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R. Sauzet: Au Grand Siècle des âmes (Josef Johannes Schmid)

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Robert Sauzet, Au Grand Siècle des âmes. Guerre sainte et paix chrétienne en France au XVIIe siècle

Francia-Recensio 2008/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Robert Sauzet, Au Grand Siècle des âmes. Guerre sainte et paix chrétienne en France au XVIIe siècle, Paris (Perrin) 2007, 301 S., ISBN 978-2-262-02244-0, EUR 22,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Josef Johannes Schmid, Mainz

Gottlob gibt es ihn noch – den Mut zum großen Wurf und zur umfassenden Gesamtdarstellung. Denn das Unterfangen des anzuzeigenden Bandes gilt nicht weniger als einer Gesamtanalyse der Geisteslandschaft der französischen Spiritualität des Grand Siècle. Dass ein solches Vorhaben zum einen notwendigerweise eine Auswahl treffen muss und in seinem Ergebnis niemals alle Kriterien berücksichtigen, geschweige denn alle Erwartungshaltungen befriedigen kann, liegt auf der Hand.

Andererseits erfährt, bedingt durch tagespolitische Aktualität wie durch zum Teil bewusst tendenziöse Interpretation das Phänomen des »Heiligen Krieges« heute vermehrte Aufmerksamkeit, zuvorderst dabei oft die vermeintliche aktuelle wie historische ›Verantwortung‹ der Kirche.

Es sollte eingangs festgehalten werden, dass es Robert Sauzet gelungen ist, sich billiger Effekthascherei nur um des augenblicklichen Nutzens willen durchwegs zu enthalten. Die Belesenheit des Autors, seine grundlegende Durchdringung des Gegenstands sowie seine breite Quellenkenntnis stehen außer Frage.

Allein – es bleibt die Frage nach den Kriterien, nach Gewichtung und Sicht. Kann der vermeintlich erneuerte Kreuzzugsgedanke hinreichen, eine – wie es der Titel verheißt – ganze Epoche zu erschließen? So stehen im Text brillante und definitive Darstellungen – etwa jene über P. Joseph gleich zu Beginn – anderen gegenüber, denen man mitunter ein Fragezeichen nachzusetzen versucht ist. Hatte etwa die Begeisterung für die Türkenkriege auf dem Balkan wirklich die aufgezeigte Bedeutung, oder blieb die Tagesaktualität nicht vielmehr von den grandes capitulations von 1536 überschattet, welche aus politischer Notwendigkeit einer Annäherung Frankreichs an das Osmanische Reich vorsahen – eine Allianz zudem, ohne deren strategische Schutzfunktion vor Habsburgs Prätentionen es wohl nie ein Grand Siècle gegeben hätte… Ebenso ist die Anwendung der Kreuzzugsidee auf den Kampf gegen den Unglauben und/oder die Häresie im Land (bestehend oder zukünftig) kein innovatives Phänomen dieser Zeit; ähnlich argumentierte man bereits in den Auseinandersetzungen um Waldenser und Katharer, ebenso wie in den Ostmissionen des Deutschen Ordens und den Gefechten gegen die Hussiten.

Weitaus stimmiger erscheint hingegen das angeführte Beispiel der Jerusalem-Deutungen des neu zu erschließenden kanadischen Territoriums, doch stellen auch diese, selbst in ihrer höchsten und nicht allzu häufigen mystischen Überhöhung, nur einen schwachen Abglanz der gleichzeitigen puritanischen Visionen einer apokalyptisch-biblischen city upon a hill-Sicht der Neuenglandstaaten dar.

Die Epoche schließlich – heute durchaus eingängig – als »Grand Siècle de l’intolérance« zu sehen, offenbart die ganze Ambivalenz des Bandes. Zum einen erkennt der Autor deutlich die Gefahr eines kritiklosen Wiederholens alteingefleischter Vorurteile, warnt hinsichtlich einer Beurteilung Ludwigs XIV. und seiner Religionspolitik ausdrücklich vor den entsprechenden ›Urteilen‹ etwa der Madame Palatine oder gar Saint-Simons, verfällt aber dann trotzdem auf solch entstellend-verkürzende Aussagen, wie »le roi n’aimait pas les protestants«, oder auf die Behauptung dieser wäre gegen Ende seines Lebens einer obsessiven Wahnvorstellung bezüglich seines bedrohten Seelenheiles erlegen. Vielmehr lag der eigentliche Grund für die Ausweisung der Protestanten 1685 doch in dem sogar vom Autor ganz korrekt angeführten Monarchieverständnis des Königs, der erstmals seit Jahrhunderten den Throneid wieder ernst nahm und von der Unvereinbarkeit seines im sakramentalen sacre zu Reims grundgelegten hohepriesterlichen Seins und der faktischen Existenz häretischen Glaubensguts auf seinem Territorium ausging. Dazu muss man keinen Fanatismus, erneuerte oder gar gelenkte Mentalitäten als Erklärungsmodi bemühen – die Sache spricht für diese Zeit ebenso aus sich, wie sie es zu Zeiten Sauls, Davids und der erwähnten Glaubenskämpfe getan hatte. Dass dies unserer Zeit ganz anderer – jedoch nicht weniger dogmatischer – gesellschaftlicher Paradigmen nicht entspricht, ist eine Sache, daraus jedoch anachronistische historische Beurteilungskriterien zu entwickeln eine andere.

In diese Richtung zielt auch das Gefühl hinsichtlich der nachfolgenden Kapitel: Ob der Versuch des novus Constantinus wirklich ein Fehlschlag gewesen ist, mag der Leser ebenso selbst beurteilen, wie die Sicht des unvermeidlichen Jansenius und seines »Mars Gallicus« sowie die Interpretation Pierre Bayles als Instrument einer vermeintlich wünschenswerten Ökumene (welche die Zeit in diesem Sinne gar nicht kannte!) gegen Ende des behandelten Zeitraums. Der imminent infame Charakter etwa des »Mars« wird hier – bewusst? – nicht erkannt, stellte dieser doch den Beginn einer im Dienste und Solde Spaniens stehenden zielstrebigen antimonarchischen und antifranzösischen Kampagne dar, deren Krönung dann die Schriften Chifflets werden sollten.

Diese wenigen Ausschnitte mögen zur Erläuterung eines in jeder Hinsicht interessanten Bandes, dessen Spannungen hier aufzuzeigen waren, genügen. Eine ordentliche Bibliographie rundet ihn ab, ebenso ein Personen- und Ortsregister. Auf Abbildungen, welche gerade im Sinne der apologetischen Ikongraphie einiges an Information beigetragen hätte, wurde leider verzichtet.

Zusammenfassend: ein Werk, das als Erweiterung gelesen werden sollte, dies vor allem aufgrund der eigentlichen Intentionen des Autors, worüber dann erst die letzten Kapitel bzw. Seiten beredte Auskunft geben.

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R. Sauzet: Au Grand Siècle des âmes (Josef Johannes Schmid)
In: Francia-Recensio, 2008-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-2/FN/Sauzet_Schmid
Dokument zuletzt verändert am: Feb 29, 2012 02:20 PM
Zugriff vom: May 23, 2012