D. Séré: La Paix des Pyrénées (Michael Rohrschneider)
Daniel Séré, La Paix des
Pyrénées. Vingt-quatre ans de négociation entre
la France et l’Espagne (1635–1659). Préface de Yves-Marie
Bercé, Paris (Honoré Champion) 2007, 607 S.
(Bibliothèque d’histoire moderne et contemporaine, 24), ISBN
978-2-7453-1510-6, EUR 105,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Der Pyrenäenfrieden vom 7. November 1659 ist im Rahmen der Erforschung der Friedensschlüsse des 17. Jhs. deutlich weniger beachtet worden als etwa der Westfälische Frieden oder auch die Friedensschlüsse von Nijmegen und Rijswijk. Die unveröffentlicht gebliebene thèse François Cousins aus dem Jahr 1968 war bis zum Erscheinen der hier zu besprechenden Arbeit die letzte Gesamtdarstellung des Pyrenäenfriedens und der vorausgegangenen Verhandlungen. Angesichts der Erkenntnisfortschritte, die die Frühneuzeitforschung in den letzten Jahrzehnten im Hinblick auf die Themen Krieg und Frieden erzielt hat, war es zweifellos an der Zeit, diesen Friedensschluss einer erneuten näheren Betrachtung zu unterziehen.
Daniel Séré hat sich der ambitionierten Aufgabe gestellt, nicht nur die Verhandlungen im unmittelbaren Vorfeld des Friedensschlusses intensiv zu untersuchen, sondern er hat zugleich auch die lange Vorgeschichte, die bis zum Ausbruch des französisch-spanischen Krieges im Jahre 1635 zurückreicht, eingehend erforscht. Herausgekommen ist dabei eine voluminöse Arbeit, die 24 Jahre diplomatischer Beziehungen zwischen Frankreich und Spanien umfasst und zum Teil bis in die letzten Verästelungen der Verhandlungen geht.
Die Vorgehensweise ist chronologisch. Der Autor beginnt mit den bilateralen Kontakten beider Mächte nach dem Kriegsausbruch 1635, fährt fort mit den Verhandlungen auf dem Westfälischen Friedenskongress und den Beziehungen während der Fronde und gelangt über die Konferenzen Lionnes in Madrid 1656 bis zu den entscheidenden Verhandlungen des Jahres 1659. Schließlich werden der Ablauf des Friedensschlusses selbst und die im Jahr darauf erfolgte Heirat Ludwigs XIV. mit der spanischen Infantin Maria Theresa, die den Frieden endgültig besiegelte, ausführlich geschildert.
Die Vorzüge der Arbeit werden bei der Lektüre schnell erkennbar: Der Autor verfügt über detaillierte Kenntnisse der französischen und spanischen Quellen, die er dem Leser durch zahlreiche Zitate näherbringt. Dabei zieht er nicht allein diplomatische Korrespondenzen heran, sondern berücksichtigt auch die Protokolle des spanischen Staatsrates, die einen intensiven Einblick in die Entscheidungsprozesse am spanischen Hof ermöglichen.
Das bemerkenswerteste Ergebnis dieser Arbeit ist wohl der Befund, dass der spanische König Philipp IV. großen persönlichen Anteil an dem Zustandekommen des bis zuletzt gefährdeten Friedensschlusses hatte. Der Habsburger, der bis in die neuere Forschung hinein als eher passiver, entscheidungsschwacher Monarch galt, drängte seit Sommer 1658 auf einen schnellen Friedensschluss, und zwar zum Teil gegen die Überzeugungen seines langjährigen Favoriten Luis de Haro! Diese Diskrepanz zwischen dem unbedingten königlichen Friedensstreben einerseits und der intransigenten Verhandlungsführung Haros andererseits herausgearbeitet zu haben, ist zweifellos ein besonderes Verdienst der Arbeit.
