiederum mit einem medizinhistorischen Thema. Die Diätvorschriften befanden sich im gen. Corpus der arabischen Medizintraktate, die im 11. Jh. von Constantinus Africanus ins Lateinische übersetzt worden waren. Sie gehörten zu den entscheidenden medizinischen Lehrbüchern an Universitäten, bis sie vom 1. Buch des Canon von Avicenna verdrängt, aber nie vollständig abgelöst wurden. Die Verfasserin unterscheidet zwei Typen von Glossen: 1. Notizen für die Praxis des Unterrichts und 2. persönliche Erfahrungen. Sie hat beobachtet, dass die Zahl der Glossen mit der Aktualität der Schrift ebenfalls abnimmt.

Mit nicht zu verhehlender großer Erwartung liest man die Ausführungen von Dietrich Lohrmann (Les marges dans les manuscrits d’ingénieurs avant 1450), der nach einer Übersicht über typische »Ingenieurschriften« eine Dreiteilung vornimmt: 1. die - meist kleinformatigen - Notizbücher von Leuten, die sich für Mechanik und Ingenieurleistungen interessieren, 2. Reinschriften solcher Notizen und 3. Prachthandschriften für Fürsten, von denen der Autor als Gegengabe eine Anstellung erhoffte. Der Verfasser stellt einige Manuskripte jedes der Typen vor, wobei den Leser die zahlreichen Angaben über die Lebensumstände der Autoren erfreuen. Während in der 1. Gruppe ganz materiell kein Platz für Marginalien ist, hat der Verfasser aber auch die Ränder der anderen leer gefunden respektive von den Autoren selbst genutzt. Der Verfasser vermutet, dass dies nicht das passende Diskussionspodium für Erfinder und Konstrukteure war.

Robert Goulding (Polemic in the margin: Henry Savile against Joseph Scaliger’s quadrature of the circle) hat sich den sehr geistreichen Randbemerkungen zu Joseph Scaligers (aberwitziger) Schrift über die Quadratur des Kreises (und anderer unlösbarer geometrischer Aufgaben) gewidmet. Der Autor dieser ungedruckten, aber den Zeitgenossen gut bekannten Polemik war Henry Savile, der mehr als 20 Jahre lang in Oxford »sciences« gelehrt hatte und nun Warden des Merton College war. Es gibt von ihm keine mathematischen Publikationen. Savile war angetrieben von der Befürchtung, dass ein mathematisch nicht gebildetes Publikum dem großen Humanisten Scaliger den in dieser Schrift vorgebrachten Unsinn glauben könnte. Auf Saviles Seite standen nicht nur Christoph Clavius (Rom), er wurde sogar von Johannes Praetorius (Altdorf) ausdrückllich zu einer Erwiderung ermuntert! Vom kaustischen Humor Saviles angesteckt, ist Gouldings Aufsatz kurzweilig zu lesen, ganz im Gegensatz zum Urteil der Zeitgenossen, die befanden, sie würden lieber mit Scaliger geistreich irren als mit Clavius im Recht sein.

Der Band schließt mit einem Index der zitierten Manuskripte und einem weiteren Index der alten Autoren, Abschreiber und Besitzer, wodurch der sehr komplexe Inhalt erschlossen wird. Man vermisst nur Informationen über die sehr fleißigen Verfasser der durchweg soliden Aufsätze. Das Buch gehört in jede wissenschaftshistorische Bibliothek, aber auch in die Hände aller, die kulturgeschichtlich interessiert sind.

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In: Francia-Recensio, 2008-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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