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G. Beech: Was the Bayeux Tapestry Made in France? (Sabine Teubner-Schoebel)

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George Beech, Was the Bayeux Tapestry Made in France. The Case for Saint-Florent of Saumur

Francia-Recensio 2008/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

George Beech, Was the Bayeux Tapestry Made in France. The Case for Saint-Florent of Saumur, Basingstoke (Palgrave Macmillan) 2005, XII–142 p., ISBN 1-4039-6670-2, GBP 40,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Sabine Teubner-Schoebel, Kirchdorf bei Greifswald

Viel ist darüber geschrieben und diskutiert worden, wer den Teppich von Bayeux in Auftrag gegeben haben und wo er entstanden sein könnte. Mehr oder weniger einhellige Meinung war lange Zeit, dass Bischof Odo von Bayeux, ein Halbbruder Wilhelms des Eroberers, der Auftraggeber sei, und dass der Teppich um 1077 in England, möglicherweise in der Abtei St. Augustine in Canterbury, gefertigt worden sein müsste1. Dagegen sprach sich 1994 Wolfgang Grape aus und plädierte für Bayeux als Entstehungsort2, eine These, die Richard Gameson 1997 überzeugend widerlegte3. In der hier zu besprechenden Schrift stellt der emeritierte Professor für mittelalterliche Geschichte der Western Michigan University eine völlig neue Hypothese vor: er sammelt Argumente dafür, dass der Teppich von Bayeux in der Abtei Saint-Florent in der Nähe von Saumur an der Loire entstanden sein könnte. Zugunsten dieser zunächst abwegig erscheinenden Vermutung argumentiert er auf verschiedenen Ebenen:

Im 11. Jh. existierte in der Abtei eine bedeutende textile Werkstatt;

zwischen Wilhelm dem Eroberer und Abt Wilhelm von Saint-Florent bestanden nachweislich intensive Beziehungen;

künstlerische Parallelen zwischen dem Teppich von Bayeux und romanischer Kunst in Westfrankreich sind nachweisbar;

die Rolle Abt Wilhelms von Saint-Florent bei der Expedition in die Bretagne (Dol) lässt die entsprechende Episode auf dem Teppich in einem neuen Licht erscheinen;

mit dem Herstellungsort Saint-Florent ließe sich die Erwähnung des Teppichs im Gedicht des Baudri de Bourgeuil erklären.

Diese unzusammenhängenden und für sich genommen wenig aussagekräftigen »Mosaiksteine« fügt Beech zu einem Gesamtbild zusammen, das zwar nicht alle Zweifel über den Herstellungsort des Teppichs aus dem Weg räumen kann, jedoch in seinen Einzelheiten durchaus bedenkenswert ist. Die Frage, warum bisher noch niemand die Idee geäußert habe, dass der Teppich in Saint-Florent entstanden sein könnte, beantwortet Beech vor allem damit, dass sich aus der Werkstatt keine textilen Gegenstände erhalten haben und das reiche Quellenmaterial der Abtei vorwiegend unediert vorliegt, so dass Recherchen mit großem Aufwand verbunden sind.

