A. Ackermann: Paris, London und die europäische Provinz (Christine Howald)
Astrid
Ackermann, Paris, London und die europäische Provinz. Die frühen
Modejournale 1770–1830, Frankfurt a.M., Berlin, Bern u.a. (Peter
Lang) 2005, 484 S. (Europäische Hochschulschriften: Reihe 3.
Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, 1024), ISBN 3-631-54907-5,
CHF 108,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Christine
Howald, Peking
Zeitschriften wie »Elle«, »Vogue« oder »Brigitte« sind ein fester Bestandteil der modernen Alltagskultur. In ihnen entfaltet sich der Diskurs über guten Geschmack, feine Lebensart und aktuellen Chic. Das Bedürfnis nach einem angemessenen und individuellen Lebensstil kam in weiten Teilen der Bevölkerung Ende des 18. Jhs., in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels und der erwachenden Konsumgesellschaft auf. In diese Zeit fällt auch die Geburt der Modejournale, die sich um 1770 aus Vorläufern wie den moralischen Wochenschriften, literarischen Frauenzeitschriften und Kostümbüchern entwickelten und bis 1830 auf dem internationalen Zeitschriftenmarkt etablierten. Diesen frühen Modejournalen widmet nun erstmals Astrid Ackermann eine umfassende Studie.
Auf den ersten Blick verwundert, dass die Arbeit Ackermanns keinerlei Abbildungen enthält. Dieser scheinbare Mangel jedoch ist ein erster Hinweis auf den Fokus der Studie. Ziel der Untersuchung ist es nicht, die Entwicklung von Modetrends und -tendenzen nachzuzeichnen, sondern vielmehr, der Frage nach den Leitbildern von Mode und Geschmack sowie der Programmatik und den Entwicklungstendenzen der einzelnen Journale nachzugehen. Dabei ist es die Intention der Autorin, nicht nur die Vermengung moralischer und ästhetischer Aspekte in den Modejournalen sowie deren Bedeutung in der Diskussion um das Verhältnis der Geschlechter zu untersuchen, sondern zugleich zu erforschen, inwieweit die Magazine ökonomischen Motivationen folgten und ihre Themen mit nationalen Ideen in Verbindung brachten.
Die Autorin verfolgt dabei einen interkulturellen Ansatz. Ihrer Studie legt sie die eingehende Untersuchung von rund 33 Journalen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, England, den Niederlanden und Italien zugrunde. Diese und ihre Leser werden – nach einem einleitenden ersten – im zweiten Kapitel des Buches vorgestellt. Ackermann stellt fest, dass der größtenteils weiblichen Leserschaft zumeist männliche Herausgeber und Autoren gegenüberstanden. Es wird zudem deutlich, dass die Zeitschriften in einem engen Bezugssystem zueinander standen, in dem anfangs die französischen, später auch die englischen Journale die Leitfunktion übernahmen.
Das allgemeine Ziel der Journale war die Erziehung zu gutem Geschmack, wie das dritte Kapitel zeigt. In der sich entwickelnden Konsumgesellschaft wurde Stil zugleich zu einem Mittel der sozialen Distinktion wie auch der sozialen Chancen. Stilsicherheit galt als Zeichen der Fortschrittlichkeit: »Geschmack zu haben hieß, Äußerliches und Inneres in Deckung zu bringen, das eigene Leben zu kultivieren und damit auch einen Beitrag zur gesellschaftlichen Fortentwicklung zu leisten« (S. 96). Ausgehend von der Annahme natürlicher Geschlechtercharaktere definierten die Journale Geschmack als Merkmal des weiblichen Geschlechts. Zum Ausdruck kam er in der gesamten Lebensweise, etwa in der Kleidermode, der Wohnungseinrichtung oder den gesellschaftlichen Umgangsformen.
Die über die Journale transportierte Geschlechterdiskussion wird in Kapitel vier untersucht. Der mit der Wende zur Moderne einhergehende Wandel des Verhältnisses zwischen Mann und Frau war eines der Hauptthemen der Magazine, die jedoch nicht die soziale Praxis widerspiegelten, sondern vielmehr auf moralphilosophischer Ebene diskutierten. Die Journale beanspruchten in Fragen der Geschlechterspezifika Meinungsführerschaft und präsentierten sich als ein Sprachrohr der weiblichen Leserschaft. Diese wurde zumeist in Bezug auf Männer gedacht. Die den Frauen zugedachte Aufgabe lag den Magazinen zufolge in der Veredelung des männlichen Geschlechts, die durch eine Verfeinerung der Weiblichkeit sowie eine Erziehung zu Natürlichkeit und Angemessenheit erreicht werden sollte: »Die Frauen sollten entsprechend liebenswürdig, anmutig und gefällig in ihrem Verhalten sein, kulturell versierte Gesellschafterinnen, die die vom Arbeitsleben geprägte Existenz des Mannes zu ›überstrahlen‹ vermochten« (S. 198).
