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V. Meyzie: Les illusions perdues de la magistrature seconde (Josef Johannes Schmid)

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Vincent Meyzie, Les illusions perdues de la magistrature seconde

Francia-Recensio 2008/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Vincent Meyzie, Les illusions perdues de la magistrature seconde, Limoges (Pulim) 2006, 639 S. (Histoire), ISBN 978-2-84287-387-5, EUR 30,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Josef Johannes Schmid, Mainz

Auf die Frage nach den Ursachen der Ereignisse von 1789 und der folgenden Jahre wusste die Geschichtsschreibung bislang eine reich bestückte Palette der diversesten Erklärungsmuster anzubieten. Die Rolle der Provinzialrichter und -verwaltungsbeamten verschiedenster Rangstufe und Zuständigkeiten stand dabei nicht unbedingt im Zentrum der Betrachtung. Diesem Umstand will – sagen wir es gleich zu Beginn – und kann die nunmehr vorliegende Arbeit von Vincent Meyzie zu einem großen Teil abhelfen.

Dabei ist es angesichts des Anspruchs der Fragestellung nicht verwunderlich, dass hierbei eine Einschränkung vorgenommen werden musste. Der Autor bescheidet sich, wie der Untertitel es ja auch angibt, mit den Angehörigen der magistrature seconde, welche von der zweiten Hälfte der Regierungszeit Louis’ XIV bis hin zu Napoléon Ier in den présidiaux von Limoges, Tulle, Périgeux und Sarlat Dienst taten. Trotz dieser Einschränkung ergibt dies die erkleckliche Zahl von insgesamt 430 untersuchten Persönlichkeiten, welche in einem zweiten Teil des Werkes individuell, prosopographisch und statistisch untersucht werden. Diese ca. 70 Seiten Tabellen und Übersichten stellen ohne Zweifel den Höhepunkt der vorliegenden Veröffentlichung dar, und man muss gar nicht das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis in extenso studieren, um den dazu nötigen Arbeitsaufwand abschätzen zu können. Die Übersichten sind intelligent angelegt, die nötige Information (Nachweise) seriös und nachvollziehbar gegeben.

Schon ein Blick auf den Umfang des Werkes (70 Seiten Tabellen, 10 Seiten Quellenanhang, 52 Seiten Quellen- und Schrifttumsverzeichnis, also zusammen ca.130 Seiten Dokumentation von insgesamt 639 S.) aber belehrt uns, dass dies nicht die Hauptintention des Verfassers darstellte. Das Buch erhebt weniger lexikalischen als allgemein sozial- und verwaltungshistorischen Anspruch, ein Unterfangen, welches den Rest der Darstellung einnimmt.

Hier nun gesellt sich zu dem an sich erfreulichen Gesamtbild dann doch – und wohl auch unvermeidlicherweise – einiges an (Nach-)Fragen. Zwar gelingt es dem Verfasser sehr überzeugend, Herkunft, Ämterdichte (cumul) und politisches Verhalten seiner Hauptakteure schlüssig zu analysieren und daraus Hauptlinien einer für diese Gruppe zutreffenden mentalitätsgeschichtlichen Entwicklung über 150 Jahre aufzuzeigen. So ist z. B. der Anspruch der im Périgord und Limousin 1688/89 errichteten chambre souveraine, das Ideal des parfait magistrat chrétien zu verkörpern – oder zumal dazu anzuspornen – gut erkannt. Ob deren vermeintliches Scheitern aber wirklich einem »dysfonctionnement pathologique et anachronique de l’institution« zuzuschreiben ist, sei dahingestellt. Zu sehr werden hier mitunter Termini des aktuellen historischen Mainstream bemüht, zuweilen entsteht der – unbegründete? – Verdacht, man passe gar das Ergebnis der quellenmäßigen Untersuchung deren Kategorien an – ein Punkt, für den auch der durchaus tendenziöse Titel spricht.

Dies soll das allgemeine Verdienst der Arbeit in keiner Weise schmälern; vor allem die Schilderung der Spannungen innerhalb der Institutionen, der verschiedenen Verwaltungsebenen und auch die Auswirkungen der fatalen Entscheidung der administration louis-quinzienne ab ca. 1740 angesichts der drückenden und durch die nun erneut beginnenden Kriege wieder zunehmenden Belastungen des Staatsetats die Stärkung des état de finance zu Lasten des état de justice zu forcieren, sind nachvollziehbar. Hier werden wichtige und weitreichende Weichenstellungen gut erkannt und herausgearbeitet. Ob dies aber wirklich der ausschlaggebende Grund für eine zunehmende und vom Autor für die Jahre um 1750 konstatierte Entfremdung zwischen Amt und Amtsinhaber ist, bleibt diskutierbar. Hier hätten eventuell andere Faktoren (Familie, gesellschaftliche Zirkel, ›gelenkte Interessen‹) näher untersucht werden müssen, was Umfang und Materie natürlich weiter ausgedehnt hätte. Ebenso wird auf dem quasi unumstößlichen Weg zur Revolution einschneidenden Initiativen von anderer Seite, vor allem der révolution monarchique 1770 und den folgenden Jahren nicht die gebührende Aufmerksamkeit gezollt – dies hätte das mitunter schiefe, wiewohl heute verbreitete Bild der historischen Fatalität womöglich modifiziert.

Allgemein bleibt festzuhalten: die auf dem Gebiet der Verwaltungsgeschichte erzielten Ergebnisse stellen zwar nicht in jeder Hinsicht verblüffende Neuheiten dar, Ähnliches hatte die entsprechende Forschung der vergangenen Dezennien bereits zutage gefördert, wenn auch vor einem anderen Untersuchungshintergrund. Dennoch gibt die Studie Einblick in einige wesentliche Aspekte eines bislang eher stiefmütterlich behandelten sozialen Umfelds und trägt so, vor allem auch durch die Wahl eines langen Untersuchungszeitraums, in nicht geringem Maße zur Erweiterung unseres historiographischen Horizontes bei.

Leider konnte sich der Verlag – obwohl in universitären Händen – nicht entschließen, das gesamte Manuskript zu veröffentlichen; der dem Werk vorangestellte »Avertissement«, dass weite Teile des Anhangs und des kritischen Apparats den »besoins de l’édition« zum Opfer gefallen, aber in der in den Universitätsbibliotheken verfügbaren maschinenschriftlichen Version konsultierbar seien, mag den Leser nicht wirklich trösten. Gerade eine so stark dokumentarisch angelegte Arbeit wie die vorliegende hätte wohl just dieser Elemente, ebenso wie auch eines Registers (!), bedurft …

Diese außerhalb der Verantwortung des Autors liegenden Punkte schmälern aber keineswegs, das sei ausdrücklich betont, dessen oben aufgezeigte Meriten.

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V. Meyzie: Les illusions perdues de la magistrature seconde (Josef Johannes Schmid)
In: Francia-Recensio, 2008-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-2/FN/Meyzie_Schmid
Dokument zuletzt verändert am: Feb 28, 2012 12:50 PM
Zugriff vom: May 23, 2012