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J. Levin: Agents of Empire (Sven Externbrink)

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Michael J. Levin, Agents of Empire. Spanish Ambassadors in Sixteenth-Century Italy

Francia-Recensio 2008/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Michael J. Levin, Agents of Empire. Spanish Ambassadors in Sixteenth-Century Italy, Ithaca, New York (Cornell University Press) 2005, VIII–228 S., 4 Abb., 0-8014-4352-0, USD 39,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Sven Externbrink, Rom

Levins Studie setzt sich zum Ziel, die Grenzen des »Imperialismus« der spanischen Habsburger in Italien aufzuzeigen und zwar am Beispiel der Unmöglichkeit, Venedig und Rom, die mächtigsten italienischen Staaten des 16. Jhs., zu kontrollieren. Folgerichtig sollte der Titel besser »Spanish Ambassadors in Sixteenth-Century Rome and Venice« heißen, denn die Gesandtschaften spanischer Repräsentanten in anderen italienischen Staateswesen werden nicht behandelt. Sowohl die Seerepublik als auch die Kurie, so Levin, haben die spanische Macht immer wieder herausgefordert und sich niemals in völlige Abhängigkeit von Spanien begeben. Daher seien die italienisch-spanischen Beziehungen des 16. Jhs. zugleich als »microcosm« des Kampfes um die Hegemonie in Europa anzusehen, ein Kampf, den Spanien letztlich verloren habe. Niemals habe Philipp II. eine pax hispanica in Europa etablieren können (S. 3).

Damit wendet sich Levin gegen die auf Benedetto Croce zurückgehende, aber schon seit längerem umstrittene These, die Spanier hätten im 16. und frühen 17. Jh. eine unbestrittene Hegemonie über Italien errichtet. Nie sei Spaniens Macht so groß gewesen, um die Kurie und die Seerepublik zu bloßen Befehlsempfängern zu degradieren.

Italien kam im Spanischen Reich bekanntlich eine geopolitische Schlüsselrolle zu: Über den Besitz Neapels und Siziliens ließ sich die Seefahrt im Mittelmeer kontrollieren, dort wurden über Jahrzehnte Soldaten für die spanischen Tercios rekrutiert, das Herzogtum Mailand war Kommunikations- und Logistikzentrum für die in die Niederlanden ziehenden Truppen, und Genua diente dem Hause Habsburg als Bank. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Feststellung des Botschafters Don Luis de Requeséns als zutreffend, der Erhalt, Friede und die Größe Spaniens hänge davon ab, dass die Angelegenheiten Italiens wohlgeordnet seien (S. 4).

Den Nachweis, dass dies eher selten der Fall war, führt Levin in sieben problemorientierten Kapiteln: die ersten vier sind klassisch-diplomatiegeschichtlich angelegt und rekonstruieren die Geschichte der politischen Beziehungen zwischen Rom und Venedig, wobei der Kirchenstaat weit ausführlicher behandelt wird (S. 43–133). Politische Verhandlungen und Analysen stehen im Vordergrund. Die Kapitel fünf bis sieben behandeln weitere Aspekte der Tätigkeit der spanischen Diplomaten: die vor allem kirchenpolitischen Beziehungen zwischen Spanien und Rom (S. 134–153), die Wege der Informationsbeschaffung, den Versuch des Aufbaus von Spionagenetzwerken, die Rekrutierung von Informanten vor allem in Venedig (S. 154–182), und schließlich die »cultural contacts« der spanischen Diplomaten, worunter deren Rolle als Vermittler im Kunst- und Wissenstransfer verstanden wird (S. 183–208).

Levins politikgeschichtlich ausgerichtete Kapitel bestätigen seine These: Vergeblich bemühen sich die spanischen Botschafter im Untersuchungszeitraum von den 1530er Jahren bis zum Tode Philipp II., Venedig und Rom durch Bündnisse dauerhaft an sich zu binden. Nur kurzfristig gelingt dies 1571 mit der Heiligen Liga und deren Sieg über die Osmanische Flotte bei Lepanto. Anschaulich schildert Levin, wie jedes Konklave zu einer Zitterpartie für die Spanier wird, auch nachdem unter Philipp II. eine massive Klientelbildung (die sog. »spanische Partei«) eingesetzt hat: Wird man erreichen, einen Spanien genehmen Kandidaten wählen zu lassen? Und nicht selten ging der angeblich Spanien zugewandte neue Papst eigene, spanischen Interessen zuwiderlaufende Wege, wie etwa im Falle Sixtus V. (S. 116–124).

