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J.-P. Devroey: Économie rurale et société dans l'Europe franque (VIe-IXe siècles) (Ulrich Nonn)

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Jean-Pierre Devroey, Économie rurale et société dans l’Europe franque (VIe–IXe siècles). Tome 1: Fondements matériels, échanges et lien social

Francia-Recensio 2008/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Jean-Pierre Devroey, Économie rurale et société dans l’Europe franque (VIe–IXe siècles). Tome 1: Fondements matériels, échanges et lien social, Paris (Éditions Belin) 2003, 382 S. ISBN 2-7011-2618-5, EUR 21,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ulrich Nonn, Bonn

Da das Buch erst 2007 die Redaktion erreichte, erfolgt erst jetzt die Besprechung. – Devroey legt mit diesem Werk, dessen ersten Band es hier vorzustellen gilt, die Summe seiner jahrzehntelangen Forschungen zur frühmittelalterlichen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, insbesondere zu den Polypticha, vor; das Literaturverzeichnis nennt allein 28 Arbeiten aus seiner Feder. »L’étude de l’économie et celle de la société ne peuvent être séparées« (S. 5): Dieser erste Satz des Vorworts bildet praktisch das Leitmotiv des Buches, denn Devroey sieht bei aller Wertschätzung der wichtigen Rolle der Sozialgeschichte des frühen Mittelalters die Wirtschaftsgeschichte ein wenig ins Hintertreffen geraten; angeblich hat sie seit Marc Bloch ihren Rang verloren. Und er warnt vor der Gefahr eines »sociologisme qui étudierait le fait social en dehors de son environnement économique« (S. 311).

Nach einer allgemeinen Einführung in den gewählten Untersuchungsraum (»l’Europe franque«) und der Begründung der gesteckten zeitlichen Grenzen (6.–9. Jahrhundert) widmet sich das erste Kapitel dem Naturraum und seinen Veränderungen und kombiniert in vorbildlich interdisziplinärer Weise Ergebnisse historischer und archäologischer Forschung wie auch der Paläoklimatologie, der Paläobotanik sowie der Onomastik. An konkreten Beispielen (Auvergne, Ardennen, Odenwald) zeigt er die erschließbaren Veränderungen auf. Im zweiten Kapitel »La population« prüft Devroey kritisch die bisherigen Ergebnisse der quantifizierenden Demographie, denen er eine einseitige Ausrichtung auf die Polypticha (die er ja bestens kennt) vorwirft; er fordert erneut die Interdisziplinarität, hier vor allem die Auswertung der Ergebnisse der Epidemologie und der Paläodemographie. So registriert er für das 6. Jh. ein Zusammentreffen von Klimaverschlechterung, Hungersnöten und Viehseuchen, Pest im Osten und Tuberkulose in Nordgallien und spricht geradezu von »les calamités du VIe siècle« (S. 44), die allzu oft vergessen oder zumindest unterschätzt werden. Die Zukunft gehört seiner Überzeugung nach einer »démographie qualitative, qui cherche à percevoir comment l’homme se portait et à reconstituer des structures familiales ou des comportements démographiques« (S. 48).

Im dritten Kapitel »Production et productivité« stellt Devroey zunächst allgemein die begrenzten Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Produktion im Frühmittelalter vor und betont die »tyrannie des blés« (S. 80): Für die Menschen der vorindustriellen Zeit hat man einen Getreideverbrauch zwischen 800 g und 1 kg pro Person und Tag errechnet. Die zentrale Rolle des Waldes für die Ernährung von Mensch und Haustier und als Holzlieferant wird eindrücklich an Beispielen demonstriert, gefolgt von einer ausführlichen Behandlung der Anbausysteme, der landwirtschaftlichen Geräte und Zugtiere. Die seit je konstatierten geringen Erträge frühmittelalterlichen Ackerbaus werden vor dem Hintergrund höchst widersprüchlicher Ergebnisse der bisherigen Forschung diskutiert; auch hier verlangt Devroey wieder die Berücksichtigung nicht nur der schriftlichen Quellen (Inventare, Polypticha), um zu zeitlich und regional differenzierten Erkenntnissen zu gelangen. Kürzere Abschnitte zum Handwerk, zu Mühlen und Brauereien und zum Weinbau runden das Kapitel ab.

