J. Clarke: Commemorating the Dead in Revolutionary France. Revolution and Remembrance, 1789–1799 (Ulrich Niggemann)
Joseph Clarke, Commemorating the Dead in
Revolutionary France. Revolution and Remembrance, 1789–1799,
Cambridge (Cambridge University Press) 2007, X–306 S. (Cambridge
Social and Cultural Histories, 11), ISBN 978-0-521-87850-0, GBP
55,00.
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Totenkult und Erinnerung waren während der Jahre zwischen dem Sturm auf die Bastille 1789 und dem Staatsstreich Napoleons nicht nur ein zentrales, sondern stets auch ein kontroverses und umkämpftes Thema. Totenerinnerung konnte für kurze Zeitspannen Einheit herstellen oder doch zumindest suggerieren, sie konnte aber auch Gräben aufreißen zwischen den Machthabern und einer breiteren Bevölkerung wie auch zwischen den um die Macht kämpfenden politischen Gruppierungen. Eben diesem Problem geht die Arbeit von Joseph Clarke – eine am Trinity College Dublin entstandene Dissertation – nach. Dabei betont Clarke, dass es ihm ganz besonders um die Bedeutung der Totenerinnerung für die unmittelbar Betroffenen – die Witwen, Kinder, Nachbarn und Freunde der Bastille-Toten, der Gefallenen der Revolutionskriege und der Opfer der terreur – geht. Deutlich kritisiert er in seiner Einleitung eine zu sehr staatszentrierte, politikgeschichtliche Herangehensweise, die nur »a modish variation on a well-established theme« (S. 4) sei.
In diesem Sinne kann der Autor durchaus überzeugend darlegen, dass es den Revolutionsregimen nahezu von Beginn an misslang, dem Bedürfnis nach Trauer und Erinnerung der einfachen Leute, des menu peuple nachzukommen. Dies zeige sich – so Clarke – bereits in dem vorsichtigen Umgang mit den gefallenen vainqueurs des Bastille-Sturms. Zwar seien in ganz Paris bereits kurz nach dem 14. Juli 1789 Messen gehalten worden, die die Toten ehrten, doch schon bald habe man versucht, diese dem Vergessen preiszugeben, weil die vom Pariser Bürgertum geprägte Stadtverwaltung wie auch die Assemblée Nationale letztlich weitere Gewaltausbrüche der Vorstadtbewohner gefürchtet hätten. Auch spätere Bitten, etwa um prominente Denkmäler für den »Unbekannten Soldaten«, seien im wesentlichen ignoriert worden. Hinzu kam, so betont Clarke, die zunehmende Verdrängung der traditionellen, der Mehrheit der Menschen vertrauten Riten und Zeremonien der katholischen Kirche aus dem offiziellen, und schließlich auch aus dem privaten Totenkult. Seien noch die Messen für die vainqueurs und die prunkvolle Bestattung des Marquis de Mirabeau traditionelle katholische Totenmessen gewesen, so sei mit der Panthéonisierung Voltaires vor dem Hintergrund des päpstlichen Banns gegen die Revolution ein Bruch aufgetreten, der sich im Laufe der Jahre vertieft habe. Die weiteren Totenfeiern des Regimes hätten zunehmend einen militärischen Charakter erhalten und sich von dem Wunsch nach Erinnerung in der Bevölkerung immer weiter entfernt – »the Revolution had not democratised the remembrance of the dead« (S. 288).
Trotz dieser sehr plausiblen Darlegung der entstehenden Kluft zwischen den Machthabern und der breiteren Bevölkerung im Hinblick auf den Totenkult befasst sich die Arbeit doch primär mit der staatlich-politischen Seite der Memoria. Entgegen dem in der Einleitung formulierten Anspruch handelt es sich also im wesentlichen um eine Geschichte staatlich-offizieller Erinnerungspolitik. Erinnerung, so kann Clarke überzeugend feststellen, war ein Politikum ersten Rangs. Über die Frage, an wen erinnert werden sollte und in welcher Form, schieden sich daher die Geister, denn in ihr schwang stets die Frage nach den Zielen der Republik und nach den Möglichkeiten der Mobilisierung der Bevölkerung mit. Dementsprechend wurde die Memorialpolitik auch in der Presse kontrovers diskutiert. Insbesondere das Panthéon geriet auf diese Weise ins Zentrum der Diskussion. Geschaffen als nationaler Erinnerungsort, nahm es zunächst den Leichnam Mirabeaus auf. Konnte damit noch ein breiter Konsens erzielt werden, so geriet die Panthéonisierung in den Folgejahren mehr und mehr zum Schlachtfeld der Erinnerungspolitik, wie sich insbesondere an der Person des ermordeten radikalen Jakobiners Marat zeigen lässt, der in einer äußerst umstrittenen und mehrfach vertagten Zeremonie im Panthéon beigesetzt wurde, nur um kurz darauf wieder entfernt zu werden.
Clarkes Studie basiert auf einer respektablen Quellenbasis. In großem Umfang wurden Archivalien ausgewertet, daneben Zeitungen sowie zahlreiche gedruckte Schriften unterschiedlichster Art. Bisweilen, so scheint es, geht die Breite der Quellenbasis auf Kosten einer tieferen Durchdringung des Materials. So bleiben die Hinweise auf die zu Beginn der Revolutionsära noch sehr traditionellen Formen des Totengedenkens doch etwas pauschal und oberflächlich in ihrer Konzentration auf die äußere Form. Zwar weist Clarke gern an verschiedenen Stellen auf das verwendete Vokabular, auf die politische Sprache hin (z.B. S. 54), doch fehlt es an einer tiefergehenden Analyse dieser Sprachen. Vielleicht hätte eine intensivere Auseinandersetzung mit den sprachlichen Inhalten oder eine begriffsgeschichtliche Analyse von Predigten und publizistischen Texten durchaus weitergehende Einblicke in die Persistenz oder Diskontinuität von Traditionen erlaubt. Zu bemängeln ist daneben sicher auch die fehlende Kenntnisnahme wichtiger Forschungsarbeiten jenseits des englischen und französischen Sprachraums; zu nennen ist hier beispielsweise Martin Papenheims Untersuchung zum Totenkult im Frankreich des 18. Jhs.
Dennoch liegt eine in vielfacher Weise anregende Studie zur Erinnerungspolitik mit allen ihren Brüchen und Kontroversen während der französischen Revolution vor. Als Spiegel des Revolutionsverlaufes insgesamt stellt die Geschichte der Erinnerungspolitik eine interessante neue Narration der Revolutionsära dar.
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