M.-M. de Cevins, J.-M. Matz: Formation intellectuelle et culture du clergé dans les territoires angevins (Stefan Weiß)
Formation intellectuelle et culture du clergé
dans les territoires angevins. (Milieu du XIIIe
– fin du XVe
siècle), sous la dir. de Marie-Madeleine de Cevins et de Jean-Michel
Matz, Rom (École française de Rome) 2005, 382 S., ISBN
2-7283-0715-6, EUR 47,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Stefan Weiß, Paris
Zu den lange Zeit fast vergessenen Herrscherhäusern des Mittelalters gehört das Haus Anjou, das im späten Mittelalter die Monarchen und Herrscher so unterschiedlicher Reiche wie Neapel, Ungarn und der Provence stellte. Wie die Herausgeber in der Einleitung (S. 1–7) resümierend feststellen, ist aber in den letzten Jahren ein erwachendes Interesse an diesem Thema zu verzeichnen: eine Reihe neuer Forschungen sind erschienen, wie auch diverse Tagungen über die Anjous abgehalten worden. Der vorl. Band vereint die Beiträge eines am 15. und 16. November 2002 in Angers gehaltenen Kolloquiums über das im Titel genannte Thema. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis legt auch erste Kritik nahe: Jede der Einzelstudien befasst sich lediglich mit einem der genannten Territorien; die Aufgabe, Vergleiche zwischen ihnen zu ziehen, wird dem Leser überlassen.
Die erste Sektion des Bandes ist der Kultur des Klerus in den entsprechenden Ländern gewidmet: Francesco Panarelli gibt einen skizzenhaften Überblick über »La cultura die monaci del Regno di Napoli« (S. 9–21), der einmal mehr beweist, dass das spätmittelalterliche Mönchtum sehr wenig erforscht ist. Gleiches gilt für den Beitrag von Sarolta Homonnai, »La culture des bénédictins hongrois au XIVe siècle« (S. 23–33), welche im Westen wenig bekannte ungarische Literatur auswertet. Hervorgehoben seien ihre Ausführungen über die Rolle der Klöster als loca credibilia; es handelte sich dabei um eine ungarische Spezialität, nach der solche loca berechtigt waren, auch in fremder Sache rechtsgültige Urkunden auszustellen. Sie nahmen damit eine ähnliche Position wie die Notariate im übrigen Europa ein. Gabor Sarbak, »La formation intellectuelle des Ermites de Saint-Paul en Hongrie à l’époque angevine« (S. 35–46), zeigt, wie sich ein Eremitenorden, der gelehrten Studien zunächst eher ferngestanden hatte, sich unter dem Einfluss der Dominikaner der Schriftkultur zu öffnen begann. Ein differenziertes Bild vom Stand der Kultur des Pfarrklerus in Ungarn bietet Marie-Madeleine de Cevins, »La formation du clergé paroissial en Hongrie sous les rois angevins« (S. 47–78). Das Niveau sei insgesamt wohl nicht sehr hoch gewesen, indes kann die Autorin Indizien aufzeigen, die auf eine Verbesserung in ihrem Untersuchungszeitraum hindeuten.
Kinga Körmendy, »Le formation universitaire des chanoines cathédraux d’Esztergom aux XIVe et XVe siècles« (S. 79–87). Das Erzbistum Exztergom war seit jeher das Zentrum der ungarischen Kirche; der Bildungsstand seiner Kanoniker dürfte der beste im Reich der Arpaden und dann der Anjous gewesen sein. Die Autorin kann aufzeigen, dass sie in erstaunlich großer Zahl eine universitäre Ausbildung genossen hatten. Pierre Pégeot, La culture des chanoines de Toul à la fin du Moyen Âge. Esquisse d’une enquête (S. 89–94), fasst die Ergebnisse prosopographischer Studien über die Kanoniker von Toul zusammen. Der Zusammenhang mit dem Hause Anjou bleibt im Dunkeln. Dass die Anwesenheit des Papsttums in der Provence der Qualität ihrer Bischöfe nicht unbedingt zugutekam, zeigt Thierry Pécout, »Une technocratie au service d’une théocratie. Culture et formation intellectuelle des évêques de Provence (milieu du XIVe siècle)« (S. 95–116). Die provenzalischen Bistümer wurden eher zu Durchgangsstationen für kuriale Karrieren.
