A. Stroev (Hg.): Voltaire, Catherine II (Martin Fontius)
Voltaire, Catherine II. Correspondance
1763–1778, éd. par Alexandre Stroev, Paris (éditions non lieu)
2006, 376 S. (Lettres ouvertes), ISBN 978-2-35270-007-8, EUR 30,00.
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Der in modernisierter Textfassung vorgelegte Briefwechsel steht für die starke Tendenz der neueren Voltaireforschung, den Briefen gegenüber den Werken einen bedeutend höheren Wert als früher beizumessen. Zum Ärger der Zarin war ihre Korrespondenz schon in der ersten posthumen Werkausgabe Voltaires erschienen, von Beaumarchais finanziert und im badischen Kehl gedruckt. Nur einige Passagen mussten der Zensur geopfert werden. Die insgesamt 185 Briefe sind durch Kommentierung und Register jetzt gut erschlossen und im Anhang noch einschlägige Dokumente hinzugefügt. Im Titel sollte freilich der Name der Zarin vorangehen, nicht wegen des Alphabets, sondern auf Grund der Vorgeschichte: Die durch Staatsstreich und Ermordung des Gatten auf den Thron gelangte Katharina hatte ein starkes Interesse, sich der öffentlichen Meinung in Europa als aufgeklärte Monarchin zu präsentieren. Die Gewinnung des Patriarchen von Ferney ist unter ihren entsprechenden Aktivitäten: das Angebot an d’Alembert, die Erziehung des Großfürsten zu übernehmen(1762), der Kauf von Diderots Bibliothek unter den großzügigsten Bedingungen(1765), die Einsetzung der Großen Gesetzeskommission (1766), der 1767 dann die »Große Instruktion« folgte (in vielem eine Kompilation aus Montesquieu und Beccaria), dazu der systematische Ankauf herausragender Gemäldesammlungen in Westeuropa, vielleicht die wichtigste gewesen.
Schon als Autor der »Histoire de la Russie sous Pierre le Grand (1759–1763)« hatte Voltaire alle rückständigen Momente des Landes ausgeblendet, alle barbarischen Züge des Monarchen als unwichtig beiseite gelassen. In Katharina erkannte er seit 1765 die Erbin Peters, die das Werk des großen Reformzaren fortsetzen wollte, auch in ihrer Eroberungspolitik gegenüber Polen und dem Osmanischen Reich. In den Jahren des russisch-türkischen Krieges (1768–1774) ist der Austausch am intensivsten, aber auch Voltaires Rolle am prekärsten, weil die Briefe an ihn nicht nur für ihn geschrieben sind. Die Kriegssituation verschaffte der Zarin die Möglichkeit, auf dem Postweg über die russischen Siege zu Lande und zu Wasser Voltaire zu informieren, in Wahrheit aber die französische Regierung unter Choiseul zu konterkarieren, die Polen und die Pforte unterstützte, durch ihr cabinet noir aber mit Sicherheit unterrichtet wurde. Ganz bewusst hatte man in Petersburg auf die Verwendung von Kurieren verzichtet. Dagegen beschränkte sich Voltaires Rolle auf Akklamation. Die expansive Außenpolitik des Zarenreiches, das er als eine Art von Idealstaat wahrnahm, erscheint in den Briefen stilisiert zu einem neuen Kreuzzug: Allerdings geht es nicht mehr um die heiligen Stätten des Christentums, sondern um die Befreiung Griechenlands von den Barbaren, Konstantinopel erscheint als künftige Hauptstadt. Als Historiker der Antike bislang wenig geneigt, entdeckt Voltaire beim Krieg gegen die Türken die Faszinationskraft der alten Griechen. Begriffe wie Athen oder Olympia fehlen nicht.
Auch der Einmarsch russischer Truppen in Polen 1767 zeigt Voltaire als einen erstaunlich unpolitischen Kopf: In den Briefen erscheint religiöse Toleranz als Leitidee der Politik Katharinas, die in Kasan den Bau einer Moschee erlaubt und im katholischen Polen sich für die Rechte der andersgläubigen ‘Dissidenten’ einsetzt. Während Friedrich II. sofort das eigentliche Ziel durchschaute und schon im Februar 1767 an seinen bevollmächtigten Minister in Petersburg schrieb:
Vous devez croire que certainement personne n’envisage cette affaire comme une affaire de religion, hormis peut-être quelques évêques de Pologne. Pour le reste, dans toute l’Europe, on en dit publiquement que l’impératrice de Russie voudrait mettre la Pologne sur le pied de la Courlande et y établir un roi qui gouverne le pays sous sa direction et qui ne fasse nul pas sans sa permission1,
betätigte Voltaire sich als Propagandist der Zarin, der eine Reihe von Auftragswerken verfasste und den Einmarsch als victoire de l’esprit pacifique sur l’esprit de persécution2 rühmte.
Der Patriarch von Ferney also ein Instrument bei der Vorbereitung der ersten Teilung Polens, der Russland den Export von Toleranz durch Waffengewalt predigte, während Rousseau, Mably oder die Physiokraten die Sache Polens noch nicht als verloren ansehen wollten?
Mit Sicherheit erscheint Voltaire in der Korrespondenz mit Katharina nicht in seiner besten Rolle. Und wenn das Urteil Michel Mervauds zutreffend ist: »Voltaire écrivait à Frédéric. Il écrit pour Catherine«3, und man kann es nur bestätigen, heißt das etwas allgemeiner formuliert: Der briefliche Austausch zwischen bedeutenden Persönlichkeiten des 18. Jhs. muss keineswegs auch eine bedeutende Korrespondenz ergeben. Die zwischen Zarin und Voltaire gewechselten Briefe sind dafür ein eklatanter Beweis.
1 Politische Correspondenz Friedrich des Grossen, XXVI, 53.
2 Sermon prêché à Bâle, 1768.
3 Cf. Artikel »Catherine II«, Dictionnaire général de Voltaire, Paris 2003, S. 184.
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