War es also auf spanischer Seite der Monarch selbst, der angesichts der immer gravierender werdenden Krise des spanischen Reiches letztlich den Ausschlag zum Friedensschluss gab, so hat auf französischer Seite Mazarin als Hauptarchitekt des Friedens zu gelten. Die kunstvolle und subtile Verhandlungsführung des Kardinalpremiers brachte Frankreich einen reputierlichen Frieden ein – einen Frieden, der aber auch der spanischen Seite die Möglichkeit gab, das Gesicht zu wahren. Bezeichnend hierfür ist die zeremonielle Ausgestaltung der Verhandlungen seit Sommer 1659 und des Friedensschlusses selbst. Sie waren so arrangiert, dass beide Parteien in streng symmetrischer Art und Weise auf der Faseneninsel des französisch-spanischen Grenzflusses Bidassoa agierten: Frankreich und Spanien, so lautete die Nachricht an die europäische Öffentlichkeit, schließen einen Frieden auf der Grundlage strikter Gleichrangigkeit.
Es ist angesichts der kleinteiligen chronologischen Vorgehensweise der Arbeit positiv zu vermerken, dass sich der Autor in den einleitenden Kapiteln und am Ende von dem zeitlichen Ablauf der Ereignisse löst und in genereller Weise nach den Verhandlungsstrukturen sowie den leitenden Kräften der Diplomatie und Außenpolitik der Höfe von Paris und Madrid fragt. So finden sich im Prolog einführende Bemerkungen zur wechselseitigen antagonistischen Wahrnehmung von Spaniern und Franzosen, und die Schlussbetrachtung beinhaltet wichtige systematische Befunde über den Gang der Verhandlungen. Es wird hierbei überzeugend herausgearbeitet, dass der Verhandlungsfaden trotz des fortgesetzten Krieges und ungeachtet des wiederholten Scheiterns der Gespräche immer wieder aufgenommen wurde, so dass jahrzehntelang faktisch ein Nebeneinander von Krieg und mehr oder weniger intensiven Friedensverhandlungen bestand. Die Geschichte des französisch-spanischen Krieges von 1635 bis 1659 ist also auch eine Geschichte der parallel zu den Kriegshandlungen ablaufenden diplomatischen Sondierungen und Verhandlungen.
Trotz der geschilderten Vorzüge der Arbeit sind einige kritische Bemerkungen zu machen. So wird anhand der Fußnoten, die zum Teil doch recht spärlich eingesetzt werden, nicht immer ersichtlich, inwieweit die Quellen und die Literatur, die in der Bibliographie der Arbeit aufgeführt sind, in die Darstellung eingegangen sind. Um ein Beispiel zu nennen: Anhand der Fußnoten ist nicht erkennbar, ob der Autor bei seinen Ausführungen zum Westfälischen Friedenskongress die Acta Pacis Westphalicae, die im Quellen- und Literaturverzeichnis aufgeführt sind, herangezogen hat. Möglicherweise ist dies eine Folge von Kürzungen, die für die Publikation vorgenommen wurden; es muss aber kritisch erwähnt werden.
Der zweite Einwand ist eher grundsätzlicher Art. Einer modern verstandenen Diplomatiegeschichtsschreibung steht es gut zu Gesicht, wenn sie hinsichtlich der maßgeblichen Akteure nach deren Prädispositionen und gegebenenfalls nach nationalen Feindbildern und Stereotypen fragt: Welche Vorstellungen hatten die Akteure von der Gegenseite, und welches Bild machten sie sich vom Gegenüber? Gerade die Tatsache, dass der Pyrenäenfrieden zustande gekommen ist, obwohl auf beiden Seiten im 17. Jh. konfliktverschärfende Perzeptionsmuster (z.B. die Vorstellung einer natürlichen Feindschaft) vorhanden waren, ist ja durchaus bemerkenswert, denn dieser Befund zeigt, dass sowohl Franzosen als auch Spanier in dem Bemühen um einen Friedensschluss derartige Vorurteile beiseite legten, wenn es die Staatsräson erforderte. Dies näher zu untersuchen - etwa anhand der politischen Sprache -, wäre im vorliegenden Fall sicherlich eine lohnende Aufgabe gewesen.
Dessen ungeachtet bleibt festzuhalten, dass mit der vorliegenden Arbeit nunmehr eine grundsolide Untersuchung zum Pyrenäenfrieden vorliegt, die unsere Kenntnisse über diesen Friedensschluss auf eine neue Grundlage stellt.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