Um die Magazine als Orte des nationalen Denkens geht es im fünften Kapitel der Studie. Obwohl sich die deutschen, niederländischen und italienischen Journale an Frankreich und England orientierten, waren sie zugleich ein Forum für die Idee der nationalen Abgrenzung: »Nationale und ›internationale‹ Elemente stellten immer eine Art Synthese dar. Dies zeigt [...], dass Nationalkulturen keine geschlossenen Systeme sind: Sie bildeten sich erst im Austausch untereinander aus und bestätigten sich durch die Abgrenzung voneinander immer wieder neu« (S. 424). Nationale Ideen konnten in allen Themenbereichen transportiert und mit der Geschmacksfrage verknüpft werden. Die Leserinnen wurden zum patriotischen Handeln durch das Tragen von Nationalkleidung und den Boykott ausländischer Produkte aufgerufen und damit zu Mittlerinnen der nationalen Idee erzogen. Diese Tendenz steht in Zusammenhang mit den ökonomischen Interessen der Journale, die in Kapitel sechs untersucht werden. Die Journale und die regionale Wirtschaft ihres Verbreitungsgebiets standen in einem engen Abhängigkeitsverhältnis: Die Magazine sollten ihre Leserinnen zum Kauf der darin vorgestellten regionalen Waren und Moden anregen, die Verleger erhielten im Gegenzug von den werbenden Unternehmen und Händlern Informationen, Vorlagen und Werbeeinnahmen.
Das letzte Kapitel zur ständischen Abgrenzung macht deutlich, dass die Magazine einen sozial anspruchsvollen, wenngleich nicht auf die Aristokratie beschränkten Leserkreis aufbauen wollten. Auch wenn der Adel noch immer als Vorbild diente und die Herausgeber stolz auf die Leserschaft aus diesen Kreisen waren, verfolgten die Journale das Ziel, einen breiten Kundenstamm anzusprechen, welcher vor allem dem Bürgertum entsprang. Eine ständische Abgrenzung nach unten fand darüber hinaus weniger in einer öffentlich geführten Debatte als durch den Preis und die Zugänglichkeit der meist nur im Abonnement erhältlichen Journale statt.
Die vorliegende Studie macht deutlich, dass die Magazine Spiegel einer Zeit der nationalen Abgrenzung und zugleich des internationalen Austauschs sind. Die Vielfalt ihrer Themen ist einerseits Ausdruck eines neuen, durch die Verdichtung von Kommunikation und die Emotionalisierung des Alltags (S. 102) hervorgerufenen Lesebedürfnisses sowie einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, die breiten Schichten Hoffnung auf einen gehobenen Lebensstil machte. Andererseits ist sie eine Legitimationsstrategie für die Journale selbst: Die Differenzierung der sozialen Rolle von Mann und Frau legte nicht nur die Geschmacksfrage in die Hände des weiblichen Geschlechts, sondern erzog es zugleich zu Konsumentinnen und Verfechterinnen der nationalen Idee. Dies entsprach den regionalen ökonomischen Interessen, die eng mit der Existenz der Journale verknüpft waren. Das Interesse der Herausgeber der ersten Modejournale ist somit verbunden mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Länder, in denen sie erschienen.
Ackermanns Studie vermittelt interessante und neue Einblicke in die Entwicklung der Presse sowie der Konsumgesellschaft des späten 18. und frühen 19. Jhs. Ihre Untersuchung legt erstmalig den Fokus auf populäre Zeitschriften in Verbindung mit einem breit angelegten internationalen Vergleich. Doch gerade der Versuch, zugleich einen allgemeinen Überblick über eine international wie auch regional differenzierte Presselandschaft zu bieten, lässt den Leser mitunter verwirrt zurück. Ackermann hat sich für eine nach Themengruppen, nicht nach Ländern oder Journalen unterteilte Gliederung ihrer Arbeit entschieden. Obwohl sie bemüht ist, die Tendenzen einzelner Länder hervorzuheben, führt die Vielzahl der behandelten Nationen dazu, dass nationale Trends und Unterschiede oft undeutlich bleiben. Länderbezogene Fallstudien hätten dem vorbeugen können. Dies dürfte nun die Aufgabe der weiteren Forschung sein, die sich dank Ackermann auf sorgfältig vorbereitetem Terrain bewegen kann.
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