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V. Sottocasa: Mémoires affrontées. Protestants et catholiques face à la Révolution dans les montagnes du Languedoc (Bettina Severin-Barboutie)

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Valérie Sottocasa, Mémoires affrontées. Protestants et catholiques face à la Révolution dans les montagnes du Languedoc

Francia-Recensio 2008/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Valérie Sottocasa, Mémoires affrontées. Protestants et catholiques face à la Révolution dans les montagnes du Languedoc, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2004, 410 S., ISBN 2-86847-964-2, EUR 21,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Bettina Severin-Barboutie, Straßburg/Gießen

Mentalitätsgeschichte hat in der französischen Historiographie trotz ihrer Umstrittenheit seit langem Tradition. Gleiches gilt für die Erforschung erinnerungsgeschichtlicher Fragen. Man denke nur an das von Pierre Nora in den 1980er und 1990er Jahren herausgegebene mehrbändige Werk »Les Lieux de Mémoire«, das inzwischen nicht nur in anderen Ländern Schule gemacht hat, sondern ebenfalls für die Geschichte Europas als Modell diskutiert wird. Die von der französischen Historikerin Valérie Sottocasa vorgelegte Studie, die im Jahre 2002 von der Universität Toulouse als Dissertation angenommen wurde, gehört in den Kontext dieser beiden Forschungstraditionen. Auch sie untersucht den Zusammenhang zwischen Gedächtnisstrukturen auf der einen und historischen Prozessen und Ereignissen auf der anderen Seite. Wie schon der Titel ihrer Arbeit verrät, geht es Sottocasa, einer Schülerin Michel Vovelles, der zu der Veröffentlichung auch ein Vorwort beigesteuert hat, darum, dem Gewicht der Erinnerungskulturen und Mentalitäten von Katholiken und Protestanten im revolutionären Frankreich nachzuspüren. Mit den Gebirgsregionen des Languedoc, die sich auf die fünf Departements Lozère, Gard, Aveyron, Hérault und Tarn erstreckten, nimmt sie hierbei ein Gebiet in den Blick, das von der Revolutionsforschung bislang weitgehend vernachlässigt wurde, weil seine Bewohner als passiv und indifferent galten. Darüber hinaus kennzeichnete diese Region noch eine weitere Besonderheit. Dort lebte eine große reformierte Minderheit.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Frage, wie die kollektive Erinnerung die Reaktionen von Katholiken und Protestanten auf die Revolution beeinflusste und ihr Protestverhalten prägte. Zur Beantwortung dieser Frage gliedert sich die Darstellung in zwei Abschnitte. Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Ereignisgeschichte und dient in erster Linie einer Bestandsaufnahme der Proteste – nahezu 850 Unruhen hat die Autorin in dem von ihr untersuchten Zeitraum zwischen 1789 und 1799 aufgespürt und ausgewertet –, untermauert vielfach aber bereits die Eingangsthese der Verfasserin von der konfessionellen Gebundenheit der Protestaktionen im Languedoc. Der Chronologie der Ereignisse folgend, arbeitet Sottocasa in diesem Kontext einerseits heraus, dass die Revolution bei den Einwohnern anfangs auf Befürwortung stieß, und revidiert damit gängige Auffassungen über die weitgehende Unbeteiligung und politische Rückständigkeit der von ihr untersuchten Bevölkerung. Andererseits zeigt sie, dass alte Konflikte zwischen Protestanten und Katholiken neu aufgelegt wurden und damit die konfessionellen Grenzen abermals zutage traten. Auslöser hierfür waren die Umwälzungen im religiösen Bereich, allen voran die Einführung der »Constitution civile du clergé«, auf welche die französischen Priester seit Ende November 1790 vereidigt wurden. Während viele Protestanten die Zivilverfassung akzeptierten, provozierte deren Verordnung massiven Widerstand im katholischen Lager und bewirkte darüber hinaus die dauerhafte Frontstellung von Protestanten und Katholiken. Folge dieser konfessionellen Spaltung war die zunehmende Politisierung und Radikalisierung beider Gruppen, die in unterschiedlichen Protesten zum Ausdruck kamen und tradierte Wahrnehmungs- und Erfahrungsmuster erkennen ließen.

Im zweiten Teil ihrer Arbeit entschlüsselt die Verfasserin die unterschiedlichen Perzeptionen und Gedächtnisstrukturen der Bevölkerung, die sich in den Unruhen spiegelten, aus der Langzeitperspektive, indem sie im Unterschied zum ersten, chronologisch voranschreitenden und zeitlich begrenzten Abschnitt weit in die Vergangenheit zurückgeht. Der Bogen, den sie mit dieser histoire régressive spannt, reicht bis in die Zeit der Religionskriege zurück und veranschaulicht überzeugend den genealogischen Zusammenhang, der zwischen den Protestaktionen der Revolutionszeit und den unterschiedlichen Konflikterfahrungen, die Katholiken und Protestanten seit dem 16. Jh. miteinander gemacht hatten, bestand.

Mit ihrer überaus quellenreichen und konzise geschriebenen Darstellung, in welcher man einzig die Definition zentraler Begriffe vermisst, revidiert Sottocasa nicht nur bisherige Annahmen der Revolutionsforschung. Sie macht ebenfalls deutlich, wie wichtig die kollektive Erinnerung für die Konstruktion sozialer Gemeinschaften ist und welche politische Dynamik durch ihre Reaktivierung gerade in Krisenzeiten erzeugt werden kann. Dadurch bestätigt sie einmal mehr, dass die Untersuchung von Gedächtnisstrukturen einen Schlüssel zur Decodierung der Vergangenheit bietet. In ihrer Studie ist daher auch mehr zu sehen als »nur« eine Protestanalyse. Sie ist zugleich eine überzeugende Untersuchung von Prozessen der Selbst- und Fremdwahrnehmung und damit ein Beitrag zu aktuellen Fragen der Kulturgeschichte.

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V. Sottocasa: Mémoires affrontées. Protestants et catholiques face à la Révolution dans les montagnes du Languedoc (Bettina Severin-Barboutie)
In: Francia-Recensio, 2008-3, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-3/FN/Sottocasa-Barboutie
Dokument zuletzt verändert am: Feb 28, 2012 12:30 PM
Zugriff vom: May 23, 2012