G. Bonn: Camille Desmoulins ou la plume de la liberté (Daniela Neri-Ultsch)
Gérard Bonn, Camille Desmoulins ou la plume
de la liberté. Un cheminement révolutionnaire, Paris (Éditions
Glyphe) 2006, 650 S., ISBN 2-911119-89-4, EUR 28,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Daniela Neri-Ultsch, München
Gérard Bonn widmet sein umfangreiches Opus einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Französischen Revolution. Camille Desmoulins ist mit Mirabeau, Danton und Robespierre in einem Atemzug zu nennen und übte einen bedeutenden Einfluss zum einen auf den Ausbruch und zum anderen, bis zu seinem frühen Tod 1794, auf den Verlauf der Französischen Revolution aus. Dennoch unterscheidet sich Desmoulins von seinen Mitstreitern wie Mirabeau, Danton oder Robespierre, die als Organisatoren und Häupter einer Partei fungierten. Seine besondere Rolle liegt vielmehr darin, dass er zwar größtenteils politischer Theoretiker war, seine Theorien jedoch mittels seiner Zeitungen und Pamphlete, also durch seine journalistischen Aktivitäten, eine praktische Bedeutung für die Revolution bekamen und er dadurch einen enormen Einfluss auf diese ausüben konnte. Sein Lebenswerk kann als Spiegel der wechselhaften Entwicklung der Französischen Revolution gesehen werden.
Camille Desmoulins wurde am 2. März 1760 als erstes von sieben Kindern des Juristen Jean Benoit Desmoulins in Guise (Picardie) geboren. Wie sein Vater sollte auch Camille die Familientradition fortsetzen und Jura studieren; zu diesem Zweck besuchte er das bekannte Jesuitenkolleg Louis-Le-Grand in Paris, wo er bereits zu seiner Studienzeit Maximilien de Robespierre kennenlernte. Seine Ausbildung, besonders die intensive Beschäftigung mit dem Altertum, ließ bei ihm einerseits eine intensive Leidenschaft für die Republik heranwachsen und säte andererseits eine stets stärker werdende Ablehnung des in Frankreich herrschenden Absolutismus. Nach seiner Ausbildung am Jesuitenkolleg Louis-Le-Grand schlug Desmoulins die Gerichtslaufbahn ein und war zu Beginn der Französischen Revolution Advokat am Parlament von Paris. Seine Tätigkeit als Jurist verstärkte die Abneigung gegen das System der absoluten Monarchie, und so verband Desmoulins große Hoffnung auf Veränderungen bzw. den Umsturz der bestehenden Verhältnisse mit der Einberufung der Generalstände. Zwar hatte sich sein Wunsch, Abgeordneter seiner Provinz zu werden, nicht erfüllt, aber er hatte eine neue Rolle für die Verbreitung seiner freiheitlichen Ideen entdeckt, nämlich als Journalist. So prophezeite Desmoulins in seiner Broschüre »La philosophie du peuple francais« den baldigen Ausbruch einer Revolution. Als Journalist mit gefürchteter und einflussreicher Feder konnte er die Entwicklung der Französischen Revolution entscheidend beeinflussen. So fiel Desmoulins die Rolle zu, in der Empörung über die Entlassung Neckers als Finanzminister und der aufsteigenden Furcht eines militärischen Angriffs auf Paris, das französische Volk aufzurufen, zu den Waffen zu greifen und löste damit den Sturm auf die Bastille aus. Dies brachte ihm bereits zu Lebzeiten den Ruf ein, nicht nur eine der führenden Persönlichkeiten der Französischen Revolution zu sein, sondern er wurde sogar als Urheber der Revolution gesehen. Weitere wichtige Stationen seines politischen Lebens während der Großen Revolution sind zu nennen: An der Seite Dantons beteiligte sich Desmoulins an der bekannten, von Brissot verfassten, Petition vom Marsfeld im Juli 1791, was nicht nur ihm, sondern auch Danton eine polizeiliche Verfolgung einbrachte. Beide waren gezwungen, vorübergehend unterzutauchen. Nach der Erstürmung der Tuilerien am 10. August 1792 konnte Demoulins für einige Wochen als Generalsekretär des neuen Justizministers Danton in das Justizministerium einziehen. Jedoch bereits ab 8. September 1792 agierte Desmoulins als Abgeordneter des Departements Paris im Nationalkonvent. Jedoch geriet Desmoulins ab 1793 immer mehr in Gegensatz zum Schreckensregiment und forderte als Gegengewicht die Einberufung eines comité de clémence. Da die führenden Persönlichkeiten der Schreckensherrschaft dies nicht nur als Provokation, sondern als ernstzunehmende Gefahr für sich selbst sahen, ereilte Camille Desmoulins nun das gleiche Los wie unzählige andere Unschuldige zuvor. Im Alter von nur 34 Jahren wurde Desmoulins nach kurzem Verhör zusammen mit Danton zum Tode verurteilt und am 4. April 1794 hingerichtet. Nur eine Woche später endete auch seine Frau Lucile, die gegen die Verhaftung und Hinrichtung ihres Mannes protestiert hatte, auf dem Schafott.
