Écrire son histoire (Michael Quisinsky)
Écrire son histoire. Les communautés
régulières face à leur passé. Actes
du 5e
colloque international du C.E.R.C.O.R., Saint-Étienne, 6–8
novembre 2002, Saint-Étienne (Publications de l’université de
Saint-Étienne) 2006, 694 S., ISBN2-86272-358-4, EUR 45,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Michael Quisinsky, Meyrin
Der vorliegende Band schreibt sich ein in die Reihe der gegenwärtig in Frankreich und Deutschland unternommenen Studien zur memoria. Die Geschichtsschreibung reflektiert hierbei in einer Weise über sich selbst, die von einer Vielzahl konkreter Untersuchungsgegenstände nicht nur nicht absehen kann, sondern von diesen zuallererst generiert und sodann genährt wird.
In den 35 Beiträgen des Sammelbandes, der eine vom C.E.R.C.O.R. (Centre européen de recherches sur les congrégations et ordres religieux) veranstaltete Tagung dokumentiert, werden zahlreiche Beispiele ausgewertet, wie religiöse Gemeinschaften mit ihrer Geschichte umgingen. Diese entwickelten Formen der Geschichtsschreibung, durch die sie sich in der longue durée verorten konnten, mittels derer sie eine je spezifische memoria konstruieren und rekonstruieren konnten und schließlich diese mitsamt der mit ihr verbundenen Identität zu tradieren versuchten. Diesen Aspekten der Geschichtsschreibung religiöser Gemeinschaften entsprechen die drei Kapitel, in die die Beiträge unterteilt sind. Dabei kommt eine Vielzahl von Ordensgemeinschaften mit verschiedenen europäischen Schwerpunkten in den Blick, wobei die Geschichte Clunys in mehr oder weniger expliziter Form eine Reihe der Beiträge mitbestimmt. Indem die Beiträge des Bandes die jeweilige Geschichtsschreibung darstellen und analysieren, historisieren sie diese zugleich auch. Der Reiz der für diesen Band gewählten Herangehensweise besteht darin, dass mit den religiösen Gemeinschaften jeweils ein »Mikrokosmos« (S. 676) gegeben ist, der eine Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes und damit das z.T. scharf konturierte Herausarbeiten bestimmter Formen des Umgangs mit der Geschichte ermöglicht, die trotz ihrer Konkretheit nicht selten weitreichende Implikationen beinhalten.
Eine besondere Rolle kommt in der Geschichtsschreibung der Ordensgemeinschaften dem religiösen Interesse zu, von dem sie in verschiedener Form geleitet ist. So konnte sich die Geschichtsschreibung neben schriftlichen Quellen auch an Reliquien, geprägten Orten, Bildern und der im vorliegenden Band etwas hintanstehenden Liturgie mit ausrichten. Aufschlussreich ist, wie dabei jeweils die Frage nach der Autorität beantwortet wurde, die einzelnen Quellen zugedacht wurde. Die Geschichtsschreibung in den Orden konnte im Einzelnen von unterschiedlichsten Motivationsmomenten mitgeprägt erfolgen, von denen hier nur einige wenige skizziert werden können. Immer wieder wurde etwa der Versuch deutlich, sich selbst als Teil der Kirchen- bzw. Heilsgeschichte zu verstehen (vgl. z.B. den Beitrag von Bernard Merdrignac über bretonische Benediktiner in Landévennec). Andererseits konnte die Spiritualität eines Ordens wie dem der Kartäuser auch ein zunächst gleichsam geschichtsloses Zeitverständnis favorisieren, wie die Formulierung Sylvain Excoffons vom »éternel présent de la prière« (S. 125) zeigt. In politischen, aber auch spirituellen Krisenzeiten diente die identitätsstiftende und überlebenssichernde Geschichtsschreibung der restauratio wie der renovatio, mitunter gar einem aggiornamento, wie Denyse Riche am Beispiel Clunys entfaltet (S. 209ff.). Auch Jean-Marie Le Gall bringt übrigens den letztgenannten Begriff für die Geschichtswissenschaft ins Spiel, der durch Papst Johannes XXIII. und das II. Vaticanum (1962–1965) zunächst innerkirchliche und theologische Wirkmächtigkeit erlangte (S. 512). Neben anderen Aspekten beinhaltet er in der Anwendung auf die Ordensgeschichte auch das Diktum Daniel-Odon Hurels, der am Beispiel der Mauristen ausführt: »une réforme doit avoir une histoire pour exister« (S. 271). Nicht selten stand eine motivierte Geschichtsschreibung nicht nur im Dienst der Reform, sondern auch der Aufrechterhaltung einer gewissen Unabhängigkeit eines Ordens bzw. eines Klosters von politischem oder kirchlich-hierarchischem Einfluss. Für die heutige Geschichtswissenschaft sind nicht nur die jeweils leitenden oder zu beeinflussen gesuchten Beziehungen zum Papsttum aufschlussreich, sondern auch jene zum geographischen Raum, in dem sich die konkrete Geschichte eines Ordens, einer Gemeinschaft bzw. eines Klosters abspielte (vgl. z.B. den Beitrag von Florian Mazel). Damit können für das historiographisch wie theologisch folgenreiche Deutungsmodell der chrétienté, das die enge Verflechtung kirchlicher und politischer Verhältnisse in weiten Teilen Europas beschreibt, insofern wichtige Nuancen herausgearbeitet werden, als die chrétienté in der Regel in ihrer lokalen Konkretion erfahren und erlebt wurde (vgl. Alexis Grélois, S. 388). Das Verhältnis zur Geschichte und ihrer Deutung bestimmte maßgeblich die Frage nach der Definition der eigenen Identität in der Gegenwart. So mussten etwa die Dominikaner im 19. Jh. nach ihrer Neugründung in Frankreich um den Umgang mit der Gegenwart ringen (Bernard Montagnes, S. 429), während im Kontext der Wiedervereinigung des Franziskanerordens zu Beginn des 20. Jh. die Frage zu klären war, welche Geschichte und Gestalt denn den wahren Orden ausmachten, wie der Beitrag von Frédéric Meyer herausarbeitet.
Viele der in den einzelnen Beiträgen entfalteten Aspekte sind auch dann für die Geschichtswissenschaft von Bedeutung, wenn das Interesse nicht primär der Verflechtung religiöser und historiographischer Momente in der Geschichtsschreibung gilt. Eigens zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang der Beitrag von Donatella Nebbiai über die Entstehung von Archiven und Bibliotheken im 11. bis 13. Jh. (S. 531–541). Historiographisch weit über die in diesem Band behandelten konkreten Beispiele hinaus aufschlussreich sind aus heutiger Sicht schließlich auch Formen der Geschichtsschreibung, in denen z.B. aus Gründen einer Legitimation gegenwärtiger oder angestrebter Zustände die Grenzen zwischen historisch Nachweisbarem und (nunmehr) nachweisbarer Fiktion fließend wurden.
»L’histoire, c’est un travail de deuil sur la mémoire qui transforme le passé en une force vitale pour le présent et pour l’avenir. Et le travail de l’écriture de l’histoire – le leur, le nôtre –, c’est très exactement cet effort de réconciliation dynamique des temps« (S. 683). Dieses Schlusswort Jacques Dalaruns fasst die Ergebnisse des vorliegenden Bandes in einer prägnanten und für die Geschichtswissenschaft insgesamt vielversprechenden Weise zusammen.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