Zu den Argumenten im Einzelnen: In den Ausführungen zur textilen Werkstatt von Saint-Florent im 11. Jh. (The Textile Workshop at Saint-Florent in the Eleventh Century, S. 9–17) stützt sich Beech auf die Historia Sancti Florentii Salmurensis, eine von verschiedenen Autoren verfasste Chronik. Sie wurde 1869 auf der Grundlage eines zwischen dem 12. und 15. Jh. kompilierten Chartulars der Abtei ediert. Bei der Schilderung des Abbatiats von Robert von Blois (985–1011) ist ein umfangreicher Abschnitt seiner Ausschmückung der Abteikirche mit Skulpturen, Wandbehängen und liturgischen Gewändern gewidmet. Sowohl die Materialien als auch die Motive sind in vielen Fällen detailliert beschrieben und (trotz der zeitlichen Differenz) z. T. mit dem Teppich von Bayeux vergleichbar. Aus der Schilderung geht hervor, dass die Textilien in der Abtei selbst hergestellt wurden, sogar von einer Auseinandersetzung zwischen den männlichen Handwerkern und dem Cellerar ist die Rede. Der Autor, wohl selbst ein Mönch aus Saint-Florent, bemerkt, dass die Kunstwerke bis zur Zeit des Abtes Wilhelm (1070–1118) zu besonderen Festtagen in der Kirche benutzt wurden und offensichtlich den Brand der Abtei von 1026 unbeschadet überstanden hatten. Der Autor berichtet nicht darüber, ob in der mutmaßlichen Entstehungszeit des Teppichs von Bayeux in der Werkstatt gearbeitet wurde, jedoch sind Aktivitäten noch aus der Zeit des Abtes Matthieu (1125–1155) belegt.

Zum Verhältnis zwischen Wilhelm dem Eroberer und Abt Wilhelm von Saint-Florent (The Relationship between William the Conqueror and Abbot William of Saint-Florent of Saumur, S. 19–31) betont Beech, dass die Abtei Saint-Florent durch Erwerb bzw. Schenkung von Pfarrkirchen, einem Priorat, Ländereien und Renten in der Normandie in der zweiten Hälfte des 11. Jhs. in diesem Herzogtum größere Präsenz zeigte als beispielsweise Cluny, Saint-Benoit-sur-Loire oder Saint-Denis. Zwölf Urkunden, in denen Herzog Wilhelm und seine Gemahlin Mathilde als Schenker, Zeugen oder Berater auftreten, belegen einen engen Kontakt zum Herzogshaus. Dieser Kontakt rührt vermutlich aus der Nachbarschaft des Herzogtums mit der Heimat des Abtes Wilhelm, der ein Sohn des Rivallon von Dol in der Bretagne war. Bereits Letzterer tritt als Zeuge in einer Urkunde Herzog Wilhelms von 1063 auf und unterstützte den Herzog maßgeblich bei der Expedition in die Bretagne 1064, die gegen die Belagerung von Dol durch Conan gerichtet war. Möglicherweise ist die rasche Klosterkarriere Wilhelms, die aktive Bautätigkeit während seines Abbatiats, die Bedeutung der dortigen Klosterschule sowie die Vermehrung des Klosterbesitzes in der Normandie und vor allem auch in England Zeichen für die Verbundenheit des normannischen Herzogs bzw. späteren englischen Königs mit dem Abt von Saint-Florent.

Dass Wilhelm der Eroberer auch den Teppich von Bayeux dort in Auftrag gegeben haben könnte, beschreibt Beech im folgenden Kapitel (Saint-Florent of Saumur and the Commissioning of the Bayeux Tapestry, S. 33–36). Argumente hierfür sieht Beech vor allem in der Bekanntschaft von Herzog Wilhelm und Abt Wilhelm von Saint-Florent. Er hält es für möglich, dass der Herzog durch den Abt auf die Qualität der Stickarbeiten der Abtei aufmerksam geworden sein könnte; denkbar wäre ebenfalls Dankbarkeit für die Unterstützung, die Herzog Wilhelm von Rivallon von Dol (Abt Wilhelms Vater) im Feldzug gegen Conan erfahren hatte. Als Zeitpunkt der Herstellung des Teppichs wäre die Spanne von 1070 (Beginn von Wilhelms Abbatiat) und 1083 (in diesem Jahr enden die Begünstigungen von Saint-Florent durch König Wilhelm) anzunehmen, was auch mit anderen Datierungen in Einklang zu bringen ist. Auch in kunsthistorischer Sicht lässt sich der Teppich von Bayeux mit Skulpturen, Handschriftenilluminationen und Wandmalereien im Anjou und Poitou des 11. Jhs. vergleichen (The Bayeux Tapestry and Romanesque Art in Western France, S. 37–60), besonders zu einigen Szenen des Josef-Zyklus in Saint-Savin-sur-Gartempe sind Parallelen erkennbar. Als besonderes Detail verweist Beech auf die Löwenschwänze, die häufig der englischen Tradition zugeordnet werden, aber auch in Kapitellen mehrerer Kirchen des Poitou, in Tours, Surgères und Saint-Florent selbst Vorbilder gehabt haben können.

