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M. R. Lynn: Popular Science and Public Opinion in Eighteenth-Century France (Johannes Bronisch)

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Michael R. Lynn, Popular Science and Public Opinion in Eighteenth-Century France

Francia-Recensio 2008/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Michael R. Lynn, Popular Science and Public Opinion in Eighteenth-Century France, Manchester (Manchester University Press) 2006, 224 S. (Studies in Early Modern European History), ISBN 0-7190-7373-1, GBP 50,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Johannes Bronisch, Berlin/Leipzig

Neuere Entwicklungen in der Wissenschaftshistoriographie zeichnen sich vor allem durch fortschreitenden Verzicht auf ein in Darstellungen und Interpretationen der Vergangenheit allzu häufig und allzu unangezweifelt zugrunde gelegtes »Fortschrittlichkeitskriterium« aus. In der so veränderten Perspektive auf die Wissenschaftsgeschichte schlägt sich das postmoderne Bewusstsein für die Schattenseiten von Rationalisierung und Technisierung nieder. Befreit vom Zwang, die historische Entwicklung naturwissenschaftlich-technischer Forschung teleologisch auf die Realität der modernen Lebenswelt zulaufen zu lassen, werden verstärkt Praktiken der Wissenschaftsgeschichte in den Blick genommen, deren Bedeutung sich nur aus der Einbettung in die Kultur- und Sozialgeschichte der jeweiligen Epoche erschließt.

Die anzuzeigende Studie von Michael R. Lynn, Associate Professor am Agnes Scott College in Decatur, USA, schreibt sich in diese Forschungsrichtung ein. Lynns Gegenstand ist das Frankreich des siècle des Lumières. Mit diesem zeitlichen Fokus, sowie vor allem mit einem das Verhältnis von »Wissenschaft« zu »Öffentlichkeit« problematisierenden Ansatz entspricht der Autor einer bereits seit einiger Zeit bevorzugten Fragestellung der Forschung. Für den deutschen Sprachraum läge eine Vergleichsstudie etwa in Form von Oliver Hochadels Untersuchung der Elektrizität in der Aufklärung vor1. Zwar dominieren auch in Lynns Darstellung die physikalischen Wissenschaften im weitesten Sinne. Jedoch wird auf eine Festlegung auf einen bestimmten, engeren Wissenschaftszweig verzichtet und somit die kultur- und sozialgeschichtliche Herangehensweise der Untersuchung noch weiter in den Vordergrund gerückt.

Der größte Teil des Buches, die Kapitel 2 bis 4 (S. 15–96), widmet sich der Fragestellung nach der Popularisierung von Wissenschaft und den sich daraus für die Praktiken der Wissenschaft, ihre öffentliche und semi-öffentliche Soziabilität und ihre Kommerzialisierung ergebenden Folgen. Im Mittelpunkt steht hierbei die öffentliche Wissenschaftskultur der französischen Hauptstadt Paris. Dem Autor gelingt es unter anderem, eine urbane »Geographie« öffentlich-populärer Wissenschaft nachzuzeichnen, die »the important presence of science within urban culture« (S. 55) anschaulich belegt und in ihrer beeindruckenden Entwicklung analysiert. Anfänglich ein Phänomen der rive gauche, angesiedelt in der Nähe universitärer Einrichtungen und ausgerichtet auf ein aus Studenten und Besuchern aus der Provinz zusammengesetztes Publikum, erreichten effektvolle elektrische und optische Demonstrationen bald die Unterhaltungsetablissements des boulevard du Temple und in den 1770er Jahren schließlich den Palais Royal und sein Umfeld. Das cabinet de physique Jean Paul Marats in der rue Saint-Honoré ist in diesem Kontext nur ein zufälliges Beispiel einer facettenreichen wissenschaftlich-urbanen Sphäre jenseits der in Akademien und Universitäten institutionalisierten »Spitzenforschung«. Die hier zu beobachtenden Praktiken und das damit verbundene Selbstverständnis der »popularizers of science« sind zum Teil radikal von denen nüchterner »moderner« Wissenschaftlichkeit im heutigen Sinne unterschieden. Das Paris am Vorabend der Revolution, das Lynn beschreibt, war eine Stadt, in der experimentelle Physik allenthalben als Unterhaltungsangebot gegen Bezahlung, als Gegenstand privater Sozietäten mit dazugehörigen Instrumentensammlungen und Bibliotheken oder als Konversationsthema der Salons angetroffen werden konnte.

Mit den Kapiteln 5 und 6 (S. 97–147) wechselt – nicht ganz bruchlos – die Untersuchungsperspektive des Autors hin zu zwei Fallbeispielen, zum einen der Praxis des »Wünschelrutengehens« einschließlich der sich darüber durch das gesamte 18. Jh. ziehenden wissenschaftlichen Diskussion, zum anderen der ungleich berühmteren Heißluftballonfahrten der Brüder Montgolfier vom Jahr 1783 an. So aufschlussreich die Darstellungen Lynns in diesen Passagen auch sind, die Analyse der Wirkmechanismen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit wird anhand dieser stärker deskriptiven Kapitel nicht mehr wesentlich vertieft, sondern eher weiter exemplifiziert.

Das Fazit der Untersuchung bleibt ambivalent. Um 1790 seien, so Lynn, Anzeichen eines Niedergangs populärer Wissenschaftskultur zu verzeichnen. »Popular science still existed, but a conscious divide was created between popular and elite science« (S. 148). Auch wenn der Autor sich letztlich unentschieden zeigt, spricht in seinen Beobachtungen vieles dafür, dass ein erheblicher Teil der Formen populärer Wissenschaft mit ihrer »mixture of science with mystery and spectacle« (S. 151) als ein Teil der Kulturgeschichte des Ancien régime verstanden werden muss, der durch die Revolution nicht direkt beseitigt, dem aber in Folge einer durchgreifenden Politisierung der Öffentlichkeit schon bald indirekt der Boden entzogen wurde. Die hier sich andeutenden Interdependenzen zwischen frühen wissenschaftlichen und nachfolgenden politischen Öffentlichkeiten dürften weiterer Untersuchungen wert sein.

1 Olivier Hochadel, Öffentliche Wissenschaft. Elektrizität in der deutschen Aufklärung, Göttingen 2003.

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M. R. Lynn: Popular Science and Public Opinion in Eighteenth-Century France (Johannes Bronisch)
In: Francia-Recensio, 2008-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2008-2/FN/Lynn_Bronisch
Dokument zuletzt verändert am: Oct 29, 2008 10:15 PM
Zugriff vom: May 23, 2012