B. Petey-Girard, A. Tarrête: Guillaume Du Vair (Christophe Mayer)
Guillaume Du Vair. Parlementaire et écrivain
(1556–1621). Colloque d’Aix-en-Provence 4–6 octobre 2001. Actes
réunis par Bruno Petey-Girard et Alexandre Tarrête,
Genève (Droz) 2005, 318 S. (Travaux d’Humanisme et de
Renaissance, 403), ISBN 2-600-00994-9, EUR 87,50.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Christoph Oliver Mayer, Dresden
Der Sammelband vereint Beiträge, die anlässlich zur 500-Jahrfeier des parlement de Provence eines 2001 veranstalteten Kolloquiums in Aix-en-Provence gehalten wurden und sich dem ersten Parlamentspräsidenten, Guillaume Du Vair, widmen. Der als Literat, Philosoph und Politiker äußerst vielseitige »polygraphe doué« (S. 12) wird dabei in einer interdisziplinären Breite präsentiert, die die bisherigen Studien, von den Pionierarbeiten Sapeys 1858 über zahlreiche Werkausgaben bis hin zu modernen Monographien1 vermissen lassen und die bisher nur durch die Zusammenschau zahlreicher Einzelstudien2 zu erschließen war.
Die Herausgeber zielen dabei insbesondere auf die Ideologie des Autors, der sich als Verfasser neostoischer Traktate und pietistischer Werke aber auch als Übersetzer von Epiktet, Demosthenes und Cicero im literarischen sowie als langjähriger Magistrat und schließlich garde des sceaux unter Ludwig XIII. im politischen Bereich einen Namen gemacht hat. Schon das Geleitwort des Renaissance-Spezialisten Roger Zuber deutet Du Vair als Ideengeber der klassischen honnêteté, der – den Wirren der eigenen Zeit geschuldet – in den Augen der Nachwelt allerdings zum Opportunisten avancierte. Selbst äußerst bemüht um die Veröffentlichung seines Gesamtwerks, tangiert er mit dem vielschichtigen Oeuvre die Bereiche Sozialgeschichte, Politik, Rhetorik und Prosa, Ideengeschichte und Recht, die folgerichtig als die fünf Kapitel des vorliegenden Sammelbands aufscheinen.
Der erste Beitrag von Robert Descimon widmet sich jedoch zunächst in einer biographischen Studie der trajectoire Du Vairs und wertet bisher unbekannte Archivmaterialien aus. Die Studie erleichtert dem Leser durch die kurze Rekapitulation des Werdegangs den Einstieg in die Beschäftigung mit Du Vair. Dort wo Descimon den »self made big man« in sein familiäres Umfeld einbettet, um damit die Annäherung an die radikalkatholische Liga und den Hass auf Henri III zu erklären, werden jedoch insbesondere psychoanalytische Spekulationen geäußert und es bleibt zugleich offen, welchen Einfluss die 1572 unternommene Italienreise, die Tätigkeit als conseiller clerc im Pariser Parlement ab 1584 oder die Kontakte mit der humanistischen Gelehrtenrepublik der Zeit hatten.
Den Weg des Politikers Du Vair beleuchtet Jacqueline Boucher, die im problematischen Verhältnis zu Henri III ein Doppelspiel ausmacht, das Du Vair als »philosophe stoïcien plutôt par sa plume que par ses sentiments« (S. 98) ausweist. Dieses Urteil zieht sich als roter Faden durch den Band und ist auch für Gilles Banderier ursächlich für die unterschiedliche Rezeption, die der Altersgenosse und Anhänger von Henri IV, Du Perron erfährt. Die Quellenuntersuchungen von Wolfgang Kaiser zeigen in den praktischen Bemühungen Du Vairs in der Provence einen taktisch klugen Mediator, der aber Konflikte eindeutig zugunsten der adligen Großherren schlichtete. Als garde de sceaux unter Louis XIII schildert Alexandre Tarrête den »faux stoïcien« Du Vair als in die Ränkeschmiede am Hofe verwickelt, was ihn schließlich im Rahmen der querelle mit dem Duc d’Épernon zur Zielscheibe der Intrigen gegen den Stoizismus auch eines Guez de Balzac werden ließ.
Der Redner Du Vair wird zunächst in den Beiträgen von Michel Magnien und Anne Sancier als moderner Ciceronianer gewürdigt, dessen Konzept in der »éloquence française« (1594) durch die Abkehr von jeglichem Obskurantismus als »éloquence naïve« beschreibbar wird. Dabei zeigt Du Vair, so Bruno Petey-Girard in seinen Grabreden die praktische Umsetzung seiner Theorie, indem er den Toten zum einen aufrichtig betrauert, zum anderen den zu Betrauernden aber als »support idéal pour l’exercice d’une parole d’instruction pleinement efficace« (S.183) versteht. Volker Mecking wiederum zeigt in seiner innovativen Studie zum Vokabular wie wenig Beachtung Du Vair in einschlägigen Lexika (Huguet) und Datenbanken gefunden hat. Gestützt auf das »Französische Etymologische Wörterbuch« von Wartburg arbeitet er heraus, dass sich diverse Regionalismen, Fremdwörter und rare Verwendungen nachweisen lassen.
Dem eher spirituellen Philosophen Du Vair spüren schließlich Jean Balsamo in den »Épistres amoureuses et morales« und Julien Gœury in einer Paraphrase des 137. Psalms aus dem Jahr 1595 nach, während Louis-Georges Tin und Frédéric de Buzon auf die für Du Vair typische ambige Haltung zwischen Kontemplation und politischem Engagement und die Entwicklungslinie hin zu Descartes verweisen. Zuletzt nähert sich Bruno Méniel dem Juristen Du Vair und betont das pragmatische Verständnis von Religion »au service de l’ordre social«, bevor der Band mit einem sehr nützlichen Index von Namen und Texten schließt.
Als Desiderat verbleibt allein die Erforschung der Editions- und Rezeptionsgeschichte, die sich in den Werkausgaben von 1606, 1641 und 1847 ebenso widerspiegeln wie in den Reaktionen eines Malherbe oder eines Peiresc, die beide von Du Vair wesentlich beeinflusst wurden.
1 Als Standardwerk anzusehen ist René Radouant: Guillaume Du Vair. L’homme et l’orateur. Jusqu’à la fin des troubles de la Ligue (1556–1596), Genf 1970.
2 Hier wäre auf die Arbeiten von Marc Fumaroli und Roger Zuber zur Rhetorik zu verweisen.
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