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Ph. Daileader: De vrais citoyens (Anne Ameling)

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Francia-Recensio 2008/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Philip Daileader, De vrais citoyens. Violence, mémoire et identité dans la communauté médiévale de Perpignan. 1162–1397, Canet de Rosselló (Trabucaire) 2005, 269 S., ISBN 2-912966-89-2, EUR 20,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Anne Ameling, Köln

Die Forschung zur mittelalterlichen Stadtgeschichte hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr sozialwissenschaftlichen Ansätzen zugewandt, nicht zuletzt in dem Bestreben, Geschichte »von unten« greifbar und die Entstehung einer städtischen Mentalität – möglichst »objektiv« – nachvollziehbar zu machen. Die Grenzen der historischen Belegbarkeit sind dabei oftmals schnell erreicht. Mit seiner Dissertation, die von Aymat Catafau ins Französische übersetzt wurde, legt Ph. Daileader die erste soziale und politische Geschichte Perpignans vor und knüpft dabei an die Forschung über eine kollektive Identität der mittelalterlichen städtischen Gemeinschaften an. Er stellt die Entstehung der »Stadtbürgerschaft« und ihre Bedeutung für die Bewohner des mittelalterlichen Perpignans in den Mittelpunkt seiner Untersuchung und öffnet so neue Wege für das Verständnis der städtischen Gesellschaft des Mittelalters. Sein Ansatz bringt sowohl durch die Perspektive auf die rechtliche Entwicklung der Zugehörigkeit zum städtischen Kollektiv als auch durch den Blick auf den politischen Wandel und die daraus resultierenden Reaktionen der Perpignanais fruchtbare Erkenntnisse über das Selbstverständnis der Bewohner dieser Stadt. Zudem füllt er eine Lücke in der allgemeinen Forschung zum Thema Stadtbürgerschaft, die sich bislang vornehmlich auf die Antike und die Neuzeit konzentriert. Ph. Daileader geht von der Annahme aus, daß in Perpignan die Stadtbürgerschaft zum einen auf dem Gewohnheitsrecht begründete, zum anderen auf der Tatsache basierte, daß die Bürger als solche von der Gemeinschaft verteidigt wurden. Die einzelnen Aspekte der Zugehörigkeit zur städtischen Gemeinschaft und deren Entwicklung stellt er jeweils in thematisch eingeteilten Kapiteln dar, die in sich chronologisch geordnet sind. So kann deren Wandel im Verlauf der untersuchten zwei Jahrhunderte detailliert nachvollzogen werden. Es ist dabei bedauerlich, daß die Zusammenhänge zwischen den Einzelaspekten erst am Ende klar herausgearbeitet werden – dieser Mangel wird jedoch durch die hervorragende Zusammenführung der Ergebnisse ausgeglichen.