Die thematisch anschließende Studie von Vincent Tabbagh, »Formation et activités intellectuelle des évêques d’Anjou, du Maine et de Provence à la fin du Moyen Âge« (S. 117–137), zeigt immerhin, dass die provenzalischen Bischöfe über einen hohen Bildungsstand verfügten.
Der zweite Abschnitt widmet sich den kirchlichen Bibliotheken, deren Bestände sich oft ermitteln lassen. Der Besitz von Prälaten – einschließlich seiner Bücher – kam infolge des päpstlichen Spolienrechts häufig in den Besitz der Kurie und wurde von den päpstlichen Kollektoren inventarisiert; die Inventare sind meist erhalten und werden seit einigen Jahren intensiv erschlossen. Eher ärmliche Buchbestände konstatiert Isbelle Heullant-Donat, »Les livres dans les dépouilles des prélats d’Italie du Sud au XIVe siècle« (S. 139–159), in Süditalien. Im krassen Gegensatz dazu stehen die von Noel Coulet, Trois bibliothèques d’archevêques d’Aix-en-Provence dans la seconde moitié du XIVe siècle (S. 161–171) beschriebenen Bibliotheken, die allerdings auch in der Provence eher Ausnahmen waren. Gleiches gilt für die Studie von Donatella Nebbiai-Dalla Guarda, »Les livres de l’évêque Guillaume Ribot († 1257) à Saint-Vincent de Marseille« (S. 173–184). Die Organisation einer spätmittelalterlichen Bibliothek versucht Jean-Michel Matz, »La bibliothèque du chapitre cathédral d’Angers d’après l’inventaire de 1472« (S. 185–220), zu rekonstruieren. Eher bescheidene Bestände konnte Edit Madas, »Les bibliothèques des chapitres de Veszprém de Presbourg et de Zagreb d’après leurs inventaires« (S. 221–230) feststellen.
Dem kirchlichen Milieu im weitesten Sinne ist schließlich der dritte Teil gewidmet: Zunehmende Spannungen zwischen den Franziskanern und dem Haus Anjou konstatiert Marc Boriosi, »Cultures franciscaines en Provence angevine (v. 1250–v.1300)« (S. 231–252). Einem franziskanischen Theologen widmet sich Marie Barbu, »La formation universitaire et l’univers culturel de Francois de Meyronnes« (S. 253–263); einem bekannten Philosophen Anne Reltgen-Tallon, »L’Italie angevine, laboratoire des études dominicaines? L’enseignement de Thomas d’Aquin à Naples (1272–1273)« (S. 265–275). Die diffizilen Beziehungen Thomas’ von Aquin zum Hof von Neapel behandelt Jean-Paul Boyer, »Sapientis est ordinare. La monarchie de Sicile-Naples et Thomas d’Aquin (de Charles Ier à Robert)« (S. 277–312). Insgesamt 18 Kleriker hat die Provence zum Konzil von Pisa entsandt; dass es sich um die intellektuelle Elite der Grafschaft handelte zeigt Hélène Millet, »La culture des clercs angevins et provencaux envoyés au concile de Pise (1409)« (S. 313–338).
Die von Jacques Verger verfassten »Conclusions« (S. 339–343) sowie ein Namen- und Ortsindex schließen den Band ab. Fazit: Man findet eine Anzahl lesenswerter Einzelstudien; der rote Faden freilich, der sie verbinden sollte, ist sehr dünn und zuweilen kaum auffindbar.
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