Das vierte, ausführlichste Kapitel »Les valeurs de l’échange« widmet sich zunächst dem Handel, den verschiedenen Marktformen, den verschiedenen Händlertypen und dem Kreditgeschäft, um dann ausführlich das Geldwesen der Epoche (mit Vorstellung der Münzstätten, der Monetare, der Prägetypen) und die wachsende Rolle des Geldhandels im Verhältnis zum Tauschhandel darzustellen. Dabei warnt er mit einem Zitat von Philippe Grierson vor einer vorschnellen Überbewertung von Münzfunden: »Nous trouvons des monnaies et nous pensons tout de suite: commerce« (S. 158). Besonders anregend erscheint mir das Unterkapitel »Dons et échanges«: Devroey entwirft hier ein breites Panorama der verschiedensten Formen von Abgaben, freiwilligen Gaben, Tausch – frei von Profitinteressen, sondern dem sozialen Ansehen und/oder der Sorge für das Seelenheil dienend. Primär aber geht es natürlich um die Lebenssicherung des Einzelnen; unter dem Schlagwort »L’homme est ce qu’il mange« (S. 208) kehrt Devroey zu Verbrauch, Essen und Trinken der verschiedenen sozialen Schichten im Alltag zurück.

Die drei letzten, kürzeren Kapitel behandeln die Verteilung des Reichtums der Epoche, der mangels Quellen kaum zu quantifizieren ist. Welche Ressourcen dem Königtum bzw. dem »Staat« zur Verfügung standen (mit ausführlicher Diskussion der Fiskalismus-Debatte), welche Bedeutung Steuern, Zöllen, Friedensgeldern und anderen Abgaben zukam, erörtert das sechste Kapitel, während das letzte Kapitel an ausgewählten Beispielen (besonders Testamente) die privaten und kirchlichen Vermögen untersucht. Seine Schlussbetrachtung überschreibt Devroey ausdrücklich als »Conclusions intermédiaires« – schließlich ist ja ein zweiter Band angekündigt. Das dort vorangestellte Pirenne-Zitat mag auch für den Autor gelten: »Si j’étais antquaire, je n’aurais d’yeux que por les vieilles choses. Mais je suis un historien, c’est pourquoi j’aime la vie« (S. 311).

Devroeys Buch ist als ein Band der Studienbuch-Reihe »Belin Sup Histoire« erschienen. Ausdrücklich seien seine didaktischen Qualitäten hervorgehoben. Jedes Kapitel wird mit einem kurzen Text eingeleitet; in die Unterkapitel sind jeweils Kästen in farblich abgesetztem Druck eingeschaltet, die Einzelbeispiele näher vorstellen, wobei sowohl Quellenstellen wie Zitate aus der Forschungsliteratur angeführt werden. Nützlich – insbesondere für Studierende – sind die Begriffserläuterungen, die mit Asteriscus jeweils unter dem Text folgen (häufig auch mit Literaturhinweisen). Begegnet ein Begriff erneut im Text, wird er wiederum mit Asteriscus versehen und am Rand auf die Seite der entsprechenden Erläuterung verwiesen – ein sinnvolles Zugeständnis an die Vergesslichkeit. Eine Fülle von Abbildungen, Karten, Tabellen und Grafiken ergänzen die Darstellung. Ein Anmerkungsteil, ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis (30 Seiten!), das erfreulicher Weise auch zahlreiche deutsche Titel (korrekt zitiert!) enthält, sowie ein Namen- und Sachregister beschließen den Band. Allerdings wäre der Eindruck, dass es sich hier um ein reines Lern- und Studienbuch für Studierende und Examenskandidaten handelt, völlig irreführend; dafür erscheint es mir teilweise sogar zu ausführlich und anspruchsvoll. Die intensive, engagierte Auseinandersetzung mit der Forschung, die Vorstellung der Ergebnisse mancher dem »Normalhistoriker« sehr fernliegender Disziplinen, die vielen eigenen Beobachtungen des Autors und der häufige Hinweis auf offene Fragen empfehlen das Werk als eine gewinnbringende Lektüre gerade auch den Fachgenossen.

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J.-P. Devroey: Économie rurale et société dans l'Europe franque (VIe-IXe siècles) (Ulrich Nonn)
In: Francia-Recensio, 2008-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-3/MA/Devroey_Nonn
Dokument zuletzt verändert am: Feb 24, 2012 04:00 PM
Zugriff vom: May 23, 2012