N. Salat, T. Sarmant (Hg.): Lettres de Louvois à Louis XIV 1679-1691 (Michael Rohrschneider)
Lettres de Louvois à Louis XIV 1679–1691,
publ. pour la Sociéte de l’histoire de France par Nicole Salat et
Thierry Sarmant, Paris (Société de l’histoire de France) 2007,
XXX–320 S., ISBN 978-2354-07104-2, EUR 39,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Michael Rohrschneider, Köln
François-Michel Le Tellier, marquis de Louvois (1641–1691) zählte als secrétaire d’État de la Guerre und als surintendant des Bâtiments zu denjenigen Ministern Ludwigs XIV., die großen Anteil an der Gestaltung der Politik des Roi-Soleil hatten. Sein Name ist eng verbunden mit der französischen Reunionspolitik und der Verwüstung der Pfalz im Jahr 1689, die beide im kollektiven Gedächtnis der Deutschen bis heute als negative lieux de mémoire einen besonderen Platz einnehmen.
Louvois’ politisches und militärisches Wirken, das insgesamt gesehen als vergleichsweise gut erforscht gelten kann, wird nun durch die hier zu besprechende, von Nicole Salat und Thierry Sarmant herausgegebene Quellenedition weiter erhellt, die 163 zum überwiegenden Teil bisher noch nicht oder nur teilweise gedruckte Briefe des Kriegsministers an Ludwig XIV. enthält. Die Edition erfasst die Briefe Louvois’ aus dem Zeitraum vom Juni 1679 bis zum Juli 1691 und dokumentiert somit die französische Politik und Kriegführung in den Jahren nach der Beendigung des Holländischen Krieges bis zum Tode Louvois’ während des Neunjährigen Krieges.
Der Band erfüllt die Ansprüche, die an eine moderne Edition gestellt werden. Die instruktive Einleitung von Thierry Sarmant verdeutlicht den großen Quellenwert der Briefe Louvois’. Die Kopfregesten zu den einzelnen Schreiben enthalten Ausstellungsdatum und -ort, kurze inhaltliche Betreffe und die jeweilige Überlieferung. Die Briefe werden im Volltext abgedruckt, wobei Interpunktion, Akzentsetzung sowie Groß- und Kleinschreibung dem heutigen Gebrauch angepasst wurden, um die Verständlichkeit der Texte zu erleichtern. In den Briefen genannte Personen und Orte werden nachgewiesen. Allerdings sind die Personalanmerkungen nicht immer mit Literaturhinweisen versehen. Wichtige Sachverhalte, die erläuterungsbedürftig sind, werden ebenfalls in den Fußnoten kommentiert, oftmals unter Heranziehung ungedruckter Quellen. Insgesamt gesehen macht die Kommentierung einen soliden Eindruck, auch wenn einzelne Fehler zu konstatieren sind. So wird Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg nicht bei seiner ersten Nennung im Text («M. de Brandebourg» S. 63) in einer Personalanmerkung nachgewiesen, sondern erst bei seiner zweiten Nennung, und zwar mit dem verwirrenden Hinweis, dass er 1713 preußischer König war bzw. wurde (S. 205 Anmerkung 2).
Die Edition bietet eine Reihe von Serviceleistungen, die dem Benutzer eine gute Orientierung und einen schnellen Zugriff ermöglichen. So findet sich zu Beginn eines jeden Jahresabschnitts ein kurzer Überblick mit wichtigen Daten und Ereignissen, und den einzelnen Monaten des Editionszeitraums sind kurze Regesten mit den jeweils wichtigsten Themen der Briefe Louvois’ vorangestellt. Überdies enthält der Band ein Glossar, das vor allem im Hinblick auf die von Louvois verwendeten Fachtermini zum Befestigungswesen von großem Nutzen ist, sowie ein Orts- und Personenregister.
Die Briefe Louvois’ umfassen ein breites Spektrum an Themen und Informationen. Es finden sich detaillierte Berichte über den Versailler Schlossbau bis hin zu Nachrichten über die Lage in Siam – Louvois diente eben als umfassender Informant seines Königs. Den eindeutigen Schwerpunkt der meisten Schreiben des Kriegsministers bilden jedoch die Militaria. Die Briefe sind daher eine wahre Fundgrube für Militärhistoriker. Anhand dieser Schreiben lassen sich die Inspektionsreisen Louvois’ bis in die Einzelheiten hinein nachvollziehen, der Benutzer erhält einen tiefen Einblick in die französische Fortifikationskunst jener Zeit, und es wird anhand der Korrespondenz Louvois’ erkennbar, dass Ludwig XIV. über ein fundiertes Wissen in militärischen Fragen verfügte. Für Historiker, die sich zum Beispiel mit dem Befestungswesen dieser Epoche oder auch mit dem Wirken Vaubans beschäftigen, ist diese Edition wahrlich ein Muss.
Der Gehalt der Briefe Louvois’ erschöpft sich jedoch, wie bereits angedeutet, nicht in militärischen Fragen, sondern er erlaubt auch Einblicke in die Methoden und Ziele der französischen Außenpolitik jener Jahre. Ein Beispiel dafür sei genannt. So stößt man in dem Brief vom 15. Juni 1679 auf die interessante Bemerkung Louvois’, es gehe darum – gemeint ist die französische Reunionspolitik –, die domination Ludwigs XIV. suivant le véritable sens du traitté de Munster (S. 26) auszudehnen. Hier erkennt man also ganz unverhüllt, dass die französische Seite glaubte, den Westfälischen Frieden so auslegen zu können, dass das expansive Vorgehen Ludwigs XIV. im Rahmen der Reunionen mit den Bestimmungen des Friedensschlusses von 1648 in Einklang zu bringen war.
Wer erwartet hätte, dass die Briefe Louvois’ an den französischen Monarchen auch Einblicke in die zerstörerische französische Kriegführung in der Pfalz 1689 erlauben, wird allerdings enttäuscht. Aus dem betreffenden Zeitraum liegt nicht ein einziges Schreiben des Kriegsministers an den König vor, was Sarmant in seiner Einleitung zu der nachvollziehbaren Vermutung veranlasst, dass diese Überlieferungslücke wohl kein Zufall ist, sondern möglicherweise ein Resultat gezielter Vernichtung von belastenden Korrespondenzen.
Auch enthalten die Briefe Louvois’ keine systematischen, denkschriftartigen Ausführungen größeren Umfangs zu den Grundlagen und Maximen der französischen Außenpolitik und Kriegführung. Vielmehr dominiert die Übermittlung politischer und militärischer Details. Die Briefe dienten in erster Linie zur Information des Herrschers; Louvois bezweckte mit ihnen keine Reflexionen prinzipieller Art, keine großen Synthesen zu den Fragen von Krieg und Frieden.
Dass der Quellenwert der Briefe Louvois’ dennoch als vergleichsweise hoch zu veranschlagen ist, liegt auch und gerade daran, dass sie nachvollziehbar machen, wie die Informations- und Entscheidungsprozesse im Zusammenspiel von Herrscher und Minister konkret verliefen. Ludwig XIV. erscheint hier weniger als »roi capitaine et soldat«, sondern, wie Sarmant einleitend mit guten Gründen hervorhebt, vielmehr als ein »roi bureaucrate«, der sich bis in die Einzelheiten hinein mit Fragen militärischer Art befasste und der sich auf diesem Terrain beachtliche Detailkenntnisse angeeignet hatte. Insofern liefert die vorliegende Quellenedition weitere Mosaiksteine für die Erforschung des ludovizianischen Regierungssystems. Sie sei daher ausdrücklich nicht nur Militärhistorikern empfohlen.
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