Der bereits erwähnten Unterstützung Herzog Wilhelms durch Rivallon von Dol im Feldzug gegen Conan und der möglicherweise daraus resultierenden Förderung der Abtei Saint-Florent widmet Beech in seiner Argumentation breiten Raum (The Breton Campaign in the Bayeux Tapestry and Abbot William of Saint-Florent of Saumur, S. 61–88). Insbesondere wird die Darstellung dieses Feldzugs auf dem Teppich untersucht, die mit sechs Szenen ungefähr ein Zehntel der gesamten Bildgeschichte einnimmt. Ein Vergleich der Darstellung auf dem Teppich mit den Gesta Guillelmi ducis Wilhelms von Poitiers zeigt große Abweichungen, wobei der Teppich in Bild und Beschriftung bessere Vertrautheit mit topographischen, architektonischen und historischen Gegebenheiten erkennen lässt. Auch die Erwähnung des Mont Saint-Michel zu Beginn des Feldzugs, die bei Wilhelm von Poitiers fehlt, mag auf die engen Beziehungen zwischen Rivallon von Dol und dieser Abtei verweisen.

Als Letztes widmet sich Beech der Beschreibung eines Teppichs im Gedicht von Baudri de Bourgeuil an die Tochter Wilhelms des Eroberers, Gräfin Adela von Blois (The Saint-Florent Hypothesis and Baudri of Bourgeuil’s Poem to Countess Adèle, S. 89–90). Bisher war schwer erklärbar, in welchem Zusammenhang der Dichter den Teppich von Bayeux, den er offenbar beschreibt, gesehen und ausführlich studiert haben könnte. Nimmt man Saint-Florent als Herstellungsort des Teppichs an, hätte Baudri ohne weiteres Zugang zum Teppich haben können, denn Bourgeuil, wo der Dichter von 1089 bis 1107 als Abt regierte, liegt nur 25 km von Saint-Florent entfernt. Kontakte, ja sogar freundschaftliche Verbindungen der beiden Äbte von Bourgeuil und Saint-Florent sind belegt. Möglicherweise spielte Wilhelm auch eine Rolle bei der Wahl Baudris zum Erzbischof von Dol 1107.

In seiner Zusammenfassung (Conclusion, S. 91–102) geht Beech auf mögliche Gegenargumente zu seiner Hypothese ein, ist ihm doch selbst die Unkonventionalität seiner Gedanken bewusst. Abermals führt er den geringen Bekanntheitsgrad der zahlreichen unveröffentlichten Quellen der Abtei ins Feld, um zu belegen, warum Saint-Florent nicht früher ins Blickfeld der nach der Herkunft des Teppichs von Bayeux Forschenden geraten konnte. Ein Hauptargument der Gegner seiner These dürfte der Verweis auf den Einfluss sein, den Handschriften der Abtei St. Augustine’s in Canterbury offensichtlich auf die Gestaltung des Teppichs hatten. Beech hält – ohne diesen Einfluss zu leugnen – dagegen, dass der Teppich nicht zwangsläufig auch dort hergestellt sein müsste und ebenso ein Austausch von Künstlern denkbar sei, wie er für diese Zeit zwischen England und Frankreich häufig belegt ist. Auch die Möglichkeit, dass der Teppich in Canterbury entworfen und in Saint-Florent gefertigt wurde, zieht Beech in Betracht, wie auch Gameson die Trennung dieser beiden Arbeitsschritte annimmt.

