M. Aurell (Hg.): Le médiéviste et la monographie familiale (Malte Prietzel)
Le médiéviste et la monographie
familiale: sources, méthodes et problématiques. Éd.
par Martin Aurell, Turnhout (Brepols) 2005, 310 S. (Histoire de
famille. La parenté au Moyen Âge.), ISBN 2-503-51737-4,
EUR 50,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Malte Prietzel, Springe/Berlin
Die Geschichte einzelner Familien ist zwar seit jeher ein Gegenstand der Historiographie, doch ist die Erforschung von Familien von einer strukturgeschichtlich geprägten Geschichtswissenschaft lange vernachlässigt worden, wie Martin Aurell in seiner Einführung zu diesem Werk ganz zu Recht betont. Um die Beschäftigung mit diesem Thema zu fördern, vereint der vorl. Band Beiträge von 18 Autorinnen und Autoren. Hinsichtlich ihres Vorgehens wie ihres Ertrages sind diese Aufsätze ganz unterschiedlicher Natur. Einige legen den Schwerpunkt auf methodische Erwägungen, andere auf inhaltliche Ergebnisse. Mehrere Beiträge gründen auf einer schon abgeschlossenen thèse, fassen deren Ansatz oder Ergebnisse zusammen und bleiben dann oft unkonkret und etwas steril. Andere gehen aus noch laufenden größeren Projekten hervor und können dementsprechend häufig noch keine weitreichenden Erträge präsentieren.
Was die Methodik angeht, so herrscht unter den Autoren Einigkeit, dass sich Familiengeschichte nicht in Genealogie erschöpfen darf, sondern man zu sozial- und strukturgeschichtlich relevanten Sachverhalten vorstoßen muss. Engagiert und umsichtig beschreibt Pierre Savy die Ziele: Als Fallstudie biete die Geschichte einer Familie die Gelegenheit, ihren Gegenstand in allen Aspekten zu erfassen, damit die Auswirkungen genereller Entwicklungen am konkreten Beispiel aufzuzeigen, zugleich aber auch die strukturgeschichtliche Sichtweise zu korrigieren. Es ergibt sich von selbst, dass man zur Erreichung des Zieles unterschiedlich vorgehen kann und dies je nach den Gegebenheiten auch muss. Wenn in einzelnen Beiträgen geschildert wird, welchen methodischen Ansatz ihre Autoren für eine größere Studie gewählt haben, ist dies dementsprechend weniger von grundsätzlichem Nutzen für weitere Forschungen, als dass es die Vielfalt der möglichen Vorgehensweisen und Zielrichtungen belegt.
Inhaltlich überwiegen naheliegenderweise bei weitem die Beiträge zum Adel, also zu jener Gesellschaftsschicht, die aufgrund ihres herausgehobenen sozialen Ranges am besten dokumentiert ist. Behandelt werden der anglonormannische Adel zwischen 1066 und 1204 (Kathleen Thompson), zwei allgemeine Phänomene im Zusammenhang mit Heiraten, nämlich zum einen die Beobachtung, dass Adelsfamilien Töchter oft an Söhne weniger wohlhabender Familien verheiraten, zum anderen die Frage, wann und wie Namen und Titel von Linien, die im Mannesstamm ausgestorben sind, vom Mann der Erbtochter übernommen werden (Michel Nassiet), die katalanische Familie Cardona im 10.–13. Jh. (Francesc Rodríguez-Bernal), die Urkundenausstellung durch Adlige im Königreich León während des 10. bis 12. Jhs. als Quelle zur Familiengeschichte (Miguel Calleja Puerta), zwei bedeutende Adelsfamilien aus der Umgebung von Siena, die Grafen Pannocchieschi und deren Seitenlinie, die Grafen von Elci (Aude Cirier), die schottischen Macdonalds, die – anders als es dem verbreiteten Bild entspricht – im Mittelalter noch keine Clan-Strukturen aufweisen (Annick Boulogne-Fondeviole), drei adlige provenzalische Familien in Hinblick auf ihr Verhältnis zur Kirche (Florian Mazel), zwei Familien von Kastellanen im Grenzgebiet des Bas-Poitou, die Herren von Ganache und die Vicomtes von Thouars (Cédric Jeanneau), die Disziplinierung der kastilischen Adligen durch den König im 13. Jh. und deren Reaktion, die Suche nach Verbindungen jenseits der Grenzen des Königreichs, sogar zu Muslimen (Simon R. Doubleday), die norditalienische Familie dal Verne im 15. Jh. (Pierre Savy), adlige Familien im Vivarais des 10. bis 14. Jhs. (Pierre-Yves Laffont), eine Gruppe von miteinander verwandten Adligen aus der Touraine, die am Beginn des 13. Jhs. im Dienst des englischen Königs standen und dessen Interessen so effektiv vertraten, dass der Herrscher in der Magna Charta ihre Amtsenthebung versprechen musste (Nicholas Vincent), adlige Familien unterschiedlicher regionaler und sozialer Herkunft am Hof Karls III. von Navarra 1387–1425 (María Narbona Cárceles).
Nur drei Beiträge befassen sich mit nicht-adligen Familien: Boris Bove legt die methodischen Überlegungen dar, die seiner thèse über die oberste Schicht der Pariser Bürger, die »prévôts des marchands« und »échevins«, zugrundeliegen. Ein Forschungsprojekt über Handwerker im Poitou des 15. Jhs. stellt Alain Champagne vor. Sophie Cassagnes-Brouquet widmet sich den Beziehungen von Brüdern, die Künstlerfamilien entstammten, und umreißt, wie unterschiedlich sich diese Gegebenheit auf die Karrieren und die künstlerische Produktion der Brüderpaare auswirken konnte. Zwei Aufsätze gelten nicht einzelnen Familien: Die steigende Schriftlichkeit der Laien im Italien des 12. Jhs. und deren Auswirkungen auf die Quellen, insbesondere jene für die Geschichte von Familien, schildert Paolo Cammarosano. Pierre Monnet bietet einen Überblick über die Familienforschung in Deutschland und bindet diese auf höchst instruktive Weise in allgemeine Tendenzen der Forschung ein. Abschließend ordnet Bertrand Schnerb die Beiträge souverän in weitere Zusammenhänge ein. Darüber hinaus bietet er Anregungen hinsichtlich dessen, was noch zu leisten bleibt. Vor allem betont er ganz zu Recht, wie wichtig es sei, jene Zeichen und Dinge zu untersuchen, an denen sich das Selbstverständnis der Familien zeigt: Wappen, Devisen, Siegel, aber auch Grabmäler. Tatsächlich dürften dies Felder sein, auf welchen die Erforschung einzelner Familien einen besonders großen Beitrag zur Geschichtswissenschaft allgemein leisten könnte. Wie interessant die Geschichte von Familien insgesamt sein kann, zeigt dieser Band durch die große Bandbreite der in ihm versammelten Beispiele.
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