B. Haupt, W. G. Busse: Pilgerreisen in Mittelalter und Renaissance (Klaus Herbers)
Barbara Haupt, Wilhelm G. Busse (Hg.),
Pilgerreisen in Mittelalter und Renaissance, Düsseldorf (Droste
Verlag) 2005, 220 S. (Studia humanioria – Düsseldorfer Studien
zu Mittelalter und Renaissance, 41), ISBN 3-7700-0851-0, EUR 22,80.
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Wie Pilgerreisen lange dauern können, so auch die Drucklegung von Ringvorlesungen. Der anzuzeigende Sammelband bietet den Druck einer solchen Ringvorlesung des Forschungsinstituts für Mittelalter und Renaissance an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vom Wintersemester 1997/98! Eine der Beiträgerinnen (Prof. Dr. Dr. Annemarie Schimmel) ist inzwischen verstorben, der Band enthält eine autorisierte Mitschrift des damaligen Vortrags. Vor dem Hintergrund dieser Voraussetzungen zeigt der Band kein in sich geschlossenes Bild, sondern eher einzelne Aspekte zum Thema Pilgerfahrt. Ursula Ganz-Blättler (S. 15–30) beschäftigt sich mit Jerusalem als Pilgerziel, beschreibt die verschiedenen Rituale am Ort unter dem Aspekt »Ich kam, sah und berührte«. Die allgemeine Bedeutung Jerusalems unter den christlichen Pilgerzielen unterstreicht die Tatsache, dass an zahlreichen Orten, wie beispielsweise am heiligen Grab in Görlitz, Ersatzorte entstanden, die das heilige Grab repräsentierten. Die Altmeisterin der Orientalistik, Annemarie Schimmel (S. 31–42), bietet den einzigen Beitrag zu nichtchristlichen Pilgerfahrten. Sie zeichnet in einem souveränen Überblick die Pilgerfahrt nach Mekka sowie die Bedeutung der Kaaba am heiligen Ort nach. Im muslimischen Bereich war das Heiligtum nicht nur ein Ort des Gebetes, sondern ermöglichte vielfachen Austausch.
Die Ursprünge der frühmittelalterlichen Pilgeridee analysiert Josef Semmler (S. 43–65) in einem grundlegenden Aufsatz und skizziert die Vorstellungen der irischen und angelsächsischen Welt zum Ideal der Peregrinatio. Dabei antwortet er überzeugend auf die zentrale Frage, warum gerade im irischen Bereich außerhalb des alten Imperium Romanum die Idee der Peregrinatio rezipiert worden ist, und skizziert zur Beantwortung zwei konkurrierende Strömungen: während das nichtirische Mönchtum des Okzidents der Peregrinatio die Stabilitas entgegensetzte, wurde das Umherziehen für die irischen Mönche ein Prinzip. Erst um 800, als die Stabilitas als exklusive Norm monastischen Lebens definiert wurde, war auch die irische Form der Peregrinatio an ihr vorläufiges Ende gelangt.
Barbara Haupt (S. 67–92) eröffnet den Reigen von drei stärker philologisch argumentierenden Beiträgen; sie untersucht die mitteldeutsche Dichtung von Herzog Ernst (Ende 12., Anfang 13. Jh.) und zeichnet nach, wie eine ursprüngliche Pilgerfahrt eher zu einer Art Entdeckungsreise werden konnte, die auch geographisches und ethnographisches Wissen thematisiert. Hartmut Kokott (S. 93–112) setzt sich mit dem Pilgerbericht des Arnold von Harff aus dem 15. Jh. auseinander. Er nimmt den Verfasser gegen den gelegentlichen Vorwurf der Hochstapelei in Schutz, indem er Berichte der Realität, Erwartung des Publikums und literarische Gestaltung in einen Zusammenhang bringt. Wilhelm G. Busse (S. 113–126) führt auf den Spuren einer geheimnisvollen Dame in die Pilgerwelt des Zentrums Canterbury. Dabei nutzt er in großem Maße die »Canterbury Tales« des englischen Dichters Chaucer (um 1390). Die Geschichten, die eher verschiedene Typen charakterisieren, dienen dem Verfasser zur Beantwortung der Fragen, wie man pilgerte, wer pilgerte und warum man pilgerte.