Camille Desmoulins hinterließ eine Reihe von Flugschriften und periodisch erschienenen Zeitschriften. Unter den Flugschriften ist vor allem als bedeutendste Schrift »La France libre« vom Juli 1789 zu nennen, da sie als Grundlage bzw. als Programmschrift seiner politischen Ideen für die Nachwelt zu lesen ist. Ein weiteres bedeutendes Werk bildet die wenige Monate später verfasste Flugschrift »Discours de la Lanterne aux Parisiens«, in der er die Pariser Bevölkerung zur Besinnung und Ruhe aufrief und ihr Vorgehen gegen Royalisten anprangerte. Unter der zweiten Gattung der Periodika ist als wichtigste und umfangreichste Publikation die wöchentlich erschiene Zeitung »Revolutions de France et de Brabant« zu nennen. Mit diesem Werk versuchte Desmoulins ein Gemälde der Revolution von November 1789 bis Juli 1791 zu schaffen, wobei er bewusst die Aufgaben eines Historikers mit denen eines Journalisten zusammenzuführen versuchte. Er strebte eine Berichterstattung der Französischen Revolution an, die über den Augenblick des Geschehens hinausführen sollte. Auf die Zeitung »Revolutions« folgte die Zeitung »La Tribune des Patriotes«, die jedoch nur knapp zwei Monate erschien, allerdings dennoch nicht ohne Einfluss auf die Ereignisse der Revolution blieb. Sein politisch reifstes Werk, die Zeitung »Vieux Cordelier« publizierte Desmoulins im Winter 1793/94, darin griff er vor allem die Exzesse der Schreckensherrschaft an. Weil Desmoulins nicht wegen seiner bedeutenden Rolle während der Französischen Revolution, sondern vielmehr wegen seiner romantischen Liebesgeschichte zu seiner Frau Gegenstand zahlreicher Untersuchungen war, hat sich nun mehr als zweihundert Jahre später Gérard Bonn in fast zehnjähriger intensiver Recherche erneut Camille Desmoulins gewidmet. Bisherige biographische Studien konzentrierten sich nicht so sehr auf die Tätigkeiten des politischen Journalisten, sondern betonten viel mehr die romantische Seite Desmoulins. Gérard Bonn, Mediziner von Beruf, ist mit dieser umfangreichen und beeindruckenden Untersuchung nicht nur eine Studie über Desmoulins, sondern darüber hinaus ein Portrait über die Zeit der Französischen Revolution gelungen. Seit seiner frühen Jugend war Bonn mit Desmoulins und anderen wichtigen Protagonisten der Grande Revolution in Berührung gekommen und dies ließ im Laufe der Jahre in ihm den Wunsch heranreifen, ein Werk über Camille Desmoulins zu schreiben. So erklärt Bonn dem aufmerksamen Leser in einem ausführlichen Vorwort zunächst einmal, was ihn antrieb, sich auf dieses „Abenteuer“ einzulassen (S. 17–20). Bonns Hauptanliegen ist es, die Geschichte Camille Desmoulins und seines Schaffens für die Französische Revolution in seiner Studie zu schildern. So macht er sich nicht nur auf die Spurensuche in den schriftlichen Hinterlassenschaften Desmoulins, sondern auch durch Beschreiben und Einfangen einer dichten Atmosphäre z.B. der Bildungsstätte Desmoulins, die auch heute noch Wirkstätte ist. Das intensive Aufspüren wichtiger Lebensstationen Desmoulins wird ergänzt durch zahlreiche Zitate aus dem Dokumentenschatz, den Desmoulins der Nachwelt überlassen hat. Trotz der Begeisterung und Faszination, den der Autor Desmoulins entgegenbringt, stellte diese Studie keine Hagiographie dar, sondern thematisiert ebenso die Fehler und Irrtümer, die dieser im Laufe seines Lebens begangen hat.
Bonn erweist sich als sehr belesener Autor, der die Freiheit des nicht ausschließlich fachwissenschaftlichen Schreibens geschickt für die Ausgestaltung seiner Studie zu nützen versteht. Auf sehr leserfreundliche Art und Weise lässt er ein vielseitiges Bild der Epoche der Französischen Revolution und seiner wichtigsten Protagonisten, an der Spitze Camille Desmoulins, entstehen. Verdienst des Autors ist es, den Leser an seiner Leidenschaft und seinem Interesse für Desmoulins teilhaben zu lassen, so dass der Funke überspringt, sich mit dieser Figur intensiv auseinandersetzen zu wollen. Dabei bleibt Bonn nicht nur auf die Vergangenheit fixiert, sondern versucht in seinem Abschlusskapitel eine Antwort auf die Frage zu geben: Welche Bedeutung hat Camille Desmoulins für die heutige Zeit? Für Bonn ist Desmoulins stets das humane Gesicht der Französischen Revolution, die in ihrer Dynamik auch sehr viel Grausamkeit hervorgebracht hatte. Besonders im Vergleich zu den anderen Protagonisten der Französischen Revolution wie Marat und Robespierre bietet in den Augen Gérard Bonns gerade der menschliche Charakter Desmoulins eine große Identifikationsfläche für den heutigen Betrachter.
»Nous le voyons vivre, dans ses journaux et dans sa correspondance. Il a ambitionné, il a souffert, il a eu peur, il a aimé. C’est un être de chair, un être que nous comprenons, nous pouvons nous mettre à sa place; ses réactions, compte tenu du contexte et de l’époque, ce sont les nôtres«.
Auch das Paar Camille und Lucile Desmoulins würdigt Bonn als Vorbild für heutige Generationen, da es in einer Zeit des Umsturzes und der fundamentalen Veränderungen durch seine enge und besondere Verbundenheit zueinander heraussticht. Abgerundet wird diese Untersuchung durch zahlreiche Fußnoten, acht Abbildungen und eine Auswahlbibliographie, die die wichtigsten Werke zur Französischen Revolution rezipiert.
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