Durch gründliche und fundierte Quellenarbeit gelingt es Daileader nachzuvollziehen, welche Voraussetzungen es brauchte, zu den veri habitatores gezählt zu werden, und unter welchen Umständen sich im Verlauf des untersuchten Zeitraums die Bürgerschaft von einer ortsabhängigen zu einer besitzabhängigen wandelte. Sein Fokus liegt dabei auf der Art und Weise, wie das Thema der Zugehörigkeit zur städtischen Gemeinschaft in den Quellen thematisiert wird. So gelingt es ihm neben der Identifizierung der Bedingungen für eine Bürgerschaft nie die Frage aus den Augen zu verlieren, welche Bedeutung dieses Thema für die Bewohner Perpignans selbst hatte. Darüber hinaus werden die Beziehungen der Perpignanais zum herrschenden Adel und zu den benachbarten Bewohnern des Roussillon untersucht. So wird das Bild der Stadtbürger um seine Wahrnehmung von außen ergänzt und gleichzeitig eine Einordnung der Stadtgemeinschaft Perpignan in die katalanische Feudalgesellschaft ermöglicht. Die Frage nach dem Charakter der durch die Stadtbürger ausgeübten Gewalt, die in der Regel der Einschüchterung und dem Schutz diente, bringt hier neue Erkenntnisse über die Verankerung der Stadtbürger in der feudalen Denkweise und über die Unterschiede zum katalanischen Adel. Mit der Bedeutung, die er dem Aspekt der Stellung der sogenannten ma armada beimißt – eine unabhängige städtische Selbstverteidigung durch eine Armee der Bürger unter der Leitung der Konsuln – hebt sich Daileader von den bisher erschienenen Publikationen zum mittelalterlichen Perpignan ab. 1197 institutionalisiert, schützte die ma armada Bürger Perpignans vor Nichtbürgern. Sie beruhte auf einem Gemeinschaftseid und der Anerkennung der Gerichtsbarkeit der Konsuln. Daileaders argumentiert schlüssig, daß die hartnäckige Verteidigung der ma armada gegenüber den Versuchen des Königs, die Stadt unter seinen eigenen Schutz zu stellen, von der Bedeutung des Privilegs für das Selbstverständnis der Perpignanais zeugt. Seine Quellenauswertung zeigt außerdem, daß die ma armada einen wichtigen Platz im städtischen Kollektivgedächtnis besaß. Immer wieder wurde im Verlauf des Untersuchungszeitraums die Erinnerung an die entsprechende Urkunde von 1197 neu belebt. Der Einbezug der Erinnerungskultur der Stadtbewohner ermöglicht es Daileader, die Loslösung von der modernen Perspektive auf die städtische Entwicklung zu vollziehen und sich der Sichtweise und dem Denken der Stadtbürger anzunähern: Nicht der Fortschritt oder eine angestrebte Perfektion der Gesellschaftsstruktur war die Idealvorstellung der städtischen Konsuln und der Stadtbewohner, sondern die Bewahrung alter Werte und Normen als Basis der Gemeinschaft. Spätestens angesichts des demografischen und ökonomischen Wandels des 14. Jhs. war dieses Ideal jedoch nicht mehr zu erreichen. So führt die unterschiedliche Auslegung der Vergangenheit im Machtkampf zwischen Patriziat und Handwerk im 14. Jh. schließlich zu einer Spaltung der innerstädtischen Gemeinschaft. In diesem Kontext beleuchtet Daileader auch die Beziehungen zwischen christlichen Stadtbewohnern, die als Bürger dort lebten, und den Juden, die diesen Status nicht hatten. Neben den gewohnheitsrechtlichen Grundlagen und königlichen Privilegien, die das Leben der Juden regelten, zeigt er den Zusammenhang zwischen der Krise in der Erinnerungskultur im 14. Jh., der Spaltung der christlichen städtischen Gemeinschaft und gleichzeitig der fortschreitenden Marginalisierung der jüdischen Stadtbewohner.

Daileader weiß um die Grenzen der historischen Nachvollziehbarkeit des mittelalterlichen Denkens. Dieses Wissen gibt ihm die notwendige Umsicht bei seiner Quellenanalyse. Seine statistische Untersuchung der Frage nach Organisation der städtischen Elite und des oligarchischen Charakters der Stadtstrukturen - bei der er Barcelona und am Rande auch Girona als Vergleich hinzuzieht - untermauert seine inhaltliche Quellenanalyse. Darüber hinaus werden allgemeine Aspekte zur Entwicklung und Struktur katalanischer Städte im Mittelalter eingebracht. Insgesamt gelingt es Daileader, ein lebhaftes und vorstellbares Bild der Stadtbewohner Perpignans zu zeichnen. Die einleitend gestellte Frage »Wer waren die Bewohner von Perpignan – oder besser: Wer glaubten sie zu sein?« wird zu einem großen Teil beantwortet. Er stößt so weit wie möglich an die »Grenzen« eines Historikers vor und gibt dabei in einigen offenen Fragen richtungsweisende Anregungen für weitere Forschungen und Diskussion, ohne je unvorsichtig in seinen Schlußfolgerungen zu sein. Diese Arbeit zeigt einmal mehr den Wert der Lokalforschung für das Verständnis der mittelalterlichen Epoche.

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In: Francia-Recensio 2008/2 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Veröffentlicht am: Oct 27, 2008
Zugriff vom: Oct 21, 2014
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