Doch wo bleibt Bischof Odo von Bayeux in Beechs Argumentation, der doch im Allgemeinen als Auftraggeber des Teppichs angenommen wird? Beech zeigt, dass die Beziehungen zwischen Wilhelm dem Eroberer und Abt Wilhelm von Saint-Florent viel besser nachzuweisen sind als diejenigen zwischen Bischof Odo und St. Augustine’s. Dass Odo auf dem Teppich häufig (viermal) zu sehen ist, muss nicht unbedingt auf seine Beziehungen zu Canterbury anspielen, sondern kann ebenso auf seinen Bekanntheitsgrad in Saumur durch den Besitz der Abtei in der Normandie verweisen.

In zwei Anhängen vertieft Beech Argumentationen aus den vorigen Kapiteln; sie beschäftigen sich mit der Wahl Wilhelms Fitz Rivallon zum Abt von Saint-Florent 1070 (Appendix A: William the Conqueror and the Selection of William Fitz Rivallon as Abbot of Saint-Florent of Saumur, June 28, 1070, S. 103–105) und der Frage, ob auch Königin Mathilde den Teppich von Bayeux in Auftrag gegeben haben könnte (Appendix B: Could Queen Mathilda have commissioned the Bayeux Tapestry?, S. 105–110).

Muss die Herstellungsgeschichte des Teppichs von Bayeux nun neu geschrieben werden? Die umfangreiche Besprechung des schmalen Bändchens zeigt, dass Beechs Argumentation komplex ist und in ihren Bezügen aufeinander bedacht werden muss. Für die hier vorgestellte Hypothese spricht eben gerade der gründliche und gewissenhafte Blick auf verschiedene Ebenen: das Vorhandensein einer textilen Werkstatt, die Herkunft des Abtes und seine Beziehungen zu Herzog Wilhelm sowie kunsthistorische Parallelen. Den Fokus auf eine Abtei an der Loire zu richten und über die Herstellung des Teppichs von Bayeux dort nachzudenken, mag überraschend und unkonventionell sein – aber keineswegs ohne Aussicht darauf, dem Entstehungsort des Kunstwerks nahe zu kommen. Ob man dem Plädoyer des Verfassers folgen mag oder nicht – ihm gebührt auf jeden Fall das Verdienst, neue Perspektiven eröffnet zu haben, an denen man in Zukunft schlecht vorbeischauen kann. Weitere Gewissheit könnten schließlich die von Beech angemahnte Erforschung des unedierten Quellenmaterials der Abtei Saint-Florent sowie eine Analyse des Teppichs mit Hilfe moderner naturwissenschaftlicher Untersuchungsmethoden erbringen, die Rückschlüsse auf die Herkunft des verwendeten Leinens und der Wollfäden zulässt4.

1 Zusammengefasst bei David M. Wilson, Der Teppich von Bayeux, Frankfurt/Main, Berlin 1985, S. 212.

2 Wolfgang Grape, Der Teppich von Bayeux. Triumphdenkmal der Normannen, München, New York 1994.

3 Richard Gameson (Hg.), The Study of the Bayeux Tapestry, Woodbridge 1997.

4 Dies war 1982/83, als der Teppich vor seiner Präsentation im Centre »Guillaume le Conquérant« mikrobiologisch untersucht wurde, noch nicht möglich; auch Brigitte Oger vermutet, dass mit heutigen Untersuchungsmethoden die Herkunft des Leinens und der Wolle bestimmt werden könnte: Brigittte Oger, Le bilan de l’expertise scientifique (1982–1983), in: La Tapisserie de Bayeux: l’art de broder l’Histoire. Actes du colloque de Cerisy-la-Salle (1999), publiés par Pierre Bouet, Brian Levy et François Neveux, Caen 2004, S. 117–123, hier S. 123.

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In: Francia-Recensio, 2008-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Oct 29, 2008 10:22 PM
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