Heinz Finger (S. 127–145) widmet seine Aufmerksamkeit lokalen Aspekten der Pilgerfahrten nach Düsseldorf und Neuß. Während die Neußer Pilgerfahrt seit dem 11. Jh. zu großer Bedeutung aufstieg, waren die Düsseldorfer Pilgerfahrten eine eher kurzfristige Angelegenheit des 14./15. Jhs. Hans Hecker (S. 147–161) untersucht das Pilgern im katholischen Polen und orthodoxen Russland und setzt sich hier vor allen Dingen mit Gnesen als Pilgerort und den politischen Aspekten der Pilgerfahrt, andererseits mit dem heiligen Nikolaus und dessen Verehrung im orthodoxen Russland auseinander. Abschließend rückt er den Typus der Starzen (bewehrte Mönche), die sich aus dem Kloster zurückgezogen haben und als Eremiten leben, in den Vordergrund. Hans Körner behandelt in seinem kunstgeschichtlichen Beitrag (S. 163–212) Fragen der Rompilgerschaft in der frühen Neuzeit. Im Mittelpunkt steht das Grabmal für Papst Paul III., das durch zwei weibliche Allegorien, die Justitia und die Prudentia, geschmückt war. Um diese Personen rankten sich Variationen einer pikanten Geschichte, die auch mit konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. Jhs. zusammenhängen. Die Bekleidung der Justitia bezieht sich auf eine dieser bekannten Geschichten. Der Versuch von protestantischer Seite, eine Damnatio memoriae Pauls III. zu erreichen, gelang jedoch nur teilweise; ab dem 18. Jh. wurde die Geschichte zunehmend uninteressant. Hans Schadewaldt stellt einige ärztliche Regimina des christlichen Mittelalters vor (S. 213–220), die auch für Pilger auf dem Weg von Vorteil sein konnten, und kündigt eine umfangreiche Untersuchung an (S. 220).
Nach der Lektüre legt man das Buch mit gemischten Gefühlen aus der Hand. Die lange Spanne bis zur Drucklegung hat dazu geführt, dass mehrfach neuere Forschungsergebnisse nicht einbezogen wurden. Dies gilt für die Überlegungen zum Görlitzer Heiligen Grab (S. 27), zu den Untersuchungen über Korbinian und anderen Heiligen des frühen Mittelalters (S. 49), für die Fragen des Reliquienkultes und der Reliquiengläubigkeit im 15. Jh. (S. 109), für die Heribertsvita (S. 130ff.) sowie für andere Aspekte. Die Bemerkungen von Heinz Finger, dass die von ihm vorgestellten rheinischen Pilgerzentren Nebenziele der Aachener Heiltumsfahrt gewesen seien, ist jüngst von Wolfgang Schmidt bestritten worden, für die Hauptkirchen Roms wäre die Arbeit von Nine Miedema auf jeden Fall notwendig, und wenn der letzte Beitrag auf Seite 220 mit den Bemerkungen schließt, dass der Verfasser seine Ergebnisse in einer »besser begründeten, größeren Darstellung weiter bekannt machen will«, so hätte man sich nach acht Jahren durchaus einen Hinweis darauf gewünscht, ob diese umfassende Arbeit inzwischen erschienen ist oder nicht.
Diese Bemerkungen wollen nicht bestreiten, dass die einzelnen Artikel auch wertvolle Anregungen enthalten, sondern sie möchten grundsätzlich zu der allgemeinen Diskussion anregen, inwieweit Ringvorlesungen noch mit einem so großen zeitlichen Abstand zum Druck gebracht werden sollten. Aber da Pilgerfahrten lange Zeit beanspruchen können, Drucklegungen offensichtlich auch, sollte zumindest die Rezension nicht weitere acht Jahre auf sich warten lassen.
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