A. Franzini: La Corse du XVe siècle (Uwe Israel)
Antoine
Franzini, La Corse du XVe
siècle. Politique et société. 1433–1483,
Ajaccio (Éditions Alain Piazzola) 2005, 749 S., ISBN
2-915410-22-4, EUR 28,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Uwe
Israel, Venedig
Die vorliegende umfangreiche Monographie ist die aktualisierte Kurzfassung einer vierbändigen thèse de doctorat von 2003. Sie beginnt mit dem Satz: »Les chroniqueurs de la Corse du XVe siècle ont brossé le tableau d’une période bouleversée par un extraordinaire désordre social et politique« (S. 9). Der Verfasser setzt sich zum Ziel, etwas Ordnung in die Geschichte dieser anarchischen Zeit zu bringen. Mit den Chronisten (besonders dem Notar Giovanni della Grossa, der wohl von 1445 bis 1464 schrieb) sind auch schon die Hauptzeugen für den Untersuchungszeitraum genannt. Dieser leidet unter einer gewissen Quellenarmut – besonders wenn man sich für sozialgeschichtliche Fragen interessiert: »aucun registre de notaire pour la Corse (sinon –et si peu– pour Bonifacio et Calvi), aucun cadastre, aucun ensemble important de pièces judiciaires ou administratives« (S. 13). Immerhin wurde 1994 mit drei Registerbänden der taille aus den Jahren 1454 und 1456 ein wichtiger Fund gehoben, der hier nach allen Seiten hin ausgewertet, gelegentlich aber auch überstrapaziert wird (Migration und Demographie, S. 499–511). Einen interessanten Ansatz verfolgt der Verfasser mit der an zahlreichen Stellen vorgenommenen sozialgeschichtlichen Auswertung eines offensichtlich äußerst aussagekräftigen Verzeichnisses von Türkenkreuzzugsablassgaben von 1456/57. Daneben konnte der Autor eine Fülle weiterer Einzelfunde aus den Archiven in Korsika, Paris und rund ums westliche Mittelmeer zusammentragen (kein Verzeichnis der benutzten Archivalien), die in ausgedehnten Zitaten im Text, in den Anmerkungen und in Anhängen (stets mit Übersetzung) sowie in zahlreichen Auswertungstabellen (kein Verzeichnis) dokumentiert sind (bspw. gewährt uns der Verfasser über die Analyse von Inventaren Einblicke nicht nur in die Rüst-, sondern auch in die Speisekammern korsischer Festungen, S. 412f., 435f.).
Es liegt sicher nicht nur an Quellenarmut und Unübersichtlichkeit der korsischen Geschichte im 15. Jh., dass die Forschung diese Zeit bislang stark vernachlässigte (»véritable lacune historiographique«, S. 9). Es mag sich, wie etwa auch im Falle des Elsass, überhaupt keiner so recht zuständig gesehen haben für die vormoderne und damit »nicht-französische« Geschichte einer Randzone Frankreichs mit separatistischen Tendenzen. Die gebirgige, am Ende des Mittelalters für ihren Waldreichtum bekannte Insel mit strategisch günstiger Lage im westlichen Mittelmeer zwischen der Toskana, Ligurien, der Provence, Frankreich und Katalonien war lange vornehmlich als Zwischenstation und Garant für mediterrane Handelsrouten interessant. Sie blieb durch und durch ländlich geprägt und sehr dünn besiedelt; erst im Jahre 1476 kam es mit Bastia im Nordosten zu einer ersten Stadtgründung. Vor dem Untersuchungszeitraum ist eine Teilung der Insel in zwei campi zu konstatieren, die im 14. und Anfang des 15. Jhs. in ständigem Konflikt miteinander lagen: die im Verbund mit Genua stehende Terra di comune im Norden und die vom Lokaladel beherrschte und von Aragón unterstützte Terra dei signori im Süden. Am Anfang des Zeitraums steht das Ende der Grafschaftsverwaltung mit der Hinrichtung des letzten Grafen Vincentello d’Istria, am Ende die dauerhafte Verwaltung der Insel durch die Casa di San Giorgio, die alte Staatsbank von Genua (nachdem eine erste Übernahme im Namen der Superba im Jahre 1453 Episode geblieben war). Das besondere Interesse gerade an diesen fünf Jahrzehnten von 1433 bis 1483 liegt in ihrer Bedeutung innerhalb des langen, von 1358 bis 1569 währenden Prozesses, in dem sich Genua am Ende erfolgreich darum bemühte, Korsika seinem dominio anzuschließen.
Zur Beantwortung der zahlreichen Fragen, die sich der Verfasser stellt: »À qui confier le pouvoir de commander et comment se soumettre? À qui obéir ou à qui s’opposer? Comment choisir entre la liberté et la paix, comment abandonner l’honneur pour le profit? Jusqu’où peut-on accepter la contrainte et à quels modèles s’identifier? Comment vivre ensemble, enfin, dans quels villages, dans quelle ville, au sein de quelles paroisses?« (S. 13), wählt er drei Herangehensweisen, die sich auch in den drei Teilen des Buches niederschlagen: eine politikgeschichtliche (Formen der Herrschaft und der Unterwerfung), eine verfassungsgeschichtliche (Formen der Verwaltung, wobei auch die kirchlichen Institutionen ihre Berücksichtigung finden) sowie eine sozialgeschichtliche (Findung der Gesellschaft). Die Suche nach Modernität in Korsika bleibt allerdings für das 15. Jh. vergeblich: Trotz der räumlichen Nähe und den Verbindungen zu Zentren der Renaissance findet der Verfasser am Ende »une société encore profondément ancrée dans l’univers médiéval« (S. 13). Bedauerlich, dass die vielfältigen Ergebnisse dieser Studie, die die Geschichte der Mittelmeerinsel in einer entscheidenden Phase ihrer Entwicklung in vielen Punkten erhellt, am Ende nicht zusammengefasst werden.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

