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J.-L. Quantin, J.-Cl. Waquet (Hg.): Papes, princes et savants dans l'Europe moderne (Josef Johannes Schmid)

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Papes, princes et savants dans l’Europe moderne. Mélanges à la mémoire de Bruno Neveu. Réunis par Jean-Louis Quantin et Jean-Claude Waquet

Francia-Recensio 2008/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Papes, princes et savants dans l’Europe moderne. Mélanges à la mémoire de Bruno Neveu. Réunis par Jean-Louis Quantin et Jean-Claude Waquet, Genf (Droz) 2007, XII–441 S., ISBN 2-600-01125-0, CHF 75,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Josef Johannes Schmid, Mainz

Todesfälle ankündigen zu müssen gehört nicht zu den angenehmen Pflichten menschlichen Lebens. Der wissenschaftliche Betrieb macht davon keine Ausnahme, zumal wenn es sich um verdiente, fachlich wie menschlich exemplarische Persönlichkeiten handelt und noch dazu alle Elemente eines »décès prématuré & brutal« vorliegen.

Unzweifelhaft treffen diese Charakteristika auf das Hinscheiden einer der bemerkenswertesten und originellsten Historikerpersönlichkeiten der letzten Jahrzehnte zu: am 24. März 2004 ist Bruno Neveu während einer Reise ins Heilige Land im griechisch-katholischen Patriarchat zu Raboueh verstorben.

Media in vita sumus […] – diese grundlegende Einsicht abendländischer Existenz vermag aber trotz des Anlasses nicht nur das Hinscheiden des Widmungsträgers zu illustrieren, sie bezeichnet vielmehr darüber hinaus die eigentliche Mitte seines Lebens und Forschens. Bruno Neveu repräsentierte im vollen Umfang jenen einst klassischen Typ des okzidentalen Denkers, für den Forschungsgeist, Erkenntnisdrang und Treue zur christlichen Überlieferung nicht nur keinen Widerspruch, sondern ein Gebot der Vernunft und einen Ausbund des menschlichen Wesens darstellen.

Dieser heute, im Umfeld von banaler Säkularisierung, von Reduktion der Wissenschaften auf Beziehungs- und Weltanschauungsgeflechte und Ablösung der historischen Grundfragen durch Methodendiskussionen, nicht mehr häufig anzutreffenden Synthese gerecht geworden zu sein, ist das große Verdienst der Herausgeber. Auf über vierhundert Seiten treten dem Leser Aspekte dessen gegenüber, was nicht nur dem Verstorbenen teuer und wichtig war, sondern woraus sich die Kulturgeschichte des 16.–18. Jhs. nährt.

Das ist zunächst die Frage der erudierten Edition und Übersetzung, zumal der Heiligen Schrift, welcher Gigliola Fragnito mit Fokus auf das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert einen illustrativen Artikel widmet. Nicht jede Literatur der Zeit aber war christlich – als Dokument eines vermeintlichen Zusammenpralls können Montaignes Essais gelten, deren Schicksal vor der römischen Inquisitionsbehörde J.-R. Armogathe und V. Carraud nachgehen. Die Frage der Reinhaltung christlichen Glaubens im Italien des 18. Jhs. im Gefolge Muratoris erörtert Paola Vismara, während S. H. de Franceschi den Aufeinanderprall gallikanischer und römischer Standpunkte im berühmten Religionsgespräch zwischen Bellarmin und Duval anno 1614 analysiert. Der Betrachtungshorizont weitet sich mit S. de Dainville-Barbiches gewohnt souveräner Darstellung der politischen Konnotationen des Gallikanismus anhand der Rezeptionsgeschichte lehramtlich-päpstlicher Äußerungen von Ludwig XV. bis nach dem Abschluß des Konkordats von 1801 – ohne Zweifel eines der Hauptelemente zum Verständnis französischer Geschichte der Zeit über alle Umbrüche hinweg. Weniger universal, dafür aber kurios und nicht minder interessant ist die von Giuseppe M. Croce vorgestellte Geschichte »Spoglio des Cardinals Pacca« im vatikanischen Geheimarchiv.

Im zweiten Teil liefert Y. Louskatoff ein anschauliches Bild Kardinal Barberinis anhand der Korrespondenz Mazarins mit dem Jesuiten Duneau, Paul Sonnino setzt in überaus überzeugender Weise das französische Vorgehen gegen die Generalstaaten unter Ludwig XIV. mit dessen Religionspolitik in Beziehung und R. A. Beddard erörtert Bedeutung und Rolle Königin Henriette Marias während ihrer letzten Lebensjahre 1660–1662 für die Wiedereröffnung der Londoner katholischen Chapel Royal zu Beginn der Restauration. Im Zwischenfeld von Kultur- und Diplomatiegeschichte siedeln sich sodann die Beiträge von Ph. Dieudonné zur mitunter ganz unfriedlichen Ergebnisgeschichte der pax Clementina von 1668, von Jean-Claude Waquet über verschiedene Konzeptionen und Möglichkeiten diplomatischen Vorgehens unter Ludwig XIV., erörtert anhand der Instruktionen und Berichte französischer Gesandter am toskanischen Hof, und schließlich John Rogisters erhellende Darstellung der dynamisch-dynastischen Ambition des Prinzen von Carignan und seiner Frau an.

Beschlossen wird der Band durch eine der dritten Passion des Verstorbenen gewidmete Sektion zur Geschichte der respublica litterarum: J. M. Grès-Gayer sieht zurecht Jean de Launoy als Aristarch seiner Zeit, J.-L. Quantins verfolgt die Rezeptionsgeschichte Le Nain de Tillemonts in England vor Gibbons, und J.-L. Ferrary setzt die Erörterungen des Abbé de La Bletterie und Gian Vincenzo Gravinas zur römischen Kaisergeschichte in Beziehung. In wieweit römisch-päpstliche Kurie und Gelehrtenrepublik der Zeit wechselseitig verbunden waren, untersucht Mario Rosa, während Pietro Stella der Wirkungsgeschichte der geistlichen Schriften Quesnels im Italien des 18./19. Jhs. nachgeht und schließlich M. Fumaroli Bedeutung und Stellung Seroux d’Agincourts für die literarische Welt würdigt.

Umrahmt wird der Band von Beiträgen der Herausgeber zur Bedeutung des Verstorbenen für Kirchen- und Diplomatiegeschichte, schließlich durch eine Gesamtbibliographie seiner Schriften.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es gelungen ist, nicht nur Autoren und Beiträge von einer Sujet und Anlass angemessenen Qualität und Ausrichtung zu vereinen, sondern auch darüber hinaus einen Band zu veröffentlichen, der nicht nur keine Kennzeichen oftmals bemühter Fest- und Gedenkschriftenliteratur aufweist, sondern durchaus als lebendiges Monument ernsthafter und stimmiger Historiographie gelten kann.

So bleibt dieser Band als Vermächtnis dessen, den L. Stefanini auf den letzten Seiten zurecht als »cardinal vert« bezeichnet, Ausdruck und Summe der für Bruno Neveu grundlegenden Frage: »Qu’est-ce, au plus intérieur, qu’être catholique« (S. 21)?

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J.-L. Quantin, J.-Cl. Waquet (Hg.): Papes, princes et savants dans l'Europe moderne (Josef Johannes Schmid)
In: Francia-Recensio, 2008-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-2/FN/Quantin_Schmid
Dokument zuletzt verändert am: Feb 24, 2012 05:23 PM
Zugriff vom: May 23, 2012