Der Schlüsselbegriff für die spanische Perzeption der politischen Situation Italiens ist novedades, Veränderung, Unruhe oder Neuerung. Diese vermuteten sie hinter allen Unternehmungen ihrer Verhandlungspartner und versuchten, ihr entgegen zu steuern. Die Italiener seien von Natur aus ruhelos und voller novedades, sobald sie die Möglichkeit sähen, ihre eigene Lage zu verbessern, heißt es in einer Depesche Requeséns an Philipp II. (S. 206f.). Die spanische Politik in Italien wird so zu einem hoffnungslosen Kampf gegen diese Fundamentalopposition.

Zu begrüßen ist, dass es Levin nicht bei der politischen Auswertung der diplomatischen Korrespondenz belässt, sondern auch die weiteren Aspekte der Tätigkeit frühneuzeitlicher Gesandte berücksichtigt: Lesenwert sind die Ausführungen über die Versuche, Informationen über venezianische und osmanische Politik durch den Aufbau eines Informantennetzwerks zu erhalten (bes. S. 172ff.), ferner darüber, wie die Gesandten als Kunstagenten und -käufer für die Sammlungen der spanischen Könige tätig sind (S. 183–188), und wie konsequent der Markt für seltene Bücher und Handschriften leer gekauft wird, um damit die Bibliothek des Escorial auszustatten (S. 189–193). Auch im Reliquiengeschäft betätigten sich die Gesandten (S. 193ff.).

Einige kritische Bemerkungen müssen aber noch angeführt werden, die sich vor allem aus der Anlage der Studie ergeben. So ist bezüglich der politischen Analyse zu fragen, ob durch die Konzentration allein auf Venedig und Rom nicht eine Verzeichnung der Situation droht? Was schrieben die spanischen Residenten aus Savoyen (nach 1560), aus Genua, Mantua, Florenz, Parma, Ferrara/Modena? Waren auch die Regenten dieser Staaten voller Drang nach novedades? Vermisst wird eine Skizze der Organisation der spanischen Diplomatie im 16. Jh. Wo und wie wurden die Gesandten rekrutiert? Wie unterschieden sich die »diplomatischen Dienste« Karls V. und Philipps II.? Gab es Ansätze zur Bildung einer Behörde, eines spezialisierten Ressorts? Dergleichen Fragen werden nicht gestellt. Ebenso fehlt eine Prosopographie der in Venedig und Rom zwischen 1530 und 1598 residierenden Gesandten. Mit ihr könnten ggf. nähere Aussagen über die Persönlichkeiten der Gesandten getroffen werden, zum Beispiel was die oft erwähnte Arroganz der spanischen Diplomaten den Italienern gegenüber betrifft. Könnte sie nicht weniger ein »nationaler Charakterzug« als vielmehr sozialisationsbedingt sein? Wer vom Militärdienst in den diplomatischen Dienst wechselte, verlangte Gehorsam und Unterordnung, die er weder in Venedig noch Rom erhielt. Obwohl er einer der bedeutendsten Adelsfamilien der iberischen Halbinsel angehörte und von daher allen Grund zum Standesdünkel hatte, trat Diego Hurtado de Mendoza, Botschafter in Venedig und Rom und einer der großen Humanisten Spaniens und zudem Konkurrent Philipps II. beim Bücherkauf, weitaus gewandter und »diplomatischer« auf: Seine Reden waren rhetorische Kunstwerke und die Zeitgenossen lobten seine angenehme Konversation. In ihm begegnen wir dem für die Frühe Neuzeit so typischen Diplomaten, der zugleich Gelehrter und Höfling war.

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J. Levin: Agents of Empire (Sven Externbrink)
In: Francia-Recensio, 2008-3, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
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Dokument zuletzt verändert am: Oct 29, 2008 10:23 PM
Zugriff vom: May 23, 2012