P. Williams: The Great Favourite (Peer Schmidt)
Patrick Williams, The Great Favourite. The
Duke of Lerma and the Court and Government of Philip III of Spain,
1598–1621, Manchester (Manchester University Press) 2006, XXX–303
S. (Studies in Early Modern European History), ISBN 0-7190-5137-1,
GBP 65,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Peer Schmidt, Erfurt
Der Herzog von Lerma gehörte zweifelsohne zu den mächtigsten Favoriten, die das Ancien Régime kannte. Sein Einfluss auf Philipp III. war vor allem am Beginn der Herrschaft so prägend, dass man den König und dessen Handeln kaum mehr erkennen kann. Lerma begleitete den Monarchen auf Schritt und Tritt – am Hof und durch das Land – und führte für wenige Jahre den gesamten Hof aus Madrid weg nach Valladolid. Zu den zentralen Entscheidungen jener Jahre gehörte der Friedensschluss mit England (1604), der Waffenstillstand mit den Vereinigten Provinzen (1609) und die Ausweisung der Morisken (1609). Ab 1612 nahmen die Spannungen zwischen dem Monarchen und seinem válido zu.
Dem Hochadel angehörig zählte die Familie Sandoval (bzw. Marqueses von Denia, Grafen von Lerma) zwar zu den Granden, doch die wirtschaftliche Situation dieses Hauses war mehr als bescheiden. Von dem um 1578 erzielten Durchschnittseinkommen eines großen Adelshaushaltes erreichten die Sandovals gerade einmal knapp die Hälfte. Der fünfte Marqués von Denia und erste Herzog von Lerma sollte, einmal an die Macht gekommen, alles daran setzen, seine Nähe zum König in klingende Titel und Münze umzuwandeln. Aus den hinteren Reihen der Grandeza rückten sie für wenige Jahre auf den ersten Platz vor – mit den entsprechenden wirtschaftlichen Einnahmen. Ein Jahr nach seinem Aufstieg als königlicher Günstling wurde Lerma vom Grafen zum Herzog erhoben. Binnen Kürze sollten noch zwei weitere Herzogserhebungen hinzukommen, so dass Vater, Sohn und Enkel – alle zur selben Zeit – einen herzoglichen Titel führen konnten.
Williams Studie legt eindeutig den Schwerpunkt auf die Geschichte der Familie Sandoval und entwickelt vor diesem Hintergrund das Panorama der Aktivitäten Lermas. In dieser Perspektive steht die beständige Sorge um die herzoglichen Finanzen im Vordergrund. Die zweite Achse der Darstellung bilden die unermüdlichen Bemühungen des Herzogs um weitere Titel, die es ihm ermöglichten, mit der Spitze der Granden gleichzuziehen.
Bei dieser starken Akzentuierung auf familiäre und ökonomische Verhältnisse gerät die Diskussion der politischen Implikationen von Lermas Handeln eindeutig zu kurz. Sicherlich, der Autor vergisst nicht die Klientel des válido nachzuzeichnen. Binnen kurzem waren die wichtigen Ratskollegien mit Leuten des Herzogs besetzt. Von den vier Kardinälen, die unter der Herrschaft Philipps III. ernannt wurden, waren alle – zumindest zum Zeitpunkt der Ernennung – aus seiner Familie bzw. Klientel. Sicherlich kommen ferner die Aktionen der Gegner, insbesondere die Opposition des Hofgeistlichen Aliaga, zur Sprache. Doch wer von William einen Beitrag bezüglich der politischen und strategischen Überlegungen des Herzogs und seiner Widersacher erwartet, der wird enttäuscht. Das herzogliche Handeln scheint nur persönlich-familiär motiviert gewesen zu sein. Allenfalls gegen Ende der Studie, bei der Darlegung des Sturzes des mittlerweile betagten Lerma, blitzen hinter der Hofkabale politische Konzeptionen auf. Mancher am spanischen Hof erkannte in der Politik des Herzogs ein übermäßiges appeasement gegenüber Spaniens Gegnern. Zu knapp fallen auch die Bemerkungen zur zunehmenden Bedeutung der Ratskollegien aus, die er in der Zeit Lermas zu erkennen glaubt. Die Diskussion der Ergebnisse neuerer Forschungen (García García, Feros oder Allen) unterbleibt.
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